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„Das Knie gibt den Zeitpunkt vor“

Christian Hirschbühl verletzte sich im Training für den Riesentorlauf. GEPA

Christian Hirschbühl verletzte sich im Training für den Riesentorlauf.

 GEPA

Interview. Vorarlbergs Slalom-Ass Christian Hirschbühl hatte bei seinem Sturz Glück im Unglück. Der 27-jährige Lauteracher spricht über seine Verletzung, seine Erwartungen und Form sowie Einzelgänger Marcel Hirscher.

Von Sebastian Rauch

Sie befinden sich derzeit aufgrund einer Knieverletzung in der Reha. Können Sie den Sturz nochmals beschreiben?

Christian Hirschbühl: Vor eineinhalb Wochen bin ich im Riesentorlauftraining im Mölltal gestürzt. Es ging alles sehr schnell. Ich bin mit einer Hand am Tor hängen geblieben, daraufhin hat sich die Stange unter meinem Rennanzug im Polsterleibchen verhakt, und ich bekam dadurch eine Drehbewegung. Den Rest des Sturzes war ich dann nur noch Passagier und konnte nicht mehr reagieren.

Hat es Sie ausgehoben?

Hirschbühl: Es hat mich verdreht, ich war in der Luft und bin mit dem Hinterkopf aufgeschlagen. In der Folge war ich kurz bewusstlos, und in dieser Bewusstlosigkeit habe ich einen Schlag aufs Knie bekommen. Die Diagnose war Innenbandeinriss und eine Knochenprellung im vorderen Schienbeinkopfbereich. Insgesamt muss ich sechs Wochen pausieren.

Ihr Landsmann Daniel Meier hat nach seinem Kreuzbandriss gemeint, das Material sei mittlerweile sehr aggressiv und verzeihe keine Fehler. Ist die Belastungsgrenze für den Körper beim Skifahren erreicht?

Hirschbühl: Die Entwicklung der letzten Jahre ist kein Geheimnis. Dass das Material Einwirkung auf den Körper hat, ist normal. Ich bin der Meinung, dass ich sowohl die körperlichen als auch fahrtechnischen Voraussetzungen habe, um damit umzugehen. Es müssen so viele blöde Umstände im Bruchteil einer Sekunde zusammenkommen, dass mir so etwas passiert. Ich muss das einfach auch als Pech sehen und nicht hadern, ob es das Material oder ich körperlich nicht fit war. Marcel Hirscher fuhr zuletzt bis zu seinem Missgeschick sechs Jahre verletzungsfrei. Es spielt einfach auch Glück eine Rolle, und Daniel hatte davon bei seiner Verletzung sicher weniger.

Hatten Sie Glück im Unglück?

Hirschbühl: Ja, wenn man den Sturz gesehen hat, könnte man eher davon ausgehen, dass die Saison gelaufen wäre. Das war auch mein erstes Befinden. Ich hatte Pech, dass es passiert ist, aber Glück, dass nicht mehr passiert ist.

Was waren die ersten Gedanken, als Sie das Gefühl hatten, die Saison sei für Sie beendet?

Hirschbühl: Scheiße. Das ist einfach das richtige Wort dafür. Nach dem Sturz war der Schmerz da, und ich hatte ein komisches Gefühl im Knie. Von dem Zeitpunkt, als es passiert ist, bis zur endgültigen Diagnose herrschte bei mir Gefühlschaos. Unterm Strich war es dann aber wie ein Sieg, als der Arzt in Innsbruck meinte, dass das Innenband nicht ganz gerissen ist und alle anderen Bänder im Knie unversehrt geblieben sind.

Was kostet Sie diese Verletzung und die damit verbundene Pause in Bezug auf die körperliche Fitness?

Hirschbühl: In erster Linie kostet es mich viel Geduld. Dadurch, dass ich nicht so schwer verletzt bin, kann ich bereits jetzt mit leichtem Krafttraining und Stärkung der Muskulatur beginnen. Rein körperlich habe ich daher keinen Nachteil. Ich glaube, dass ich relativ schnell wieder zurück sein werde. Den Zeitpunkt gibt aber das Knie vor.

Waren Sie vor dem Sturz gut in Form?

Hirschbühl: Im österreichischen Team habe ich einen guten Vergleich und kann sagen, ich war sehr konkurrenzfähig. Sowohl im Slalom als auch im Riesenslalom war ich auf einem sehr hohen Niveau. Daher bin ich mir sicher, sobald ich wieder schmerzfrei fahren kann, werde ich daran anschließen können.

Wer im österreichischen Team konkurrenzfähig ist, kann mit einem Platz in den Top Ten rechnen. Kann man das so stehen lassen?

Hirschbühl: Ich habe mir eigentlich gar nichts ausgerechnet. Mein Ziel ist es, und das ist das schwierigste Unterfangen, mein Können im Rennen abzurufen. Ich werde immer wieder nach Olympia gefragt, aber das ist nicht in meinem Kopf. Ich denke nur von Rennen zu Rennen. Ich bin mir sicher, bringe ich meine Leistung auf den Punkt, passieren Dinge wie ein Top-Ten-Platz ohnehin. Schlussendlich muss ich am Tag X funktionieren. Das ist die Herausforderung, und dafür habe ich trainiert.

