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Sport-Talk der Woche

„In England gibt es keine Torhüter-Kultur“

Sams

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Interview. Der langjährige Chelsea-Torhütertrainer und jetzige Leiter der Torhüter-Abteilung der Londoner Christophe Lollichon referierte im Oktober in Bregenz beim Internationalen Torwarttrainertag. Im Sport-Talk spricht der 54-jährige Franzose über das moderne Torhüterspiel, die Premier League und das Champions-League-Finale 2012.

Wie haben Sie den Austausch beim Internationalen Torwarttrainertag in Bregenz erlebt?

Christophe Lollichon: Mein Beitrag bestand aus zwei Themenbereichen. Im theoretischen Teil ging es mir darum, eine Diskussion über Taktik zu entfachen. Im heutigen Fußball muss ein Torhüter das Spiel aus der Tiefe heraus kontrollieren. Er darf nicht mehr nur ein bloßer Toreverhinderer sein. Er muss am Spiel teilnehmen. Damit der Goalie das leisten kann, muss er darauf vorbereitet sein und die Situationen erkennen, in denen er über sein bloßes Torhüterspiel hinaus in die Partie eingreifen soll.

Wie lässt sich ein Torhüter auf solche Situationen vorbereiten?

Lollichon: Ich lege sehr großen Wert auf ein kognitiv forderndes Training. Das war mein zweiter Themenbereich, als praktische Einheit auf dem Feld. Den Torhüter darauf zu drillen, fast schon mechanisch Bälle abzuwehren, ist zu wenig. Je öfter er im Training blitzschnelle Entscheidungen über ein Eingreifen ins Spiel treffen muss, desto leichter fällt ihm diese Entscheidungsfindung im Spiel. Darum stellte ich beim Seminar wie im Trainingsalltag Spielsituationen nach. Es ging mir darum, den Teilnehmern Anregungen mit auf ihren Weg zu geben, die ihnen dabei helfen sollen, moderne, mitspielende Torhüter auszubilden.

Was ist der wichtigste Leitsatz Ihrer Trainer-Philosophie?

Lollichon: Ein Schlüssel ist, den Torhüter als Fußballspieler anzusehen. Natürlich unterscheiden sich seine Aufgaben von jenen der Feldspieler. Aber er ist ein Fußballer, und darum absolviere ich mit meinen Torhütern auch ein allgemeines Fußballballtraining.

Sie arbeiten seit 2007 beim FC Chelsea. Wie viel kontinentaler ist seither der Fußball in der Premier League geworden?

Lollichon: Die ausländischen Trainer haben die Spielkultur natürlich schon verändert. Allen voran natürlich die großen Trainer wie Jose Mourinho, Carlo Ancelotti, Pep Guardiola. Die Pionierarbeit hat diesbezüglich natürlich Arsene Wenger geleistet, er ist seit über 20 Jahren bei Arsenal und war der erste, der eine andere Philosophie auf der Insel eingebracht hat. Trotzdem gibt es natürlich noch Kick and Rush in England. In der Premier League spielt zum Beispiel noch West Bromwich Albion so. In den unteren Ligen ist Kick and Rush sowieso noch sehr verbreitet, was ein Problem ist. Denn in diesen Ligen lernen die Torhüter ihr Spiel.

Was die Frage aufwirft, wie sehr die Premier League den englischen Fußball widerspiegelt?

Lollichon: Die ausländischen Trainer haben ausländische Spieler mitgebracht. Diese Einflüsse sind gut und wichtig. Aber aktuell stammen nur 46 Prozent aller Spieler der Premier League aus England. Es gibt auch kaum englische Trainer in der Premier League. Ich selbst bin ja auch Franzose. Die englischen Spieler und Trainer findest du erst in den unteren Ligen, vor allem ab der dritten Spielklasse, und dort wiederum ist es eher die Regel als die Ausnahme, wenn ein Team Kick and Rush spielt. Das Positive ist, dass sich was tut in England, aber natürlich steht da ein langer Entwicklungsprozess an.

Hat sich mit dieser einsetzenden Veränderung der Spielanlage auch das Torhüterspiel in England verändert?

Lollichon: Ein ganz kleines bisschen. Noch läuft bei der Torhüterausbildung in England immer noch viel falsch. Ich habe mich aber kürzlich mit dem Leiter der Torhüterausbildung des englischen Fußballverbands unterhalten. Er hat sehr gute Ansätze und will etwas bewegen. Ein ganz großes Probem in England ist, dass den jungen Torhütern die Vorbilder fehlen.

Das heißt, in England fehlt der Anreiz ins Tor zu gehen?

Lollichon: Ja. Wem sollen die Kinder und Jugendlichen denn in England nacheifern? Peter Shilton? Der war zwar jahrzehntelang Nationaltorhüter, aber bitte, er ist einfach keine Referenz. Blicken wir nach Deutschland. Die hatten Sepp Maier, Toni Schumacher, Oliver Kahn und haben jetzt Manuel Neuer. Allesamt überragende Torhüter. Ikonen. Das macht es viel spannender für die Kinder, ins Tor zu gehen. Weil sie sagen können: Ich will so sein wie Manuel Neuer. In England gab und gibt es noch keine Torhüter-Kultur. So wirken die Fehler der Vergangenheit nach, und das zu korrigieren geht nur schrittweise.

Sie waren jahrelang Trainer von Petr Cech, haben mit Thibaut Courtois oder Carlo Cudicini zusammengearbeitet. Was unterscheidet herausragende Torhüter vom Rest?

