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Wie funktioniert Olympia 150 Kilometer vom Diktator entfernt?

Am Schauplatz. Heute startet der 101-tägige olympische Fackellauf durch alle Provinzen Südkoreas, am 9. Februar werden die Winterspiele 2018 in Pyeongchang eröffnet. Ein Sportfest im Schatten der Nordkorea-Krise. Von einer Bedrohung ist aber nichts zu spüren. Von Günter Sagmeister aus Seoul

Wenn das österreichische Bundesheer am Nationalfeiertag bei einer Leistungsschau rund um das Wiener Burgtheater seine Panzer und Hubschrauber präsentiert, kann man nur sagen: Tu felix Austria! Es versprüht fast ein wenig Charme à la Minimundus, wenn man gerade aus Seoul angereist ist und in den südkoreanischen Zeitungen gesehen hat, welche „Leistungsschau“ die USA und Südkorea mitten im verschärften Konflikt mit Nordkorea bei einem mehrtägigen Seemanöver vor der Küste der koreanischen Halbinsel abhalten. Die Zeitungen berichten zwar groß, dass die 7. Flotte der US-Marine mit 40 Schiffen einschließlich des Flugzeugträgers USS Ronald Reagan sowie zwei US-Zerstörern und U-Booten im Einsatz ist, aber es herrscht keine Aufgeregtheit. Die Übungen finden ja regelmäßig statt.

Seoul liegt gerade einmal 50 Kilometer von der Grenze entfernt. Bis zum neuen Olympia-Stadion in Pyeongchang, wo am 9. Februar die Winterspiele eröffnet werden, sind es 151 Kilometer Luftlinie. Militär ist nicht einmal am Flughafen sichtbar, ein- bis zweimal pro Tag hört man Hubschrauber knattern. In Seoul findet im Dongdaemun Design Plaza gerade ein Fashion- und Film-Festival statt, Hunderte junge Menschen schwirren rund um das riesige Shoppingcenter, das wie ein Ufo aussieht und von Stararchitektin Zaha Hadid designt wurde. Von jener Zaha Hadid, die auch die preisgekrönte Innsbrucker Bergiselschanze gebaut hat. Beim Hintereingang wird es hektisch, als ein Filmsternchen im kurzen Schwarzen den wartenden Teenies und Fotografen zuwinkt und dann von Bodyguards begleitet in der großen schwarzen Limousine verschwindet. Im Einkaufscenter wuselt es – 24 Stunden rund um die Uhr. Seoul, die wohl westlichste Metropole Asiens, schläft nie. Schon gar nicht im Partyviertel Itaewon, wo Bar neben Klub, Klub neben Pub, Pub neben Shop, Shop neben Boutique usw. angesiedelt sind. Zwischen Wien und Seoul drängt sich ein Vergleich auf: Was hier der Walzer, ist dort Gangnam Style. Schneller, bunter, lauter, schriller, stylisher. Wien ist Minimundus, Seoul moderne Metropole.

Und das 50 Kilometer entfernt von der demilitarisierten Zone zwischen Süd- und Nordkorea, einem 248 Kilometer langen und vier Kilometer breiten Streifen, wo sich die Soldaten beider Staaten gefechtsbereit in die Augen schauen. Nach dem Ende des Korea-Krieges 1953 wurde diese Sperrzone eingerichtet als Puffer zwischen den beiden Staaten, die sich bis heute formal im Kriegszustand befinden. In den mehr als sechs Jahrzehnten ist hier eine vom Menschen unberührte Natur herangewachsen, bedrohte Arten wie der Mandschurenkranich sind hier sicher. Ausländer dürfen sich die absurdeste Grenze der Welt aus nächster Nähe ansehen, Reisebüros bieten Tagesausflüge an. Für 50.000 Won oder rund 38 Euro gibt es die Grenzbesichtigung plus Begehung des dritten Infiltrationstunnels. Garantiert ohne Stopp bei einem Einkaufszentrum, steht in der Tourbeschreibung.

