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Die weibliche Perspektive

Meine Frau kann mit Sport so viel anfangen wie ich mit Königshäusern, Ballroben oder Klatschgeschichten. Dennoch kommt es vor, dass sie mit mir gemeinsam Sportübertragungen schaut. Wahrscheinlich, weil sie weiß, sonst bekommt sie mich gar nie zu Gesicht, besonders jetzt, wo die alpine Ski-WM nahtlos in die nordische übergegangen ist, es zusätzlich Bundesligen, Europacup und Tennis gibt. Nicht zu vergessen die NHL mit Vanek, Grabner, Raffl, denen morgens meist mein erster Blick gilt. Ich bin überzeugt, meine Frau glaubt, ich schaue Unanständiges oder betreibe geheime finanzielle Transaktionen, wenn sie mich zufällig um fünf Uhr morgens durch die NHL-Seite surfen sieht. Dabei will ich nur wissen, ob Minnesota in Edmonton gewonnen hat, wie nun Vaneks Chancen auf die Playoffs sind.

Da auch der restliche Tag den Sportübertragungen gehört, den vormittäglichen Skirennen nachmittägliche Live-Ticker von Fußballspielen folgen – immerhin geht es darum, wie sich Kaiserslautern im Aufstiegsrennen schlägt, wie es um Okotie und die 60er steht, was Alaba, Harnik, Fuchs und der Rest so treiben. Was macht Arnautovic in Stoke? Was ist mit Ipswich? Juve? St. Etienne? … So kommt es also vor, dass meine Frau neben mir im Fernsehsessel landet und das Geschehen wie eine mathematische Gleichung mit vielen Unbekannten betrachtet, völlig verständnislos. Und so tauchen irgendwann die Fragen und Kommentare auf, für die ich sie liebe. Bei Villareal gegen Salzburg (VIL:SAL) etwa meinte sie: Wer spielt da? El Salvador gegen Villach? Warum machen die bei Eckbällen keine Räuberleiter? Was ist, wenn ein Spieler einen Mannschaftskollegen foult, bekommt der dann eine Gelbe Karte? Beim Langlauf-Sprint verkündete sie, das sind die schönsten Sportler überhaupt, um gleich darauf zu relativieren: Nein, doch nicht. Die sehen ja alle aus wie Kandidaten von „Bauer sucht Frau“. Außerdem fielen ihr die Anzüge der Athleten auf, so dünn, man kann die Unterhosen durchschimmern sehen. Und als sie sich nach der Ziellinie alle erschöpft in den Schnee fallen ließen, meinte meine Liebste: Die sind ja wie Kinder, die ihren Eltern bedeuten, ich kann nicht mehr, schlepp mich nach Hause, ich bewege mich nie mehr. Beim Skispringen fielen ihr die Menschen mit den Fähnchen auf. Wozu sind die gut? Und die grüne Linie zur Anzeige der Sollweite? Ist die gemalt?

Indem meine Frau einen naiven und kindlichen Blick hat, sieht sie meist viel mehr als ich, der ich ja vor allem auf die Resultate schaue. So kann ich von meiner Frau nur lernen, weil genau so einen unverstellten, frischen und staunenden Blick wünsche ich mir für das Leben und die Welt.

Franzobel, 1967 in Vöcklabruck geboren, ist Schriftsteller und Sport-Fan.

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