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Furchtlos vor Messi

Kolvidsson links im Gespräch und rechts in seinem Heimbüro beim Scouting, wo ein Bezug zu seiner Heimat nicht fehlen darf.    Hartinger (3)

Kolvidsson links im Gespräch und rechts in seinem Heimbüro beim Scouting, wo ein Bezug zu seiner Heimat nicht fehlen darf.  

  Hartinger (3)

Im zweiten Teil der Serie gibt der einstige Wahl-Vorarlberger Helgi Kolvidsson einen Einblick in Islands Vorbereitung auf die Fußball-WM in Russland im Sommer.

Von Hannes Mayer

Keiner würde gerne nach den Beatles auf die Bühne gehen – mit diesem plakativen Vergleich beschreibt der einstige Wahl-Vorarlberger Helgi Kolvidsson Islands Ausgangslage nach der für die nordischen Insulaner so erfolgreichen EURO 2016, bei der die Isländer Fußball-Europa mit ihrem rauem Charme verzückten. Es war eine der größten Sensationen in der Geschichte des Fußballs, dass sich die Isländer für das Endturnier qualifiziert hatten – und dabei Großmacht Niederlande, die es nicht zur EM schaffte, ins Tal der Tränen stürzten.

Bei der Europameisterschaft schafften es dann die Wikinger gar noch, eins drauf zu setzen. Sie belegten in der Gruppe F noch vor dem späteren Europameister Portugal – und das ungeschlagen – Platz zwei und qualifizierten sich doch tatsächlich fürs Achtelfinale. Mehr, so waren sich alle Experten einig, wäre nun wirklich nicht mehr möglich für die Nordländer. Doch sie irrten. Island bezwang England mit 2:1. Erst Gastgeber Frankreich erwies sich im Viertelfinale bei der 2:5-Niederlage als zu stark. Islands damaliger Nationaltrainer Lars Lagerbäck hatte bereits vor dem Turnier beschlossen, dass es für ihn als Nationaltrainer Islands nicht weitergehen würde. Weil er nicht jünger werde, gab der damals 67-Jährige an. Aber wohl auch, weil auch er sich sicher gewesen sein dürfte, dass mehr für die Nationalmannschaft der knapp 350.000 Einwohner zählenden Insel schlichtweg unmöglich sei.

Scouting. Doch es kam alles anders. Heute, knapp 21 Monate nach Islands EM-Aus, bereiten sich die Wikinger auf die Weltmeisterschaft und dabei unter anderem auf keinen Geringeren als Lionel Messi vor. Denn die Isländer haben tatsächlich noch mal eins drauf gelegt; sich für die WM qualifiziert, wo sie in der Gruppe eben auf Argentinien sowie Kroatien und Nigeria treffen. Sie schafften das unter anderem, weil der einstige Austria-Lustenau-Trainer Helgi Kolvidsson als Co-Trainer sehr wohl nach den Beatles den Sprung auf die Bühne wagte – um bei der sicher gewagten, und doch nicht überspitzten Metapher zu bleiben. Denn eigentlich konnten die Isländer nach dem Fußballmärchen 2016 nur verlieren. Eigentlich. Im April 2018 stehen sie stattdessen vor dem nächsten Kapitel ihrer wild-romantischen Erfolgsgeschichte. Wenngleich die sich aktuell weniger wie ein Märchen, sondern wie ein Arbeitsbuch anfühlt: „Es gibt so viel zu tun, wenn du dich auf das wahrscheinlich größte Sportevent der Welt vorbereitest. Ich bin zurzeit unfassbar viel unterwegs“, erzählt Kolvidsson in seinem typisch nordländisch gefärbten Vorarlberger Dialekt.

Es gilt, die eigenen Spieler zu beobachten, aber natürlich auch die Spieler, auf die Island bei der WM trifft. Die Partien, die in Kolvidssons Umgebung stattfinden – der 46-Jährige lebt nach wie vor im Landkreis Sigmaringen ungefähr eine Autostunde von Vorarl­berg entfernt – schaut sich Kolvidsson live im Stadion an. Für alle anderen hat er Zugriff auf ein Live-Scouting-Programm, das ihm nicht nur den Zugang zu allen nennenswerten Bewerben bietet, sondern auch eine Unmenge an Daten mitliefert. Wenn also der einstige Wahl-Vorarlberger nicht unterwegs ist, verbringt er die meiste Zeit in seinem Heimbüro, wo er Spiele analysiert, die Charakteristiken der Gegner herausfiltert und Schlussfolgerungen aus dem Strom an Daten zieht. Eine Woche pro Monat verbringt er in seiner Heimat, tauscht sich dann mit Cheftrainer Heimir Hallgrímsson aus, bereitet den nächsten Lehrgang vor.

Mentalität. Ende März war die isländische Nationalmannschaft in Florida. Dort probten sie den Ernstfall und testeten gegen Mexiko und Peru – und damit zwei mit WM-Gegner Argentinien vergleichbar spielende Auswahlen. Die Wikinger verloren 0:3 gegen Mexiko und 1:3 gegen Peru, gewannen dabei aber viele Erkenntnisse. „Wir haben 30 Spieler nominiert und auf einige angeschlagene Leistungsträger verzichtet. So kamen Spieler zum Einsatz, die bislang selten oder noch gar nicht im Nationalteam spielten“, schildert Kolvidsson. Das Ergebnis sei sekundär gewesen, verdeutlicht Islands Co-Trainer weiter, der bei der Euro 2016 Scout und Betreuer bei den Nordländern war. „Wir spielen ganz selten gegen südamerikanische Mannschaften. Deshalb galt es zu lernen und zu erfahren, mit welcher Mentalität sie spielen, wie sie das Spiel verzögern, wie sie reagieren, wenn sie führen. Aber auch, wie wir sie mit unserer Mentalität und unseren Stärken gerade auch mental unter Druck setzen können.“

Die Stärken der Isländer sind schnell umrissen. Sie sind laufstark, taktisch diszipliniert, arbeiten kollektiv gegen den Ball und können offensiv auf ihre Standardstärke vertrauen. „Wir sind so einfach zu analysieren, aber so schwer zu bespielen“, bringt es Kolvidsson lachend auf den Punkt. Angst vor Messi, Higuain, Modric oder Mandzukic ist ihm und seinen Landsleuten fremd, genauso wie Laissee-faire. Die Isländer setzen auf harte Arbeit: „Wir überlassen nichts dem Zufall. Wer glaubt, dass wir wie Dänemark 1992 bei der Europameisterschaft am Swimmingpool liegen und Hamburger essen, täuscht sich. Die haben zwar damals so den Titel geholt, aber das war eine andere Zeit. Wir sind fokussiert, haben Ziele.“

Optimismus. Die Isländer sind willens, ihren Landsleuten, der Sportwelt, den Fans und sich selbst ein weiteres Fußball-Märchen zu schenken. Ihre vielleicht wirksamste Tugend ist dabei ihr Optimismus, wie Kolvidsson verrät: „Wir sagen nicht, dass wir nichts zu verlieren haben. Das wäre Unsinn. Aber wir glauben daran, dass wir was gewinnen können.“ Das Ja steht also bei den Isländern über dem Nein. Oder um es mit den Beatles zu sagen: Yeah, Yeah, Yeah.

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