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Am Schnabel der Welt

TraurigeGestalt?

von Harald petermichl

Es ist einer der großen Vorteile, die Printmedien gegenüber Online-Portalen haben: Das geschriebene Wort steht und zählt, zumindest für 24 Stunden, bevor die Redensart „Es gibt nichts Uninteressanteres als die Zeitung von gestern“ Gültigkeit erhält. Und das ist nicht der einzige Vorteil, oder haben Sie mal versucht, einen frischen Hering in eine Website einzuwickeln oder aus einem Internetforum einen Malerhut zu basteln? Hintergrund dieser Feststellung ist ein vielbeachtetes Interview, das Per Merte­sacker vor ein paar Tagen dem „Spiegel“ gegeben hat, und in dem er thematisiert, wie der alltägliche Druck in der ehemaligen Sportart und dem heutigen postkapitalistischen Phänomen Profifußball zu extremen Belastungen und gesundheitlichen ­Beeinträchtigungen führen kann.

Ein sich auch sonst nicht unbedingt durch besonders intelligente Programmgestaltung auszeichnender deutscher Privatsender fühlte sich daraufhin sofort bemüßigt, seinen Bericht dazu mit „Weltmeister von der traurigen Gestalt“ zu betiteln, um diese Überschrift kurz darauf durch „Per Mertesacker beklagt Druck im Profifußball“ zu ersetzen und das ohnehin mäßig originelle Don-Quijote-Zitat in den Untertitel zu verlegen. Nicht zuletzt wohl deshalb, weil die ekelhaft populistische Absicht, die Neidgesellschaft gegen einen zugegebenermaßen gut verdienenden Fußballprofi aufzuhetzen, nicht so recht aufgegangen war. Zwar hatten bekannte Intelligenzbolzen wie Lothar Matthäus oder Rainer Calmund relativ rasch ihren überflüssigen Senf dazugegeben, dergestalt, dass Mertesacker ja hätte aufhören können, aber es gab erfreulicherweise auch ordentlich Gegenwind in der Debatte, gipfelnd in einem Tweet, der da lautete „Löscht euch, @RTLde“.

Wie gesagt, in einer Zeitungsredaktion ist es erforderlich, Überschriften und Texte vor Drucklegung noch mal genau zu prüfen, während in einem schnellen Online-Medium Änderungen jederzeit möglich sind und das mit der Verbindlichkeit daher so eine Sache ist. Abgesehen davon: Wer erinnert sich noch an all die salbungsvollen Worte, die bei der Trauerfeier für Robert Enke vor nicht mal zehn Jahren gesprochen wurden? Dass man aufmerksam sein müsse, um den Auswüchsen des Fußballgeschäfts zu begegnen. Dass der Mensch im Mittelpunkt stehen müsse und nicht der Kommerz. Alles nur leere Worthülsen, denn viele Reaktionen auf Mertesacker aus der Szene zeigen deutlich, dass es den Strippenziehern in diesem Geschäft herzlich egal ist, wie es seinen Hauptdarstellern geht, wenn nur die Kohle stimmt.

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