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Die Leere der Freude und die Freude der Leere

Es ist eine völlige Leere da: die Leere vor Freude“, erklärte Igor Wladimirowitsch Akinfejew, Kapitän und Torhüter des russischen Nationalteams, im Interview unmittelbar nach dem Achtelfinale gegen Spanien mit dem glücklichen Ende.

Diese Aussage war für mich äußerst erstaunlich. Ich hatte als Vorbereitung auf „Russia 2018“ und um die russische Seele besser zu verstehen, zwei Jahre lang vornehmlich russische Literatur gelesen: Tolstoi und Dostojewski natürlich, vor allem aber Tschechow und Bulgakow, Anna Achmatowa selbstverständlich, weniger bekannte Romane des Fußballtormanns Wladimir Nabokow, daneben Gogol und Turgenew. Der hatte begriffen: Russisch sein hieß pessimistisch sein. Und dann kommt Igor Akinfejew daher und erklärt mir die Seele seines Volkes vor einer Plexiglaswerbetafel im Luschniki-Stadion en passant in einem Satz! Der Russe ist leer, wenn er sich freut, und er freut sich, wenn er leer ist.

So kann man im Grund auch Akinfejews Existenz interpretieren: Er spielt bei ZSKA Moskau. Immer schon. Nirgendwo anders. Kein Wechsel. Nie. Mit ZSKA wird er immer russischer Meister. Normal. Egal. Man freut sich leer. Als Junger hat er ein Studium absolviert. Sport. Nach dem Training. Neben ZSKA. Normal. Hat eine Diplomarbeit mit dem Titel „Technisch-taktische Handlungen eines Torwarts während des Fußballspiels“ geschrieben. Alles für die Wissenschaft; aber kaum geschrieben, liegen die Diplomarbeiten auch schon bis zum jüngsten Gericht in irgendwelchen Universitätsbibliothekskatakomben herum wie der einbalsamierte Lenin in seinem Mausoleum. Egal. Bei der Sponsion: eine völlige Leere vor Freude.

Normal.

In der Sbornaja steht Igor seit 14 Jahren. Oft ist ihm übel mitgespielt worden, z. B. vor vier Jahren in Brasilien, als Akinfejew im entscheidenden Spiel durch einen Laserpointer irritiert worden war, den ein Zuschauer auf seine Augen gerichtet hatte. Egal. Oder im Jahr darauf gegen Montenegro, als er von einem Feuerwerkskörper getroffen und ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Spielabbruch.

Normal. Sogar gegen Österreich hat er zweimal verloren. Abseitstor, egal. In solchen Situationen tut sich was in der russischen Seele, Aufruhr, dumpfes Murren … aber man gibt dann doch auf.

Und jetzt der Triumph. Auch schon was. Leere. Völlige Leere in Akinfejews Seele. In diesem Sinne: Gute Nacht, heute gegen Kroatien.

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