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„Es geht uns einfach zu gut!“

Vor der Ski-WM gibt der ÖSV- Präsident Peter Schröcksnadel auch Fehler zu. Warum er sich mit 73 Jahren noch immer als Revolutionär sieht.

Die Diskussion um die österreichische Skikrise hat eines Ihrer Lieblingsthemen aktuell gemacht – die Forderung nach Skitrainingszentren.

PETER SCHRÖCKSNADEL: Jeder Fußballklub hat einen Sportplatz. Im Kühtai wird einer für eineinhalb Millionen Euro gebaut – für 50 Leute. Oder damit Inter Mailand zum Trainingslager kommt. Der österreichische Skisport lebt aber nur vom Goodwill der Seilbahnen, ob sie uns ein Training erlauben. Trainingszentren sind ein Zukunftsthema, primär wichtig für die schnellen Disziplinen. Für die technischen Disziplinen haben wir dank der großzügigen Unterstützung der Seilbahnwirtschaft viele Möglichkeiten, die wir aber besser nützen müssen.

Was ist denn dann schuld?

SCHRÖCKSNADEL: Wenn es eine Schuld gäbe, wäre es einfach. Es sind sicher mehrere Gründe für den derzeit fehlenden Slalomnachwuchs verantwortlich. Das Problem kennen wir, wir arbeiten daran. Es fallen einige Jahrgänge heraus. Bei der jüngeren Generation sind wir, wie die EYOF-Spiele (Olympische Jugendspiele, Anm.) gezeigt haben, bereits gut vertreten. Man darf auch nicht übersehen, dass es in vielen anderen Bereichen, egal ob Alpin oder Nordisch, sehr gut läuft. Für mich gibt es aber ein zentrales Thema: das Kämpfen. Bei allen Bedingungen rausgehen, arbeiten, in Bewegung bleiben. Den 150-prozentigen Einsatz habe ich zuletzt immer mehr vermisst.

Bei wem? Den Läufern? Oder den Trainern?

SCHRÖCKSNADEL: Generell. Wir haben die Budgets um 50 Prozent erhöht, aber die Leistungen sind weniger geworden. Das stört mich. Es geht uns einfach zu gut. Und gib einem Satten was zu essen. Das ist das Problem . . . Hungrig musst du sein! Hungrig! Meiner Meinung nach hat sich Bequemlichkeit eingeschlichen.

Früher hatte man das Gefühl, dass es immer kreative Lösungen gegeben hat. Im Moment herrscht eher der Eindruck, dass der Erfolg verwaltet wird . . .

SCHRÖCKSNADEL: Das ist auch mein Wort: Verwalten . . .

Und man hat den Eindruck, dass der größte Revolutionär im Verband Sie sind . . .

SCHRÖCKSNADEL: Immer schon.

Aber wenn der Präsident der Revolutionär ist, läuft was falsch, oder?

SCHRÖCKSNADEL: Man müsste eigentlich dem Präsidenten Gas geben, ja. Es ist leider umgekehrt. Ich bin halt ein kreativer Mensch, das war immer so. Wenn ich sehe, dass sich etwas einschleift, dann muss man was tun.

Was zum Beispiel?

SCHRÖCKSNADEL: Wir haben in den vergangenen Jahren immer mehr individualisiert. Das kann aber auch einen negativen Effekt haben. Das gemeinsame Trainieren im Team hilft. Wenn ich vor lauter individuellem Training den Teamgeist verliere, ist das kontraproduktiv.

Also sollen künftig alle öfter mit Marcel Hirscher trainieren?

SCHRÖCKSNADEL: Das machen wir schon.

Und was sagt er dazu?

SCHRÖCKSNADEL: Das passt schon. Kein Problem.

Bleibt die Frage nach den Allroundern. Die gab es einmal . . .

SCHRÖCKSNADEL: Das war ein Fehler.

Allrounder waren ein Fehler?

SCHRÖCKSNADEL: Eine breite Ausbildung mag unten ganz gut sein, aber ich bin der Meinung, dass du nur da gut sein kannst, wo du Talent hast. Soll heißen: Wenn ich ein Slalomtalent habe, dann werde ich es nicht in die Abfahrt zwingen oder umgekehrt. Nur mit deinen guten Fähigkeiten kommst du weiter. Die Zielsetzung von meiner Seite, dass man in drei Disziplinen gut sein muss, war unter Umständen ein Fehler.

Warum?

SCHRÖCKSNADEL: Weil du nach unten nivellierst. Jeder trainiert das, was er nicht kann, um weiterzukommen, anstatt das, was er gut kann. Auch wenn das eine Philosophiefrage ist, wer letztlich weiterkommt. Wichtig ist, dass wir wieder ganze Gruppen von unten nach oben bringen. So wie früher unter Trainer Toni Giger.

