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2. Teil des grossen siegi-stemer-interviews

„Schäffl wusste monatelang von der Kassa“

Ex-Sportlandesrat Siegi Stemer über die Schwarzkassa, die 2012 beim Sportservice auftauchte, die mediale Berichterstattung darüber und die Rolle des damaligen Sportservice-Geschäftsführers Martin Schäffl in der Causa.

Herr Stemer, die EYOF sind vorbei. Wir haben Sie die Jugendspiele erlebt?

siegi stemer: Als begeisterter Besucher mehrerer Veranstaltungen. Es war ein beeindruckendes Festival für die Jugend und ein Meilenstein für unsere Region. Der Funke der Begeisterung ist zwar spät gesprungen, wurde aber mit Beginn der Spiele zu einem richtigen Lauffeuer. Nach meinem Gefühl gehört der Löwenanteil dafür der guten Organisation, und wie toll sich die Schulen eingebracht haben. Dem ganzen Organisationsteam und den vielen Helferinnen und Helfern gebührt ein Riesenlob. Gratulation an die Athletinnen und Athleten zu ihren hervorragenden Leistungen, besonders auch den heimischen Nachwuchstalenten, die kräftige Ausrufezeichen gesetzt haben. Gemeinsam mit Liechtenstein wurde eine große Sache gut über die Bühne gebracht. Hier wurde Sportgeschichte geschrieben.

Wie sehr hat es Sie geschmerzt, bei den EYOF keine offizielle Funktion zu haben?

stemer: Dass es während den EYOF so sein würde, war mir vorher klar, weil ich ohnehin im Herbst 2014 nicht mehr als Landesrat kandidiert hätte. Ein bisschen Wehmut ist in den letzten Tagen aber schon aufgekommen.

Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft alle Erhebungen zur Causa Sportservice mangels relevantem Tatbestand eingestellt hat. Wie geht es Ihnen dabei?

stemer: Tja, wie geht’s einem, wenn die massiven Vorwürfe, die damals im Raum standen, sich in keiner Weise bewahrheitet haben? Da verspürt man Genugtuung, aber auch Melancholie. Menschliche Züge eben.

Ihnen wurde eine Schwarzkassa, die im Sportservice in Dornbirn geführt wurde, indirekt zum Verhängnis. Konkret hat Ihnen ein Interview politisch geschadet, in dem Sie die Kenntnis von dieser Schwarzkassa verneinten, obwohl sie tags zuvor vom damaligen Sportservice-Geschäftsführer Martin Schäffl darüber informiert wurden. Das belegt ein Gesprächsprotokoll.

stemer: Ja eben, tags zuvor! Zu mir sprach der Geschäftsführer im Vieraugengespräch von einer Vermutung. Mittlerweile wurde aber klar, dass er dies seit Monaten wusste, mir gegenüber aber nie etwas angedeutet hat. Nach diesem – vermutlich in einer bestimmten Absicht mitgeschnittenen – Gespräch muss er zum Sportservice gefahren sein, die Handkassa an sich genommen und am nächsten Tag im Landhaus abgegeben haben. Ohne mir das gleichzeitig mitzuteilen. Zwischen diesen Vorgängen liegen aber nicht Tage, sondern wenige Stunden.

Ist geklärt, warum es so eine Schwarzkassa gab?

STEMER: In der Kassa war offenbar Geld, das bei Lauftests eingenommen wurde – was grundsätzlich ein normaler Vorgang ist. Jeder Verein bewahrt das Geld, das er bei einer Veranstaltung einnimmt, zunächst in einer Handkasse auf. Nur, danach muss das Geld verbucht werden. Und genau das ist mit den Einnahmen besagter Lauftests nicht passiert. In der Kassa wurden etwa 1100 Euro gefunden. Die Untersuchungen des sogenannten Sportservice-Skandals haben das Land etwa 100.000 Euro gekostet. Und Martin Keßler, der die Dinge am besten hätte erklären können, ist von der prüfenden Firma nie befragt worden. Was soll man davon halten?

