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„Sie suchen die Schuld nur bei den anderen“

Der Deutsche Uwe Beier bezieht im Interview exklusiv Stellung zum Sturz von Markus Schairer bei Olympia.   GEPA/Lerch, APA

Der Deutsche Uwe Beier bezieht im Interview exklusiv Stellung zum Sturz von Markus Schairer bei Olympia.   GEPA/Lerch, APA

Interview FIS-Snowboard-Renndirektor Uwe Beier nimmt Stellung zum Sturz des St. Gallenkirchers Markus Schairer bei den Spielen in Südkorea. Der Rennleiter des olympischen SBX-Bewerbs übt dabei Kritik an den Kritikern.

Wie haben Sie das olympische SBX-Finale mit all den Stürzen erlebt?

Uwe Beier: Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass nicht nur der Sport und die spektakulären TV-Bilder, sondern vor allem auch die Sicherheit im Vordergrund stehen muss. Aber die Wahrheit ist, dass beim Snowboardcross immer was passieren kann. Wenn vier oder sechs Läufer gegeneinander den Berg hinunter um die Wette fah­ren, Seite an Seite über Sprünge gehen, dann fährt das Risiko immer mit. Dann wird es zu Stürzen kommen, und dann wird es auch Verletzungen geben. Das lässt sich leider nicht verhindern. Beim olympischen Männer-Finale ist mir persönlich aber zu viel passiert.

Wie konnte es zu dem Sturz von Markus Schairer kommen, bei dem er sich einen Halswirbel brach?

Beier: Da haben viele Faktoren eine Rolle gespielt. Was im Detail die Gründe waren, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Das müssen wir genauer analysieren, mit Markus sprechen gehört dazu. Ich denke aber, dass die Geschwindigkeit höher war als gewünscht und gedacht. Ich muss da etwas ausholen. Wir hatten vor zwei Jahren im Phoenix Park einen Testlauf unter Wettkampfbedingungen auf einem mehr oder weniger gleichen Kurs wie jetzt bei Olympia. Damals herrschte speziell im Zielbereich bei den Sprüngen Gegenwind, so dass die Läufer kaum ordentlich über die Sprünge gekommen sind. Dieses Mal hatten wir teils böigen Rückenwind und damit völlig konträre Bedingungen zu damals. Dadurch gingen die Sprünge höher und weiter. Deshalb haben die Sprünge für die Geschwindigkeit nicht ideal funktioniert.

Die Bedingungen waren also sehr unterschiedlich?

Beier: Ja, wir haben hinterher anhand der Messungen gesehen, dass es von Heat zu Heat extrem unterschiedliche Windverhältnisse hatte. So ist ein und derselbe Fahrer, jeweils in Führung liegend, bei der einen Runde bei einem Sprung zu weit unten gelandet und in der folgenden Runde beim selben Sprung deutlich zu kurz.

Das heißt?

Beier: Es ist schwierig, nein, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, einen Kurs zu bauen, der sowohl bei Gegen- als auch bei Rückenwind, bei Sonnenschein und bei Schneefall, kalten und warmen Bedingungen gleich gut funktioniert. Und das auch noch für die Männer und die Frauen. Was bei Markus glaube ich auch eine Rolle gespielt hat, war, dass wir direkt vor dem Rennen die Qualifikation hatten. Im Weltcup findet die Qualifikation üblicherweise einen Tag vor dem Finale statt. Bei Olympia haben wir diese Möglichkeit nicht. Das bedeutet, dass die Boarder schon einige Fahrten in den Beinen hatten, bevor überhaupt das Finale losging.

Sie glauben, dass die Belastung am Renntag zu groß war?

Beier: Der Tag ging schon früh mit dem Training los, dann kam die Qualifikation und nach einigen Fahrten über so eine schwierige Strecke spielt dann irgendwann auch die Kraft eine Rolle. Da können die Boarder dann nicht mehr die Wellen so absorbieren wie üblich. Das ist vielleicht der Grund, warum Markus bei dem Sprung in Rückenlage gekommen ist, was immer problematisch ist. Dann kam ziemlich sicher Rückenwind dazu, vielleicht auch noch ein leichter Kontakt von einem Gegner. Das heißt also, wir müssen über verschiedene Punkte diskutieren. Eben einerseits, was dazu geführt hat, dass Markus diesen Fahrfehler gemacht hat. Aber andererseits müssen wir Verantwortliche uns auch was den Streckenverlauf betrifft hinterfragen.

