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Aus dem Abseits heraus

Helgi Kolvidsson in einem stillen Moment. Links: Die Isländer feiern die WM-Teilnahme.Hartinger, AFP (3)

Helgi Kolvidsson in einem stillen Moment. Links: Die Isländer feiern die WM-Teilnahme.

Hartinger, AFP (3)

Von Hannes Mayer

Island ist so ein bisschen das Vorarlberg Europas. Trennt uns der Arlberg von Restösterreich und macht uns dadurch etwas zu den Vergessenen, trennt Island der Atlantik vom Festland. Was die nordischen Insulaner ins Abseits der Wahrnehmungsgrenze befördert – in Europa und erst recht in der Welt. Vielleicht ist deshalb die Euphorie bei den Isländern um die Erfolge ihrer Fußball-Nationalmannschaft so groß. Weil damit die rund 340.00 Vergessenen, so viele Einwohner zählt die Insel südlich des nördlichen Polarkreises, endlich wahrgenommen werden.

Mit der WM-Qualifikation haben die Isländer nicht nur das Fußballmärchen von der Euro 2016 fortgesetzt, wo es die Wikinger bis ins Viertelfinale schafften und auf dem Weg dorthin im Achtelfinale England ausschalteten. Sondern sie haben nicht weniger als Geschichte geschrieben. Noch nie in der WM-Historie hat es ein Land mit weniger Einwohnern als Island zur Endrunde geschafft. Mittendrin unter jenen, die diesen Rekord aufgestellt haben, ist mit Helgi Kolvidsson auch ein einstiger Wahl-Vorarlberger. Fast fünf­einhalb Jahre ging Kolvidsson für Austria Lustenau auf Punktejagd, von 1998 bis 2000 als Spieler und von Sommer 2011 bis Spätherbst 2014 als Trainer. Als Übungsleiter ließ er die Grün-Weißen sowohl 2012 als auch 2013 vom Aufstieg in die Bundesliga träumen. Gegen Ende seiner Amtszeit eckte er vor allem mit seiner positiven Lebenseinstellung und seiner ganzheitlichen Herangehensweise an, mit der letztlich weder alle Spieler noch alle in und um den Verein umgehen konnten.

Optimismus. Über den Umweg Wiener Neustadt und Ried kehrte Kolvidsson 2016 sportlich in seine Heimat zurück und begann für den isländischen Verband zu arbeiten. Im Vorfeld der Euro als Scout, beim Endturnier selbst als Betreuer. Danach stieg er zum Co-Trainer auf. Bei den Isländern ist Kolvidsson unter seinesgleichen. Die Vergessenen, irgendwo im Nordatlantik auf halber Strecke zwischen Europa und Nordamerika, sind es nämlich gewohnt, optimistisch ans Leben und ihre Aufgaben heranzugehen. Was vielleicht daran liegt, dass es im Winter nur vier Stunden Tageslicht auf Island gibt. Wer da nicht die Sonne in seinem Herzen trägt und positiv ist, hat wenig zu lachen.

„Wir lachen den ganzen Tag“, erklärt Kolvidsson, wenn er von seiner Arbeit bei der isländischen Nationalmannschaft berichtet, und liefert die Erklärung dafür gleich hinterher: „Wir haben die Einstellung, dass das Leben Spaß machen darf und wir auch Spaß an der Arbeit haben dürfen. Deswegen arbeiten wir nicht weniger akribisch und nicht weniger gewissenhaft als andere Nationen.“ Was sich die Isländer auch gar nicht leisten könnten, die im Gegenteil das Beste aus ihren Möglichkeiten machen müssen, um auch nur den Hauch einer Chance auf Wettbewerbsfähigkeit zu haben. „Wenn wir unseren besten Fußball spielen und Nationen wie Türkei oder Kroatien einen guten Tag haben, dann verlieren wir“, sagt Kolvidsson unumwunden.