Hätten Sie bei dem Begriff „Schwarzkassa“ nicht dennoch viel mehr aufschrecken müssen?

STEMER: Der Geschäftsführer hat mir gegenüber von einer Vermutung gesprochen. Mein Vater war wenige Tage zuvor verstorben und meine Konzentration eingeschränkt. Ich habe ihn ja damit beauftragt, seiner Vermutung nachzugehen. Ich konnte schlichtweg nicht damit rechnen, dass er mir etwas vorspielt, um letztlich von seiner Verantwortung als Geschäftsführer abzulenken.

Welchen Anlass hatte Ihr Gespräch mit Schäffl, das der ja ohne Ihr Wissen aufgezeichnet hat?

stemer: Mehrere führende Sportservice-Mitarbeiter hatten in einem Schreiben mitgeteilt, dass die Basis für eine gute Zusammenarbeit mit dem Geschäftsführer stark gestört sei. Es hatte davor speziell zwischen Schäffl und Keßler Spannungen gegeben. Mein Bestreben war es, den Status quo zu eruieren und zu vermitteln.

War eine Kündigung von Schäffl eine Option für Sie?

stemer: Nach dem Schreiben der von mir geschätzten und engagierten Sportservice-Mitarbeiter war für mich klar, dass es vermutlich nur zwei Lösungen gibt: Einen Weg zu finden, wie das Duo Keßler und Schäffl wieder an einem Strang zieht oder andere Konsequenzen. Eine Veränderung der Funktion von Schäffl stand auch im Raum. Ich überlasse es Ihnen, im Zusammenhang mit den anschließenden Vorgängen Schlüsse zu ziehen.

Warum sind Sie damals nicht in die Offensive gegangen und haben die Öffentlichkeit über die Sachlage infomiert?

stemer: Weil sich die Stimmung innert weniger Tage völlig einseitig aufgeschaukelt hatte. Die „Schuldigen“ waren durch die veröffentlichte Meinung schnell gefunden. Was ich zu sagen hatte, interessierte nicht mehr und hätte auch nichts mehr bewirkt. Speziell ein Journalist hat sich damals hervorgetan, der nicht ausgewogen gehandelt hat.

Woran machen Sie das fest?

stemer: Weil zum Beispiel ein Teil des heimlich aufgezeichneten Gesprächs nie thematisiert wurde. Eben, dass ich zum Geschäftsführer sagte, dass er seiner Vermutung nachgehen und dies melden muss. Über seine Aussage, dass dann auch die Verantwortung als Geschäftsführer auf dem Prüfstand stehe, wurde nie berichtet. Wenn auch dieser Gesprächsteil veröffentlicht worden wäre, hätte es anders ausgesehen. Aber das passte vermutlich nicht in das Berichterstattungskonzept …

Hatten Sie ein spezielles Verhältnis zu Keßler?

stemer: Wir haben intensiv zusammengearbeitet, weil wir gemeinsame, durchaus ehrgeizige Zielsetzungen hatten. Die beiden wichtigsten, das Sportkonzept Vorarlberg 2009–2015 und die Initiative „Vorarlberg bewegt“, waren besonders gelungene Meilensteine auf dem Weg zum Ziel Sportland Nr. 1. Denn das Team um Martin Keßler hat äußerst engagiert und mit viel persönlichem Einsatz für die Sache gekämpft. Und das Sportland Vorarlberg befand sich bereits auf einem guten Weg. 15 Jahre lang gab es anlässlich aller Budget- und Rechenschaftsdebatten im Landtag immer Lob von allen Fraktionen für unsere Arbeit und meinen persönlichen Einsatz. Die Abgeordneten haben in diesem Zeitraum einer Verdreifachung des Sportbudgets zugestimmt.

