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Allerletzte Minuten

Beinahe ist sie vorbei, diese merkwürdige Weltmeisterschaft, mit der man auch in den heißesten Phasen nicht immer recht warm wurde. Es hat öfter vor den Fensterscheiben gehagelt als am Spielfeld Tore. In der anhaltenden Kälte der Julitage erlebten nur die Brexitwortspiele einen zweiten Sommer und wurden auch durch Wiederholung nicht formvollendeter. Die WM schrumpfte zur EM. Politik und Fußball hingen schief.

Man fand bei genauer Betrachtung der Haartracht erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen Luka Modric und Beatrix von Storch und war sich in bizarren Debatten nicht sicher, wer sich beleidigter fühlen sollte, obschon es nur eine Antwort geben konnte. Man sah manches nicht kommen und einiges voraus. Nicht jeder hielt sich die Hand vor den Mund. „Ich hab’s dir ja gesagt“, wurde nach einem vergebenen Elfmeter von den Lippenlesern zur leisen Anklage und zum stillen Bonmot gekürt.

Der englische Trainer avancierte in seinem akkuraten Gilet und mit ministerialem Charme unverhofft zur Stilikone und ließ Horden ernsthafter Fans fortan in Hemd und Waistcoat, die Krawatte fest geschnürt, zwischen Halbnackten und Buntbemalten ins Stadion pilgern. Während die schicke Weste bald ausverkauft war, wurden die deutschen Fanartikel früh abverkauft, und wer wollte, erwarb traumhafte Unterhosen, berückende Perücken und wehende Autofähnchen in den schwarz-rot-goldenen Farben zu Preisen so unschlagbar, wie die Nationalmannschaft es diesmal nicht war. Die Spötter spotteten, die Witze wurden umgeschrieben. In Brasilien, wo der Legende nach seit dem letzten 7:1 „Tor für Deutschland“ zu einem weitverbreiteten Fluch für jedwedes einen ereilendes Unglück geworden war, atmete man auf und fuhr dann auch nach Hause.

Dass die Favoriten stolperten, erwies sich als Regelfall. Häufig entschieden die letzten Spielminuten, oft anders, als man dachte. Nachspielzeiten waren Todeszonen, die das Unwahrscheinliche zum Leben erweckten, Vorhersagen und Orakelsprüche zu Sieg und Niederlage nie schwieriger.

Es gab halbherzige Überraschungen und gute Quoten. Auch wenn man darauf wetten konnte, schneite es in Russland nicht und Suarez biss keinen seiner Gegner. Dass die Buchmacher noch keine Möglichkeit geschaffen haben, zu tippen, wie viele Polizisten sonntags auf der Wiener Ottakringer Straße nach Klein-Kroatien einrücken zum großen Finale, ist beinahe fahrlässig.

Was der Jubel für ein Gesicht haben könnte, sah man am Mittwoch, als ein Fotograf aus Versehen unter einem Haufen enthusiasmierter Kroaten begraben wurde. Sein letztes Foto zeigte Mandzukic’ überglückliches Nasenloch.

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