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Eine große, lückenlose Fehlerkette

Joachim Löws Abgang in Kasan könnte sein letzter als DFB-Coach gewesen sein. AP

Joachim Löws Abgang in Kasan könnte sein letzter als DFB-Coach gewesen sein. AP

Analyse. Deutschland ist an sich selbst gescheitert und alle haben dazu beige­tragen, auch Jogi Löw.

Von Hubert Gigler

Es gab noch viele Möglichkeiten, wie Deutschland sich weiter durch das Turnier hätte wurschteln können, aber erstens spielten die anderen (Schweden und Mexiko) nicht mit, und die auf dem Papier einfachste Lösung, einen Sieg über Südkorea, brachte der Titelverteidiger nicht zustande. Im dritten Spiel setzte sich fort, was sich schon in den beiden vorhergegangenen Partien abgezeichnet hatte. Eine völlig ungewohnte Trägheit war auch diesmal nicht zu übersehen. Der Weltmeister ist in die Jahre gekommen, und es hatte den Anschein, als würde das Team von Alterserscheinungen durchzogen sein, obwohl Bundestrainer Jogi Löw zum vermeintlich endgültigen Aufbruch in dieses Turnier die Startelf erneuert hatte. Er wollte die Reset-Taste drücken, aber die Spieler wirkten, als sei der Server abgestürzt.

Keine Leader. Ein großer Teil der Weltmeister-Mannschaft von 2014 bildete auch 2018 noch den Kern des Teams. Aber die Verantwortungsträger sind den Deutschen abhandengekommen. Toni Kroos bemühte sich wohl, doch dem Star von Real Madrid unterliefen ungeachtet seines Siegestors gegen Schweden einerseits zu viele Fehler, andererseits fand er in dieser deutschen Auswahl nicht jene kongenialen Partner, die er von Real Madrid her gewohnt ist. Von den übrigen Routiniers blieb einzig der sehr kurzfristig wieder zum Team gestoßene Manuel Neuer (fast) fehlerlos, während Sami Khedira ein Schatten seiner selbst blieb und Mesut Özil (neben dem nur eine Stunde gegen Schweden eingesetzten Ilkay Gündogan) die Geister, die er durch seinen Auftritt mit dem türkischen Autokraten Recep Erdogan gerufen hatte, nicht mehr loswurde. Den WM-Youngsters wie Timo Werner, Julian Draxler, aber auch dem selbst schon Führungsambitionen zeigenden Joshua Kimmich fehlte so der Leitfaden.

Jogi Löw hat sich um die Verantwortung für das deutsche Desaster nicht gedrückt, er weiß selbst am besten, dass auch ihm entscheidende Fehler unterlaufen sind. Aus der schwachen Vorbereitung mit dem mit 1:2 verlorenen Testmatch gegen Österreich und dem bescheidenen 2:1-Erfolg über Saudi-Arabien hat der Bundestrainer nicht die richtigen Schlüsse gezogen. Ja, schon, da müsse man reagieren, wurde erklärt, aber es klang nach lapidarem „das hat nichts zu bedeuten“. Es wurde kleingeredet, was de facto schon als Vorzeichen der Weltmeisterschaft ins Spiel kam. Darüber hinaus hat Löw im ersten Match gegen Mexiko einen taktischen Bauchfleck hingelegt, sein Team wurde überrumpelt.

Titel machen satt. Allerdings hat der Bundestrainer schon im ersten Interview nach dem Aus auf einen Aspekt hingewiesen, der ebenfalls in die Reihe der Ursachen zu platzieren sein wird. Er sprach von einer „gewissen Selbstherrlichkeit“, die sich in der Mannschaft vor Turnierbeginn breitgemacht habe. Da aber hätte dann der Teamchef versagt, wenn es ihm nicht gelang, den Hochmut abzustellen, denn dieser kommt bekanntlich vor dem Fall. Früher einmal wäre dies in deutschen Landen wohl mit „gesunder Arroganz“ erklärt worden.

Auf der anderen Seite war den Deutschen aber auch ein gewisser Sättigungsgrad anzumerken, es fehlte der Erfolgshunger. Wie sollte denn ein Triumph wie jener 2014 in Brasilien mit dem 7:1-Halbfinal-Furioso gegen den Gastgeber noch zu toppen sein? Die Weiterentwicklung ist jedenfalls nicht gelungen, und die Russland-WM zeigte im deutschen Spiel auch keine Stagnation, sondern einen Rückschritt.

Spielerisch konnte der nun gescheiterte Titelverteidiger in keiner Weise an die vorhergegangenen Jahre anknüpfen. Es fehlten die zündenden Ideen, es fehlte das Tempo und es fehlte dieser unbedingte Wille zum Erfolg, der den Gegnern (Stichwort: Turniermannschaft) stets außerordentlichen Respekt abverlangt hat. Die wohl weitverbreitete Ansicht, die WM werde sich zum Selbstläufer entwickeln, stellte sich als für die Deutschen desaströser Irrtum heraus.

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