Wurden Fehler gemacht?

Beier: Ich bin mir sehr sicher, dass wir die entsprechende Zielpassage beim nächsten Mal anders anlegen würden. Ein solch harter Aufprall, wie Markus ihn im Flachen hatte, müssen wir zukünftig verhindern. Wir müssen hier mehr Spielraum für schlimmstmögliche Fahrfehler einräumen. Die Kombination vom Absprung mit einer Kompression und dem Verhältnis zum Winkel der Landung war nicht optimal. Das kann man anders bauen, das geht besser, aber Stürze wie der von Markus lassen sich nie zu 100 Prozent ausschließen.

Viele Boarder haben nach dem Rennen harsche Kritik geübt. Was sagen Sie dazu?

Beier: Es wurde nach dem Rennen vieles leichtfertig dahingesagt. Man mag das Kritik nennen, ich nenne es einen Schnellschuss gegen die FIS, was nicht zielführend ist. Jeder hat einen Teil dazu beigetragen, dass es so lief, wie es lief. Die Trainer, die Sportler, der Kursbauer, die Offiziellen. Wir alle müssen uns fragen, ob wir nicht etwas übersehen haben. Vielleicht haben wir einfach alle zu wenig bedacht, dass das Tempo durch das Windschattenfahren noch deutlich höher wird. Wir nehmen vom olympischen Snowboardcross-Finale viel Erfahrung mit, man kann es meinetwegen auch so nennen, dass wir aus Fehlern gelernt haben. Ja, man hätte durchaus einiges anders machen können. Aber so, wie es einige Sportler und Trainer machen, so geht es nicht – nämlich die Schuld einseitig nur den anderen zuzuschieben und mit dem Finger auf Leute zu zeigen. Es sind auch immer die gleichen, die das machen. Ich wünsche mir da mehr Eigenverantwortung. Seitens der Teams und seitens der Fahrer.

Ihnen wurde vorgeworfen, dass Sie nach dem Training die Strecke nicht entschärft haben?

Beier: Und genau das ist der Punkt, an dem ich meinerseits auf einige Fahrer und Trainer mit dem Finger zeigen muss. Wenn die hinterher damit ankommen, man hätte es vorher wissen müssen, dann frage ich mich: Wo waren die denn davor? Keiner von ihnen hat gesagt: Der Sprung ist zu hoch, die Landung zu kurz, das Tempo zu hoch. Wenn Änderungswünsche gekommen wären, hätten wir den Sprung adaptiert. Wir haben ja alle Kurs-Änderungswünsche umgesetzt, die in den täglichen Nachbesprechungen kamen.

Meines Wissens wurde vom österreichischen Team interveniert?

Beier: Der Trainer sagte, wir müssen den großen Sprung im Auge behalten. Außerdem haben wir den Sprung ja leicht entschärft zum Renntag hin, das weiß ich inzwischen von den Kursbauern. Vier Tage vor dem Finale gab es eine erste Besichtigung der Strecke mit den ersten Testfahrten. Unter den Top 8 der Frauen und den Top 24 der Männer losten wir so wie im Weltcup üblich einige Testfahrer aus. Das machen wir, um von den Besten der Besten ein Feedback zu bekommen, um zu sehen, ob die in ihrem Tempo mit der Strecke klarkommen. Alle waren glücklich mit dem Kurs. Bei uns ist angekommen: alles funktioniert, alles ist gut. Darum wurde nichts außer einigen Details geändert. Weil es nicht gewünscht war.

Wann wäre der letztmögliche Zeitpunkt für eine Streckenadaptierung gewesen?

