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Wenn die Töchter Igor heißen

Vor dem Viertelfinale gegen Kroatien schwappen in Russland Begeisterung und Hurrapatriotismus über.

Russland freut sich. „Hitler kaputt!“, ruft ein junger Mann in weiß-rot-blauer Kriegsbemalung, als er hört, dass er es mit einem Deutschen zu tun hat. Aber danach redet er nur noch über Fußball. Er heißt Nikita und sitzt mit seinem Freund Oleg im Moskauer Café „Schokoladniza“. Sie trinken Wodka und Kirschsaft auf ihr Nationalteam.

Heute spielt Russland in Sotschi gegen Kroatien um den Einzug ins WM-Halbfinale. Zuvor hatte die Sbornaja sensationell den Favoriten Spanien aus dem Turnier geworfen. Russland ist in einen WM-Rausch geraten, Fußballbegeisterung und Hurrapatriotismus vermischen sich. Viele Fans aber zwicken sich noch immer skeptisch in den Arm, um zu prüfen, ob sie diese WM nicht träumen.

Jetzt können wir jeden schlagen, wir können Weltmeister werden“, jubelt Oleg. Aber Nikita grinst schräg. „Das ist alles getürkt, die FIFA hat im Voraus bestimmt, wie das Turnier ausgeht.“ „So ein Quatsch. Du glaubst doch nicht, dass die Spanier absichtlich verloren haben“, entgegnet Oleg.

Nach dem Erfolg über Spanien hatten Zehntausende russische Fans das Zentrum Moskaus überschwemmt, hupende, russisch beflaggte Autos verstopften die Hauptstraßen bis ins Morgengrauen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sprach von „epischer Begeisterung“ und verglich den Jubel mit der „Chronik des Jahres 1945“, als die Sowjetunion den Krieg gegen Hitlerdeutschland gewann.

Die allrussischen Freudengesänge über den ersten Einzug der Sbornaja in ein WM-Viertelfinale seit 1970 übertönten auch die landesweiten Proteste gegen die Erhöhung des Rentenalters. Nach einer Umfrage des Lewada-Meinungsforschungszentrums betrachten 56 Prozent der Russen die WM als das eindrücklichste Ereignis im Juni, nur 31 Prozent sprachen von der Rentenreform. Selbst der Oppositionelle Alexei Nawalny, einer der Organisatoren der Proteste, twitterte nach dem Fußballsieg: „JAAAAAA! Wir müssen zu Demonstrationen mit der Forderung aufrufen, Akinfejew zum Helden Russlands zu erklären.“

Torwart Igor Akinfejew hatte zwei Strafstöße der Spanier abgewehrt, danach postete ein Internetnutzer: „Ich werde meinen Sohn Igor nennen. Und meine Tochter auch.“ Den hochgerissenen linken Fuß, mit dem Akinfejew den entscheidenden Schuss abwehrte, feierte der Kultrocker Sergei Schnurow in einem Gedicht als „Fuß Gottes“. Niemand weiß, welche Siege Russland bei dieser WM noch feiert und wie sie die Gesellschaft beeinflussen. Aber das Turnier hat das ganze Land in seinen Bann gezogen.

Dabei zweifeln viele Russen weiter an den Künsten ihrer Kicker. „Sie können keinen Fußball spielen“, sagt der Taxifahrer Ruslan, „sie hatten bisher nur Riesenglück.“ Und Denis, Lagerverwalter und ZSKA-Moskau-Fan, schimpft: „Es gibt in Russland keinen Fußball. Nicht Leistung, sondern Schmiergeld zählt.“ Bekannte, erzählt er, hätten drei Wohnungen in Moskau verkauft, damit ihr Sohn im Profikader von Spartak Moskau spielen dürfe.

Trotzdem, viele Russen sprechen schon vom WM-Titel. „Zum ersten Mal seit 1966 haben wir die Möglichkeit, um einen der ersten Plätze zu kämpfen“, schreibt „Sportexpress“. Hier und jetzt könnten die russischen Fußballer „die Geschichte auf den Kopf stellen, sehr russisch, irrational, ohne Logik“. Ja, für Russlands Fußball scheint im Moment nichts unmöglich zu sein.

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