Sie sagen, dass Schäffl bei den Sportservice-Mitarbeitern in der Kritik stand, von der Schwarzkassa seit längerem wusste und um seinen Job fürchtete, wenn von dieser bekannt würde. Schäffl ist aber in der Öffentlichkeit nie massiv in die Kritik geraten, sondern galt als Aufdecker. Warum?

stemer: Ja warum? Das ist die Frage. Dass eine Handkassa mit nicht verbuchtem Geld eindeutig in der Verantwortung des Geschäftsführers lag, schien jedenfalls nicht zu interessieren.

Stimmt es, dass externe Hilfspersonen keine Rechnungen für ihre Arbeit bei Tests gestellt haben?

stemer: Ja! Offenbar – und so etwas muss dem Geschäftsführer auffallen. Trotzdem wurde er als Aufklärer dargestellt. Wenn man bedenkt, dass er das heimliche Gesprächsprotokoll gezielt weitergeleitet hatte und danach nie medial in die Kritik geraten ist, könnte man einen Zusammenhang sehen.

Sie deuten den Verdacht an, dass die wohlwollende Berichterstattung über Schäffl eine Gegenleistung für dessen Weitergabe des Gesprächsprotokolls war. Glauben Sie denn, dass Schäffl bereits mit der Absicht in das Gespräch mit Ihnen ging, das Protokoll an die Medien weiterzuleiten?

stemer: Diese Frage müssen Sie als Journalist stellen, aber haben Sie bitte Verständnis, dass ich das offen lasse. Wann der Geschäftsführer die Weiterleitung der heimlichen Gesprächs­aufzeichnung entschieden hat, spielt in der Sache keine Rolle; sehr wohl aber auf der zwischenmenschlichen Ebene, weil er im Vieraugengespräch mehrfach betonte, mir zu vertrauen, währenddessen – von mir unbemerkt – ein Aufnahmegerät lief.

Sie gerieten allerdings nicht nur wegen der Handkassa in die Kritik. Sondern auch, weil Sie einen Kooperationsvertrag mit den VKW unterschrieben, obwohl Sie als Landesrat dazu nicht die Berechtigung hatten. Den Vertrag hätte der Geschäftsführer Schäffl unterfertigen müssen. 

stemer: In der Sache ist diese Kritik berechtigt. Praktisch ist es nicht von Belang, ein Versehen ohne Folgen. Als ich vor vielen Jahren gemeinsam mit meinem Team den Olympia­stützpunkt Vorarlberg aufbaute, suchte ich nach Partnern. Die Idee war: Saubere Energie und sportliche Höchstleistungen aus Vorarlberg passen gut zusammen. Die Gespräche mit den VKW verliefen positiv, sie waren bereit, die Spitzenathleten und den Olympiastützpunkt, damals mit Mario Reiter, dem ich heute noch sehr dankbar bin, stärker zu unterstützen. Als zuständiges Regierungsmitglied habe ich den Vertrag mit den VKW unterschrieben, und zwar immer wieder. Damals gab es das rechtliche Konstrukt Sportservice GmbH noch nicht. Die vierte Vertragsverlängerung hätte ich formal nicht mehr unterschreiben dürfen. Es war, wie gesagt, ein Versehen.

Inwieweit spielen die Gegebenheiten Ihres Rücktritts eine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung Ihrer Person?

stemer: Aus meiner Wahrnehmung eine überwiegend positive, die meisten Leute haben sich ihren Teil gedacht. Viele haben dies auch zum Ausdruck gebracht. Besonders in meiner Heimatregion, wo man seit Jahrzehnten weiß, dass ich immer mit Engagement und Herzblut bei der Sache war, aber nie behauptet habe, fehlerlos zu sein. Was ich in den letzten beiden Jahren am häufigsten gehört habe: Undank ist der Welten Lohn.

Interview: Hannes Mayer

foto: Klaus hartinger

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