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Der Nebel war die einzige Bank

Reportage. Alles war angerichtet. Doch der perfekte Abfahrtstag bei der WM wurde zum Wartespiel und damit der heutige Sonntag zum „Super Sunday“ mit zwei Abfahrten. Von Michael Schuen aus St. Moritz

Es ist“, sagte ein Kollege bei der Auffahrt im Shuttle ins Zielgelände nach Salastrains, „ein Tag, um Geschichte zu schreiben.“ Und wirklich, es sah nach einem Traumtag aus im Engadin. Strahlend blauer Himmel, Sonnenschein. Über Nacht hatte es zwar zehn Zentimeter geschneit, aber dieser Schnee war schon lange aus der Piste geräumt. Kurz nach halb acht Uhr früh war der erste, voll besetzte Fan-Zug am Bahnhof in St. Moritz eingetroffen. Die Zuschauer schwärmten aus, warteten entweder mit nahezu britischer Geduld in langen Schlangen, bis Shuttle-Busse sie vom Schulplatz im Zentrum hinauf nach Salastrains bringen konnten. Ein logistisches Meisterwerk, denn die Straße zum Ziel ist eng, die Größe der Busse, die die Serpentinen schaffen, begrenzt. Ein Gutteil der 40.000, die an diesem Tag gekommen waren, entschloss sich aber ohnehin für den Fußmarsch auf den Berg. Und so schob sich eine Karawane nach oben, fast gleich einer Pilgerreise mit dem Abfahrtsziel als Endpunkt, an dem das Hochamt hätte zelebriert werden sollen.

Hätte – wurde aber nicht. Denn selbst an diesem traumhaften Wintertag gelang es einer Nebelbank, den Skibegeisterten einen Strich durch die Rechnung zu machen. „Malojaschlange“ nennt man das Phänomen: Eine Wolkenbank zieht sich vom Malojapass bis nach St. Moritz und nistet sich dort ein. Pünktlich zum Start war sie da. Gekommen, um zu bleiben. Im Halbstundentakt rief FIS-Renndirektor Markus Waldner die Stationen ab, um zu erfragen, ob ein Rennen möglich sei. Im Halbstundentakt musste er den Start verschieben, bis um 14.15 Uhr klar war: Es geht nicht.

Auf dem Berg versuchten sich die Abfahrer mit allen möglichen Tricks die Zeit zu vertreiben. Kjetil Jansrud, Beat Feuz und Peter Fill übten sich darin, eine Trinkflasche mit mindestens einem Salto so zu werfen, dass sie auf dem Boden landet und stehen bleibt. Was tut man nicht alles, um die Zeit ein wenig schneller verrinnen zu lassen. Und ein Blick aus dem Fenster sagte ihnen, dass es keinen Grund zur Eile gibt. Hannes Reichelt plauderte mit Super-G-Weltmeister Erik Guay („Übers Fliegen, er hat ja genauso wie ich eine Privatpilotenlizenz“) und dessen Landsmann Manuel Osborne-Paradis, der wertvolle Tipps für den von Reichelt geplanten Kanada-Urlaub gab.

Als klar war, dass die Warterei umsonst gewesen war, zeigten alle Verständnis: „Es sollte schon so sein, dass die Verhältnisse für alle gleich sind. Das wäre nicht gegeben gewesen. Also war es gut, dass abgesagt wurde“ meinte Vincent Kriechmayr, der nach seiner Trainingsbestzeit Mitfavorit war. Und auch Reichelt erklärte: „Man hat oben gesehen, wie der Nebel reingezogen ist. Es wäre nicht fair gewesen.“

Marcel Hirscher dürfte die Absage kalt gelassen haben. Er nutzte die traumhaften Bedingungen – der Nebel zeigte nur auf dieser Seite des Tales Hartnäckigkeit – zum Slalomtraining. Die grippeähnlichen Symptome waren verschwunden, Hirscher ist wieder fit.

Am Krimi nach der Absage war er so nicht beteiligt. Denn die Verhandlungen liefen heiß. Die Damen mussten ihren Start nach vor verschieben, damit die Herren eine Chance auf ihr Rennen haben. Der Zeitplan ist eng, denn es braucht zumindest eine Stunde zwischen den beiden Rennen, damit das Schweizer Fernsehen die Kameras von einer Strecke auf die andere verlagern kann. Aber vor allem braucht es heute wieder eines: geduldige, begeisterte Fans – und gutes Wetter. Genau das kann aber wieder zum Problem werden. Auch heute drohen Wolkenbänke. Und dann müssten die Herren wohl doch am Mittwoch um Abfahrtsgold fahren.

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