Beier: Eine Stunde vor dem Finale hätten wir noch reagieren können. Wir fragten am Renntag nach dem Training ja, ob wir noch was adaptieren sollen, sogar nach der Qualifikation wollten wir wissen: Passt alles? Sollen wir mit dem Kurs ins Finale gehen – oder sollen wir nicht doch noch den ein oder anderen Sprung etwas abtragen? Ich habe die Situation bildlich vor mir. Fast alle Trainer standen an der selben Streckenposition, alle sagten, nein, alles so belassen.

Was schlussfolgern Sie daraus?

Beier: Aktuell wird diskutiert, dass wir mehr auf die Sportler hören sollen. Meine Meinung ist, wir hören in machen Bereichen auch mal zu viel auf sie. Denn die Top-Fahrer sagen bei so schwierigen und großen Kursen wie dem von Olympia nämlich nicht, dass wir die schwierigen Passagen entschärfen sollen. Sondern jubeln: Endlich mal wieder ein anspruchsvoller Kurs. Dabei sieht der Zuschauer gar nicht, ob ein Sprung einen halben Meter höher oder weiter geht. Wir, die Jury, hätten da eingreifen sollen, egal was die Fahrer sagen. Zumal die Strecke am Tag nach dem Herrenfinale bei den Damen funktioniert hat. Nach nur wenigen Anpassungen.

Für die Zukunft bedeutet das?

Beier: Dass große Kurse für sechs Fahrer tendenziell technisch eher etwas weniger anspruchsvoll angelegt werden müssen. Der Anspruch an die Fahrer mit fünf Boardern in einem Kurs neben sich ist ein anderer als mit drei. Der Kurs muss den Fahrern mehr Raum für die Aufmerksamkeit auf das Renngeschehen lassen.

Viele Boarder bevorzugen ohnehin Viererheats, so wie im Weltcup regelmäßig gefahren wird. Warum wurde bei Olympia in Sechserheats gefahren?

Beier: Einspruch, viele mögen Sechserheats und wir würden gerne öfter in diesem Format fahren. Nur dass ist vielerorts, auch im Montafon, unmöglich. Wissen Sie, das ist auch wieder so ein Punkt. Vor ein paar Jahren schwärmten alle, wie spektakulär Secherheats sind. Jetzt sollen sie der Grund für Sturzrennen sein? Nein, es kommt vor allem drauf an, wie die Kurse angelegt sind. Einige unserer attraktivsten und sichersten Rennen waren Sechserheats. Veysonnaz oder Sunny Valley beispielsweise. Da hatten wir keinen Sturz, dafür aber jede Menge spannende Überholmanöver. Möglicherweise sind einige Fahrer einfach zu wenig auf Sechserheats vorbereitet. Weil sie dieses Format zu wenig trainieren und mental auch nicht den Schalter umlegen können.

Wie wird sich der SBX-Sport weiterentwickeln?

Beier: Das Niveau soll sich weiter steigern. Es wird City-Events wie jenes an diesem Wochenende in Moskau geben, Sprintrennen, kleinere und große Kurse. Die Cross Alps Tour mit den Skicrossern, also die angedachten mehreren Rennen innerhalb weniger Tage mit einer eigenen Wertung, ist wohl eher gestorben. Auch, weil Audi als Hauptsponsor der im Skicross sehr gut funktionierenden Cross Alps Tour nicht beim Snowboardcross einsteigen wird. Als Alternative denken wir über eine Art Grand-Slam-Serie nach – mit mehreren Highlights über die Saison verteilt. Zudem forcieren wir den Teambewerb. Ich sehe gute Chancen, dass dieser olympisch wird und habe große Hoffnung, dass es schon in Peking 2022 so weit ist. Hannes Mayer

Reaktionen aus dem Fahrerlager auf diese Aussagen lesen Sie demnächst in der NEUE am Sonntag.

<p class="caption">Der Deutsche Uwe Beier bezieht im Interview exklusiv Stellung zum Sturz von Markus Schairer bei Olympia.   GEPA/Lerch, APA</p>

Der Deutsche Uwe Beier bezieht im Interview exklusiv Stellung zum Sturz von Markus Schairer bei Olympia.   GEPA/Lerch, APA

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