Schönes Stichwort: Unter Toni Giger hielt der Laptop Einzug am Berg, danach hieß es oft: Wir brauchen keinen Laptop, wir brauchen einen schnellen Schwung . . .

SCHRÖCKSNADEL: Giger war der Erste, der gute Analysen gemacht hat, aber er war der Erste, der gesagt hat, dass man einen guten RTL-Schwung fahren muss.

Die wirklich guten Rennfahrer sind ja auch im Gelände am besten, sagt man . . .

SCHRÖCKSNADEL: Genau, das will ich. Wenn ich höre: „Wir haben super trainiert, super Piste“, dann geht es mir hinten kalt hinauf. Das Wesentliche ist, dass man aufs Skifahren nicht vergessen darf. Radlfahren, ja, alles gut und schön. Aber wir tun nicht Radl fahren, wir tun Ski fahren.

Kurz gefasst: Es wird also Änderungen geben?

SCHRÖCKSNADEL: Man muss überlegen, ob das System, mit dem wir sehr viele Jahre erfolgreich waren, haltbar ist, oder ob wir es grundlegend ändern müssen. Wir haben über das System viele Erfolge gehabt. Aber alles, was zu lange in eine Richtung geht, ist irgendwann überholt. Wir haben in Österreich alles, was wir brauchen – aber genau das beflügelt einen nicht zur Kreativität. Wenn ich kämpfen muss, um Geld, um Training, dann werde ich kreativ, weil ich alle Möglichkeiten ausnutze.

Dann könnte man die Budgets für Rennsport kürzen?

SCHRÖCKSNADEL: Man kann sich anders aufstellen. Etwa einen Verantwortlichen bestimmen, der alles koordiniert.

Auch wenn man sich Mühe gibt, nicht immer ist im ÖSV alles eitel Wonne – wie im aktuellen Anlassfall Anna Fenninger.

SCHRÖCKSNADEL: Bitte ersparen Sie mir jeden Kommentar dazu.

Warum sind eigentlich verbandsfremde Manager nicht willkommen?

SCHRÖCKSNADEL: Das ist ja klar! Wenn einer kommt und meint, einen Athleten gegen den ÖSV vertreten zu müssen, warum sollen wir das wollen? Wir tun ja alles für die Athleten.

Und wenn ein Athlet trotzdem nicht mit dem ÖSV will?

SCHRÖCKSNADEL: Dann gibt es kein Problem: Er bekommt die Lizenz und kann sich alles selber zahlen, die Vorbereitung alleine machen, und, und, und. Wenn man aber die Vorteile vom Verband in Anspruch nimmt, dann muss man auch die Regeln akzeptieren. Im Grunde ist jeder Athlet, wenn er will, frei.

Aber wird dieser Diskurs nicht auf dem Rücken einer Läuferin ausgetragen?

SCHRÖCKSNADEL: Von uns sicher nicht. Es gibt keinen Zwist zwischen Anna und dem ÖSV. Sie ist voll integriert. Wir haben ihr unsere Hilfe angeboten. Aber sie wollte einen eigenen Manager. Der muss nun auch für Anna die Verantwortung übernehmen.

Das klingt doch ein bisserl beleidigt?

SCHRÖCKSNADEL: Das bin ich überhaupt nicht. Wenn Anna entscheidet, dass sie einen eigenen Manager haben will, ist das ihr gutes Recht. Damit sind wir aus der Pflicht genommen.

Themenwechsel. Die WM in den USA beginnt, der Rennsport scheint aber international in einer Krise zu sein.

SCHRÖCKSNADEL: Das Gegenteil ist der Fall, sonst gäbe es ja auch keinen Alexander Choroschilow.

Aber das Interesse am alpinen Skisport sinkt doch?

SCHRÖCKSNADEL: Auch das stimmt nicht. In den USA überträgt jetzt NBC, das ist ein Potenzial von 150 Millionen Zuschauern in den USA, das war noch nie da.

Aber es gibt Zahlen von Olympia, laut denen Skifahren der am wenigsten gesehene Sport war.

SCHRÖCKSNADEL: Das ist ein Blödsinn! Auf der FIS-Homepage haben sie eine Null vergessen. Es waren 36 Millionen Zuschauer, nicht 3,6. Die Quoten sind super! Kitzbühel wird etwa von 400 Millionen Sehern weltweit geschaut – und die FIS lukriert die höchsten Einnahmen mit den Alpinen. Eine Alpin-WM ist das Vierfache einer Nordischen wert.

Bleibt die immer gleiche Frage: Wie lange bleiben Sie noch im Amt?

SCHRÖCKSNADEL: Die kann ich nicht mehr hören. Wäre ein geeigneter Nachfolger da, wäre ich morgen weg. INTERVIEW: MICHAEL SCHUEN

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