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Ins Paradies katapultiert

am schauplatz. Spät, aber gewaltig: Nach dem Einzug ins WM-Finale packt die Franzosen das Fußballfieber.

Das Boulevardblatt „Le Parisien“ vermutet sie „an der Pforte des Paradieses“. Dabei sind die Franzosen längst mittendrin. Die Equipe nationale hat Belgiens „Rote Teufel“ mit 1:0 aus dem Stadion von Sankt Petersburg gejagt, dem Fußballgott sei Dank und auch dem Abräumer Samuel Umtiti, der das Schicksal der Belgier in der 51. Minute mit einem wuchtigen Kopfball besiegelte. Seitdem ist da nichts als Glückseligkeit.

In der Nacht zum Mittwoch greift sie erstmals um sich. Im Krestowski-Stadion ertönt der Schlusspfiff, die Blauen sind im Finale, und auf den Pariser Champs-Elysees ist kein Halten mehr. Zu Tausenden stürmen Freudetrunkene die achtspurige Prachtstraße. Als wären sie dem Himmel nicht schon nahe, erklimmen sie, was immer Höhe verheißt: Absperrgitter, Laternenmasten, Ampeln, Platanen. Feuerwerkssterne, Fackelschein und bengalische Feuer erhellen die Nacht. Eine „nuit blanche“ bricht an, eine weiße, eine durchwachte Nacht.

Ein Hauch von „Black-Blanc-Beur“ liegt in der Luft, jenem nach dem WM-Sieg 1998 beschworenen Schulterschluss zwischen Schwarzen, Weißen und Nachfahren arabischer Einwanderer, die einander im Alltag oft erschreckend fern sind. Wie damals haben die Spieler ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft erfolgreich gemeinsame Sache gemacht. Im Freudentaumel geeint, eifern die Fans ihnen 20 Jahre später von Neuem nach.

Auf einer gewöhnlich Baustellen markierenden Plastikbarriere balancieren Jugendliche dunkler und heller Hautfarbe. Sie umarmen einander, stimmen die Marseillaise an. Aus zahllosen Kehlen schallt die Nationalhymne zurück. „Allez les Bleus“ und „On est en finale“, rufen die jungen Männer nun, auf geht’s, ihr Blauen, wir sind im Finale. Das Publikum stimmt lauthals mit ein. Aus der Ferne gesellen sich Hupkonzerte und rhythmisch aufheulende Motoren hinzu.

An verschwitzten Leibern siegesfroher Fans kleben Trikots mit den Nummern 7 oder 10. Auf dem Spielfeld haben der Spielmacher Antoine Griezmann und der 19-jährige Wunderstürmer Kylian Mbappe damit geglänzt. Sie werden hier vergöttert. Dass es nicht zuletzt der Torhüter Hugo Lloris war, der mit Weltklasseparaden den Sieg gegen die Belgier sicherte, räumen die Feiernden gern ein. Aber ein Star, der Tore verhindert, taugt wohl weniger zum Idol als einer, der sie schießt.

Die Nation hat geahnt, dass es so kommen würde. Vor dem Halbfinale sagten 73 Prozent der Franzosen einen Sieg voraus. Vier Stunden vor Anpfiff schoben sich in Paris die Menschenmassen dem Rathaus entgegen, wo die Bürgermeisterin Anne Hidalgo zum Public Viewing gebeten hatte. Mit 20.000 Fans hatte Hidalgo gerechnet. Gut doppelt so viele versuchten, sich dem 62 Quadratmeter großen Bildschirm vor dem Hotel de Ville zu nähern.

Zwei Straßenecken entfernt kam die Völkerwanderung ins Stocken. Doch kaum jemand trat den Rückzug an. Die Menge harrte aus in der Hoffnung, wenn schon nicht den Spielverlauf, so einen kollektiven Freudenrausch zu erleben.

Der späte, heftige Ausbruch des Fußballfiebers hat die Fachwelt auf den Plan gerufen. Der Psychologe Robert Zuili preist den Fußball als toleranzfördernd. Er wecke den Glauben, ebenfalls erfolgreich sein zu können, festige familiären wie nationalen Zusammenhalt. Der Soziologe Seghir Lazri rühmt die Spieler mit Einwanderungshintergrund als „die öffentliche Meinung bestens beeinflussende Akteure“.

Wie soll das erst werden, wenn am Sonntagabend eintritt, womit die Mehrheit der Franzosen fest rechnet – und das 24 Stunden nach dem Nationalfeiertag?

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