Es ist nachvollziehbar, dass die medial stets groß transportierte Kriegsrhetorik von der Koreanischen Halbinsel vielen Sportlern Angst bereitet vor einer Reise zu den Winterspielen. Seit Wochen dreht sich die Eskalationsspirale zwischen Donald Trump und Kim Jong-un. Der US-Präsident droht Nordkorea mit der totalen Zerstörung. Der Diktator, der an einer Atombombe bastelt und Testraketen bis über Japan hinausjagt, will den „geisteskranken, dementen US-Greis mit Feuer bändigen“. Mehr Kriegsgeschrei geht kaum. „Natürlich gibt es Sicherheitspläne“, sagt dazu Österreichs Botschafter Michael Schwarzinger, der für Süd- und Nordkorea zuständig ist. Er lebt in einer Residenz im Botschafterviertel von Seoul mit Blick auf die Stadt und lässt bei einem Besuch die Eingangstüre offen. Auch hier sieht man kein Militär oder strenge Sicherheitsvorkehrungen.

Schwarzinger ist erst seit ein paar Wochen in Südkorea und hat das asiatische Leben und den Flair wie ein Schwamm aufgesaugt. „Landschaftlich schaut es hier ja fast aus wie zu Hause, mir gefällt es außerordentlich gut“, sagt er. Und wie lebt es sich mit Kim Jong-un als Quasi-Nachbar? „Die Leute“, sagt Schwarzinger, „leben hier nicht in Angst. Es ist vielmehr Frustration, dass es trotz aller Bemühungen keine Annäherung gibt und nun wieder eine atomare Aufrüstung stattfindet.“ Die Südkoreaner leben nun schon seit vielen Jahrzehnten mit dieser Frustration. Wobei es die Jungen gar nicht anders kennen und es für sie schon wieder zur Normalität gehört.

Schwarzinger ist wie Segel-Olympiasieger Christoph Sieber, der „Chef de Mission“ des ÖOC-Aufgebots in Südkorea, bei den Sicherheitsseminaren eingebunden. „Es wird von den üblichen Profis abgehandelt“, sagt Schwarzinger. „In so einer Taskforce wird überlegt, welche Bedrohungen möglich sind, wer mit wem und wann kommuniziert und wer was entscheidet: Kommt eine Bombe, gibt es eine Epidemie, kommt ein Selbstmordattentäter? Solche Meetings sind heutzutage Teil des normalen Geschäfts.“ Innen- und Außenministerium sind natürlich involviert, auch die Geheimdienste. Als Verbindungsglied zur nationalen Regierung wird während der Spiele ein österreichischer Sicherheitsattaché dabei sein. Sollte Kim Jong-un tatsächlich auf den Raketenknopf drücken, wäre zur Evakuierung die Südroute über den Meerweg geplant, da der Luftraum dann naturgemäß als Option ausfällt.

Aber damit ist nicht wirklich zu rechnen, auch wenn Kim Jong-un nur eines will: die Destabilisierung des Südens. Er herrscht schließlich über das einzig wahre Korea, weil die unten im Süden ihre Seele schamlos an die Amis verkauft haben. Und wenn man schon Olympia vor der Haustüre hat, lässt sich das gut für Provokationen nutzen. Er würde sich wohl selbst Gold um den Hals hängen, würde es ihm gelingen, Olympia zu stören oder gar zu verhindern. Den Aufschrei der restlichen Welt würde er als Ritterschlag sehen. Er, der Gott der Nordkoreaner. Aber so blind, blöd und verbohrt ist nicht einmal Kim Jong-un, dass er nicht wüsste, was passiert, sollte er statt Athleten eine Atomrakete Richtung Olympia schicken: Er würde damit seine eigene Vernichtung besiegeln. Also: Auf nach Südkorea. Damit Pyeongchang ein großes Sportfest wird.

Die Reise nach Südkorea erfolgte auf Einladung des ÖOC.

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