Woran haben Sie in der Vorbereitung im Sommer sonst noch gearbeitet?

Hirschbühl: Ich habe gewisse Bereiche, in welchen ich Defizite habe, klar definiert, um sie im Training zu optimieren. Das trägt bereits Früchte. Ich fühle mich am Ski besser und bin körperlich fitter. Stärker als noch im vergangenen Winter.

Von welchen Defiziten sprechen Sie konkret?

Hirschbühl: Im Slalom ging es mehr um skispezifische Dinge. Aber im Riesentorlauf habe ich auf den letzten 30 Sekunden zu viel Zeit verloren. Ich habe daher im körperlichen Bereich viel getan, dass ich bis zum Ziel konkurrenzfähig bin, und spüre, dass ich das heuer bin.

Sie stehen vor Ihrer dritten Weltcup-Saison. Welchen Stellenwert hat die zunehmende Erfahrung?

Hirschbühl: Es ist von Vorteil, die Strecke und das ganze Drumherum zu kennen. Es hat mittlerweile weniger Wirkung auf mich, und die äußeren Einflüsse sind nicht mehr so stressig, weil sie nicht mehr neu sind. Am Start entscheidet der Kopf und ob ich auf den Punkt da bin. Alles andere ist egal.

Sind Sie nervös, wenn Sie im zweiten Durchgang am Start stehen?

Hirschbühl: Ich habe eigentlich immer den Stempel bekommen, ich sei im zweiten Durchgang nicht so stark wie im ersten. Daher gefällt es mir, wenn ich an Kitzbühel vor zwei Jahren zurückdenke. Da bin ich vom 15. auf den 7. Platz vorgefah­ren. Oder Wengen im Vorjahr, da war ich nach dem ersten Lauf 11. und habe mich im zweiten Durchgang auf Rang 4 verbessert. Ich habe den Kritikern gezeigt, dass ich auch anders kann. Jedoch ist es nicht mein Bestreben, es anderen zu beweisen, sondern nur mir selbst. Ich bin reifer geworden und im Kopf stärker.

Als All-in-Athlet des Olympia­zentrums werden Sie als potenzieller Olympia-Medaillen-Kandidat eingestuft. Spüren Sie dadurch einen gewissen Druck?

Hirschbühl: Ich bin dankbar für die Unterstützung. Die Einstufung in diesen Kader ist eine Wertschätzung meiner Leistungen über die vergangenen Jahre. Druck verspüre ich dadurch aber nicht. Wir sind in Vorarlberg sehr privilegiert, denn es hat nicht jedes Olympiazentrum in Österreich eine solche Infrastruktur, und die Athleten in anderen Bundesländern haben nicht immer die Unterstützung, die wir genießen. Da sind wir ein Vorreiter in Österreich.

Sehen Sie sich denn als Medaillen-Kandidat?

Hirschbühl: Die Fähigkeiten habe ich, und ich bringe die Grundvoraussetzungen mit. Aber das hängt von so vielen Sachen ab, das ist nicht planbar, sondern passiert einfach. Ich fixiere mich daher wie gesagt nicht auf Olympia.

Der Innsbrucker Olympia-Bewerbung wurde ein klares Nein erteilt. Wie stehen Sie dazu?

Hirschbühl: Wäre ich Tiroler hätte ich mit „Ja“ gestimmt. Ich finde es ewig schade, dass die Bevölkerung so wenig hinter dem Sport steht. Für Österreich und den Sport wäre es im positiven Sinne ein Wahnsinn gewesen. Wir leben vom Tourismus, und mehr Werbung geht gar nicht. Aber über 50 Prozent der Tiroler sehen das anders. Da hat der Sport offensichtlich nicht den Stellenwert, den wir gerne hätten.

Sie haben auch mit Marcel Hirscher trainiert. Können Sie sich etwas von ihm abschauen?

Hirschbühl: Mit ihm trainieren wir eher weniger. In den vergangenen Jahren war es so, dass er kurz vor den Rennen dabei war, aber auch dann ist es mit Vorsicht zu genießen. Testet er gerade einen Ski oder anderes Material? Gibt er Gas oder fährt er mit angezogener Handbremse? Man würde extrem viel lernen können, aber er ist, was das betrifft, auch ein bisschen ein Einzelgänger. Profitiert habe ich vor allem von Mario Matt oder Reinfried Herbst. Von solchen Athleten kann man lernen. Unter anderem, wie sie ihr Material aussuchen oder auf verschiedene Schneeverhältnisse einstellen.

Zum Abschluss noch eine Frage zu einem Thema, das derzeit die Gemüter erhitzt: Lindsey Vonn möchte bei den Herren mitfahren. Wie stehen Sie zu diesem Vorhaben?

Hirschbühl: Ich weiß nicht, ob es klug ist, mich zu diesem Thema zu äußern. Aber sie ist eben gerne im Rampenlicht. Warum fährt sie aber Lake Louise, wo sie die Strecke auswendig kennt? Warum fährt sie nicht Kitzbühel oder Bormio, wo die Strecken weitaus schwieriger sind. Da würde man einen Vergleich sehen.

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Derzeit arbeitet Hirschbühl im Olympiazentrum am Comeback. Natalie Scherer (3)

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