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Der Kampf gegen das Schicksal

REPORTAGE. Vanessa Sahinovic (17), seit zwei Jahren gelähmt, kämpft gegen ihr Schicksal und leere Versprechen. Von Martin Quendler

Eigentlich wollte Azra Sahinovic an ihrem freien Tag ausschlafen. Doch an diesem Tag, dem 11. Juni 2015, wurde sie frühmorgens aus dem Schlaf gerissen. Mit einem Anruf, vor dem sich alle Eltern fürchten. Die Nachricht: Ihre Tochter liege nach einem Unfall schwerst verletzt in einem Krankenhaus in Baku. Dort war die damals 15-jährige Vanessa bei den Europaspielen in Aserbaidschan Teil der österreichische Mannschaft der Synchronschwimmerinnen. Und dort, auf dem Weg zum Training, einen Tag vor der Eröffnungsfeier, war sie mit ihren Teamkolleginnen von einem tonnenschweren Bus überrollt worden. Weil der Fahrer, so gab er an, bei einem Wendemanöver Gas- und Bremspedal verwechselt hatte. Sahinovic erwischte es am schlimmsten, sie erlitt multiple Brüche. Auch der zwölfte Brustwirbel wurde förmlich zermalmt. Vanessa lag tagelang im Koma, kämpfte um ihr Leben, überlebte. Aber sie stand nicht mehr auf. Seit diesem Tag vor fast genau zwei Jahren ist die junge, lebensfrohe Frau querschnittgelähmt. Das Leben, wie es die Familie davor gekannt hatte, endete abrupt.

Facebook pflegt seine Benutzer an Vergangenes zu erinnern. In diesen Tagen poppte bei Mama Azra ein Foto auf, das Vanessa Sahinovic unmittelbar vor dem Abflug nach Aserbaidschan zeigt, in Teamkleidung des Österreichischen Olympischen Comités (ÖOC), posierend mit ihren Teamkolleginnen. „Baku wir kommen“, lautete der Titel. Azra betrachtete das Bild schweigend, wischte sich eine Träne schnell weg. Melancholie bringe Vanessa nicht vorwärts, sagt sie.

Die mittlerweile 17-Jährige kämpft weiter gegen das Schicksal an. Derzeit arbeitet sie in einem Therapie-Zentrum bei Orlando/Florida daran, irgendwann wieder selbstständig gehen zu können. „Ohne Training fühle ich mich leer. Ich werde nicht aufgeben“, lautet ihre Kampfansage. In den USA wird sie bei ihren Schritten von Maschinen gestützt und von fachkundigem Personal begleitet, auch auf psychologischer Ebene. Die vergangenen zwei Jahre haben zermürbt. Nicht nur der Unfall und dessen Folgen, sondern der Kampf um Schadensersatz. Noch in Baku gab Aserbaidschans Politik das Versprechen, zu helfen. Von 1,8 Millionen Euro war die Rede. Schriftlich gibt es bis heute kein Bekenntnis – und Familie Sahinovic wartet bis heute auf die Einlösung der großen Worte.

Das ÖOC half dagegen umgehend: 600.000 Euro kamen von dessen Versicherung, dazu erhielt Sahinovic 200.000 Euro aus der Unfallversicherung des Veranstalters sowie rund 100.000 Euro aus Charity-Einnahmen. Und im Mai stufte das Bundesverwaltungsgericht das Drama als Arbeitsunfall ein, wodurch ein Teil der Therapiekosten abgegolten wird, dazu hat Sahinovic Anspruch auf eine Invaliditätsrente. All das klingt nach viel Geld – aber die hohen Therapiekosten und der Bau eines barrierefreien Hauses relativieren die Summen.

Ob der Staat Aserbaidschan irgendwann doch zahlt, steht in den Sternen. Sahinovic wünscht sich jedoch finanzielle Sicherheit, um sich weiter Therapien wie die in Orlando leisten zu können. „Ich habe die Hoffnung, irgendwann wieder gehen zu können“, erklärt sie. Ihre Mama ergänzt: „Und ich will ihr nicht sagen müssen, dass wir uns das nicht mehr leisten können.“

Am Sonntag jährt sich das Unglück zum zweiten Mal. Im Vorjahr bastelten Vanessas Freundinnen eine symbolische Geburtsurkunde – weil sie den Unfall überlebte. Kommenden Sonntag wird es daher auch in Florida eine Party geben, um den „Life Day“ zu feiern. Denn rückgängig machen kann man den Unfall leider nie mehr.

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