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einwürfe

Matratzensport

Von Franzobel

Zuerst die Anschuldigungen um Olympiasieger Peter Seisenbacher, dann der Missbrauchsskandal im Volleyball, und jetzt Skifahren. Die Enthüllungen von Nicola Werdenigg haben nicht nur ein paar kleine Steine ins Rollen gebracht, sondern eine ganze Lawine losgetreten, die sich über die ach so heilen Skipisten des ÖSV ergossen und die idealisierte Idylle zugeschüttet hat. Dazu die missbrauchten Turnerinnen in den USA, die aus Gründen der Leistungssteigerung geschwängerten DDR-Schwimmerinnen. In Österreich gab es vor circa 15 Jahren, heute fast vergessen, einen Skandal um das seltsame Aufnahmeritual des Pasterns (Popoklatschen mit teilweise schrecklichen Auswüchsen) im Nachwuchsfußball. Kann man angesichts solch verrotteter Zustände sein Kind noch zum Sport schicken?

Ja! Die Verhältnisse sind mittlerweile anders und dank mutiger Aussagen von Opfern wie Nicola Werdenigg wird es solche Missstände (hoffentlich) so schnell auch nicht mehr geben. Nun schlägt das Pendel allerdings in die andere Richtung aus. So hat vor wenigen Tagen im Fernsehen der Trainer einer Mädchen-Volleyballmannschaft gesagt, dass er beim Training mittlerweile schon fragt, ob er denn eine Spielerin berühren darf, um ihr eine Handhaltung oder Schlagbewegung zu zeigen.

Wie bitte? Gut, dass er die Umkleidekabine erst betritt, wenn alle angezogen sind, dann ist das natürlich korrekt und richtig. Aber aus Angst vor einer unabsichtlich unsittlichen Berührung sich auch gleich des gemeinsamen Jubels zu enthalten, erscheint mir doch etwas übertrieben.

Ich bin im Schatten der sogenannten sexuellen Befreiung aufgewachsen, mit Playboy-Postern in Garagen; Nackedeis im Fernsehen und in der Werbung – vielleicht erinnern Sie sich an Triumph, Fa, Bounty? – mit Bands wie Drahdiwaberl oder Novak’s Kapelle, mit Frank Zappas „Bobby Brown“, Bildern von Woodstock, Uschi Obermaier, Domenica oder Yoko Ono und John Lennon im New Yorker Bett.

Natürlich ist daraufhin einiges aus dem Ruder gelaufen, darf ein Machtverhältnis niemals sexuell ausgenützt werden. Aber deshalb gleich eine Rückkehr zur neuen Prüderie? Es gibt Studien, die einen Zusammenhang zwischen der Radikalisierung junger Männer und unterdrückter Sexualität belegen. Ich glaube auch, dass eine verklemmte Gesellschaft leichter anfällig ist für Demagogen, eine friedliche Gesellschaft mit mündigen Bürgern nur mit natürlicher, unverkrampft gelebter Sexualität möglich ist.

So geht es wie überall auch hier vor allem um das rechte Maß. Sexueller Missbrauch ist widerlich und gehört restlos aufgeklärt, deshalb aber Nacktheit, Berührung und Flirten zu verdammen, wäre dumm und grundverkehrt.

Bussi.

Franzobel, 1967 in Vöcklabruck geboren, ist Schriftsteller und Sportfan.

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