Lollichon: Da gibt es viele Unterscheidungskriterien. Neben dem Talent sind herausragende Torhüter immer groß. Cech ist 1,97 Meter, Courtois 1,99 Meter, Neuer 1,93 Meter. Explosivität ist ein weiterer wichtiger Faktor, ein anderer ist Spielintelligenz. Entscheidend ist auch, ob ein Torhüter hart an sich arbeitet. Ich glaube, das trennt vor allem die Torhüter, die ein paar Jahre an der Spitze sind, von denen, die es eine Karriere lang sind. Ein Torhüter muss sich immer verbessern wollen. Cech hatte in den neun Jahren, in denen ich sein Trainer war, immer den Antrieb, sich weiterzuentwickeln. Da ging es manchmal nur um Details, aber auch kleine Veränderungen können große Wirkung haben.

Inwieweit hat Cech seine schwere Verletzung, er zog sich 2006 einen Schädelbasisbruch zu, geprägt und verändert?

Lollichon: Überhaupt nicht. Als ich im November 2007 zu Chelsea kam, hat er nicht mehr daran gedacht. Ich kannte ihn damals schon gut, weil er breits in Rennes, wo ich zuvor Torhütertrainer war, unter mir trainiert hatte. Darum kann ich das mit dieser Gewissheit sagen. Natürlich hat sich sein Spiel und damit auch unser Training mit den Jahren verändert. Aber nicht deswegen. Sondern weil er älter wurde und sich damit sein Körper veränderte. Um aber nochmals auf ihre ursprüngliche Frage einzugehen: Wenn wir darüber sprechen, was herausragende Torhüter ausmacht, darf ein Aspekt auf keinen Fall fehlen: die Stärke nach Fehlern wieder zurückzukommen.

Cech war der Held im Champions-League-Finale von 2012, das Chelsea im Elfmeterschießen gegen Bayern in der Allianz-Arena gewann. Seine Leistung hat Sie bestimmt stolz gemacht?

Lollichon: Petr hat damals wirklich ein überragendes Spiel gemacht. Wobei viele nur über seine zwei Paraden im Elfmeterschießen sprechen. Nicht aber über den Elfmeter in der Verlängerung, als er gegen Arjen Robben gehalten hat.

Mein Eindruck damals war, dass Chelsea exzellent vorbereitet auf die Elfmeter war?

Lollichon: Ich habe mir damals vor dem Finale meine Augen ruiniert. (lacht) Ich analysierte Nacht für Nacht stundenlang alle Bayern-Elfmeter seit 2007 und erstellte ein 31-minütiges Video nur mit Elfmetern der Bayern. Das Video habe ich dann Cech und unseren anderen Torhütern gezeigt. Außerdem habe ich Manuel Neuer analysiert und die Feldspieler gebrieft. Als dann Didier Drogba in der Verlängerung den Elfmeter verursachte, war er am Boden zerstört. Cech ist dann zu ihm hin und sagte zu ihm: „Mach dir keine Sorgen, ich werde den Elfmeter halten“.

Waren Sie sich auch sicher?

Lollichon: Ja. Ein Assistent auf der Bank war nach dem Elfmeterpfiff völlig verzweifelt. Ich sagte zu ihm: Robben wird ihn nach links schießen. Petr weiß das.

So kam es auch.

Lollichon: Es gibt viele Gründe, warum Cech den Elfmeter gehalten hat. Ein Schlüssel war, dass er sehr selbstbewusst in diese Situation gegangen ist. Seine Körpersprache hat Robben verunsichert. Ich will aber nicht verhehlen, dass wir auch Glück hatten. Wenn Robben den Elfmeter links unter die Latte geknallt hätte, wäre Petr chancenlos gewesen. Daran, dass Robben nach links schießen würde, gab es aber keinen Zweifel.

Was machte Sie so sicher?

Lollichon: Wenn ich einen Elfmeterschützen analysiere, tue ich das anhand von 15 Kriterien. Angefangen von dem Moment, in dem er sich den Ball schnappt, bis hin zu seinem Anlauf. Was das für Kriterien sind, bleibt aber mein Geheimnis. (lacht)

Ihre Erinnerungen an das Elfmeterschießen?

Lollichon: Nach der Verlängerung ist Cech zur Bank gekommen und hat mit Henrique Hilário gesprochen, der im Finale nicht als dritter Torhüter auf der Bank sitzen konnte. Hilário sagte zu ihm: Petr, du weißt alles, das ist jetzt dein großer Moment. Und Cech antwortete nur: Okay! Als Petr wieder aufs Feld ging, gab es diesen einen magischen Moment, in dem wir uns alle sicher waren, dass er das Finale entscheiden wird.

Sie sind heute Torwartkoordinator im Nachwuchsleistungszentrum von Chelsea. Vermissen Sie die Bewerbsspiele?

Lollichon: Und wie! Obwohl meine Aufgabe sehr spannend ist. Ich scoute europaweit die Torhütertalente, entwickle unser Goalie-Training weiter und tausche mich mit anderen Experten aus. Das ist auch ein Grund, warum ich nach Bregenz gekommen bin.

 

 Interview: Hannes Mayer

Zur Person

Christophe Lollichon

Geboren am: 2.3.1963 in Nantes

Vereine: Chelsea (2007-2016 Torwarttrainer, seit 2016 Torwartkoordinator im Nachwuchsleistungszentrum), Stade Rennes (1997-2007), RC Ancenis (1987-1997)

Goalie-Trainer unter: (Auswahl)

José Mourinho (136 Spiele), Carlo Ancelotti (109 Spiele), Guus Hiddink (49 Spiele), Rafael Benítez (48 Spiele), Roberto Di Matteo (42 Spiele), André Villas-Boas (40 Spiele), Felipe Scolari (36 Spiele)

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