Die Tugenden, die Island groß gemacht und sie in einer Gruppe mit Kroatien, Ukraine, Türkei, Finnland und Kosovo zur WM gebracht haben, sind schnell umrissen. Die Wikinger sind bereit mehr zu laufen als ihre Gegner. Sie gehen kompromisslos in die Zweikämpfe, sind taktisch äußerst diszipliniert und extrem torgefährlich bei Standardsituationen. Auf diese Stärken setzen die Nordländer. Weil sie wissen, was sie können und was sie nicht können. „Wir werden niemals auch nur ansatzweise das spielerische Niveau von Brasilien oder Spanien erreichen. Unsere Identität ist eine andere. Wir kommen über die Leidenschaft, den Kampf, die Geschlossenheit. Manche kritisieren uns und sagen, das sei kein Fußball. Aber das ist Unsinn, darauf dürfen wir nicht hören“, rückt Kolvidsson die Vorurteile zurecht.

Gegneranalyse. Der 46-Jährige ist bei seiner Nationalmannschaft für die taktischen Vorgaben sowie das Agieren bei Standardsituationen mitverantwortlich. Denn zu seinen Aufgaben zählen die Gegneranalyse sowie die Standardsituationen. Zwischen den Länderspielterminen sichtet er Videomaterial und analysiert die nächsten Gegner bis in kleinste Detail. Eine Frage, die er dabei mit in den Mittelpunkt stellt, ist die, wie er als gegnerischer Trainer gegen Island spielen würde. Seine Erkenntnisse stellt er der Nationalmannschaft dann für gewöhnlich am ersten Abend des Nationalteamlehrgangs in einer bis zu 40 Minuten langen Präsentation vor. „Damit die Spieler von Anfang an wissen, was auf sie zukommt“, betont der einstige Wahl-Vorarlberger, der in Baden-Württemberg im Landkreis Sigmaringen lebt. Auf dem Trainingsplatz leitet mal er und mal Cheftrainer Heimir Hallgrímsson die Übungseinheit, oft unterteilen die beiden die Mannschaft in zwei Gruppen, von der jeder der beiden Trainer eine übernimmt.

Die Tage beim Nationalteam sind lang für Kolvidsson. Sie dauern von frühmorgens bis in den späten Abend, das letzte Meeting des Tages ist für gewöhnlich für 22 Uhr angesetzt. „Auch beim letzten Meeting wird noch gelacht. Weil Lachen der Seele gut tut“, wird Kolvidsson nicht müde zu betonen. Was unterstreicht: Bei Islands Fußballmärchen ist die Stimmung ein entscheidender Faktor.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, gibt es bei den Isländern sehr wohl auch sehr strikte Regeln: Beim Nationalteam ist für den gesamten Tross, also auch für die Funktionäre, Alkohl strengstens verboten. Ebenso tabu sind Familienbesuche im Teamhotel. Kolvidsson weiß: „Diese Regeln sorgen dafür, dass wir uns total auf unsere Sache konzentrieren.“

Tollhaus. Als die Isländer am vorletzten Qualifikationsspieltag in der Türkei antreten mussten, wurden sie von vielen immer noch unterschätzt. Die Türken mussten gewinnen, und ihre Landsleute erwarteten, ja verlangten auch einen Heimsieg. Diese Erwartungshaltung machten sich die Isländer zunutze. „Wir sagten: Je länger die kein Tor machen, desto ungeduldiger werden Fans und Spieler.“ Die Partie lief perfekt für die Nordländer. Sie gingen mit einer 2:0-Führung in die Pause, unmittelbar nach Seitenwechsel entschieden sie mit einer einstudierten Eckballvariante die Partie.

Am letzten Spieltag machten die Vergessenen auf ihrer Insel südlich vom nördlichen Polarkreis mit einem 2:0-Sieg gegen Kosovo die WM-Teilnahme perfekt. Island verwandelte sich in ein Tollhaus, in Reykjavík hatten sie in der Innenstadt eine Bühne aufgebaut, wo Mannschaft und Fans gemeinsam feierten. Dass tags darauf die Nachrichtensprecherin die Nachrichtensendung im Nationaltrikot moderierte, bezeichnet Kolvidsson als „normal“ und fügt an: „So sind wir eben. Dieser Erfolg macht alle stolz.“ Auch, weil er Island aus dem abseits der Wahrnehmung führt.

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