Kontakt

Neue Zeitungs GmbH
Gutenbergstraße1
6858 Schwarzach

Phone: 0043 5572 501 500

Der Wettkönig

Diese Weltmeisterschaft ist eine Katastrophe. Nein, nicht die Spiele, die sind trefferreich und spannend, selbst wenn sich meist die überlegene Mannschaft an einem Abwehrriegel festbeißt und beim Verschlucken refluxartig ausgekontert wird. Die Organisation ist ohne Brösel, keine überhitzten Hooligans, terrormäßig ist nichts angebrannt, kein Anpfiff vor dem Frühstück, nicht einmal Vuvuzelas, bei denen die Milch sauer wird. Sogar die zur Auslegung angelegten Schiedsrichter sind anstandslos. Nein, es sind die Resultate. Ein Desaster! Von 48 Vorrundenspielen habe ich mit Ach und Weh bei der Hälfte den Sieger getippt. Und das mir, dem ausgekochten Tippmeister und Quotenking. Wie stehe ich jetzt da? Nackt, blamiert bis in die Moleküle. In unserer Wettrunde liegen die Ahnungslosen vorne, Instinkttipper, Sympathiewetter, Sonntagsfans, die einen Sieg des Iran gegen Marokko vorhergesehen haben oder errieten, dass Japan Kolumbien besiegt. Wer kommt auf den blasierten Gedanken, dass die Schweiz gegen Costa Rica nur remisiert oder Saudi-Arabien das wie einbalsamiert spielende Ägypten schlägt? So etwas passiert normal in tausend Jahren nicht.

Überhaupt die Afrikaner! Was war mit Mo Salah und Sadio Mane? Seit Jahrzehnten wird ein afrikanischer Weltmeister prophezeit. Und was machen die Herrschaften? Balsamico! Alle fünf vertschüssen sich – zwar nicht sang- und klanglos, sondern mit Rambazamba und Krawumm, aber nur wegen der Fans. Haben Sie die senegalesischen Tanzclowns gesehen? Wie eine Gartenschlauch-Geister-Combo. Warum schafft Afrika es nicht, aus all seinen Europa-Legionären Teams zu bilden? Wobei mir Nigerias Trainer gut gefallen hat – für meine Wettmisere konnte der ja nichts.

Ich habe Voodoo-Puppen eingesetzt, mir von Astrologen Horoskope erstellen lassen, Kraken, Ameisenhaufen, Kaffeesude, getragene Unterhosen und andere Orakel befragt, doch für die Tipps nützte das alles nichts. Island schafft ein Unentschieden gegen Argentinien. Island! Das ist, wie wenn ein Seehund die Tour de France gewinnt. Die Schweiz remisiert mit seinem Schmelzkäsefußball gegen Brasilien, Marokko legt den Spaniern zwei Eier ins Getriebe und der Iran knüpft Portugal ein Pünktchen ab. Unglaublich. Das stellt alles auf den Kopf. Wozu beschäftige ich mich jahrzehntelang mit Fußball, wenn dann alle spielen, wie sie wollen? Und Jogiand! Mein lieber Herr Gesangsverein, gegen Mexiko kann man ja verlieren, aber gegen Südkorea? Da wird der Popel in der Nase ranzig. Gut, letztlich haben sich die Favoriten durchgesetzt, zehn Europäer, vier Südamerikaner, dazu Mexiko, Japan. Aber wie? Mit Hängen und Würgen und Videobeweis. Das Niveau schiebt sich zusammen. Aber was macht das noch für einen Sinn, wenn nichts mehr so ausgeht, wie ich es will? Nächstes mal tippt mein Hund. Der kann auch danebener nicht sein.

Wetten wir?

Franzobel, 1967 in Vöcklabruck geboren, ist Schriftsteller und Sportfan

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.