Kontakt

Neue Zeitungs GmbH
Gutenbergstraße1
6858 Schwarzach

Phone: 0043 5572 501 500

Kroaten als Meister der Improvisation

Der Erfolg des WM-Finalisten Kroatien basiert nicht auf einem durchstrukturierten Plan, aber er entspringt einer Kombination aus Pathos, Patriotismus und sehr viel Talent.

Von Hubert Gigler

Sie steigt weiter an, die Fußballfieberkurve, in einem Land, dessen Nationalteam mit dem Einzug ins WM-Finale einen kollektiven Höhenrausch ausgelöst hat. Doch bei der Ursachenforschung für den derzeit beinahe schrankenlosen Erfolgsweg Kroatiens stoßen die Ermittler bald an ihre Grenzen. „Eigentlich sprechen alle strukturellen Rahmenbedingungen dagegen“, erklärt Dario Brentin vom Zentrum für Südosteuropastudien der Universität Graz. Weder verfüge das Land über eine stringente Sportpolitik noch über die nötige Infrastruktur oder Talenteausbildung wie in anderen Ländern (Frankreich, Belgien). „Es gibt auch keinen adäquaten finanziellen Background“, meint Brentin, der am University College London über den Zusammenhang zwischen Fußball und der nationalen Identität in Kroatien nach 1991 dissertiert.

Hier hakt der Wissenschaftler ein, denn aus persönlichen Gesprächen mit den Betroffenen hat Brentin eine starke emotionale Bindung der Sportler zum Land herausgefiltert. „Da ist viel Pathos und Patriotismus im Spiel.“ Dies erklärt sich zum Teil aus dem selbst konstruierten Opfermythos. „Das Land befindet sich in einer permanenten Krise und ein zentrales Element für die nationale Identität ist der Sport.“ Die starke Gefühlsausprägung stellt demnach einen gewaltigen Motivationsfaktor dar. Kroatien gehört in zahlreichen Disziplinen zur Weltspitze, vor allem in den Mannschaftssportarten wie Basketball, Handball, Wasserball etc.

Nenad Bjelica, ehemaliger kroatischer Teamkicker, ortet drei grundlegende Eigenschaften, welche seine Landsleute auszeichnen würden. „Talent, Ehrgeiz und Charakter“, meint der frühere WAC- und Austria-Trainer, der seit zwei Monaten den kroatischen Topklub Dinamo Zagreb betreut. Mit dem Argument der Begabung kann sich auch Brentin anfreunden, aber nur bedingt. „Es gibt einen großen Pool an rohem Talent“, meint der Wissenschaftler, der jedoch Wert darauf legt, auf soziologischer und nicht auf genetischer Basis zu forschen.

Störfaktoren im Fußballgetriebe werden derzeit vom allgemeinen Siegestaumel überlagert. Die Affäre um den wegen Betrugs zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilten und nach Bosnien geflüchteten führenden Fußballmanager Zdravko Mamic, in die auch die Topstars Luka Modric und Dejan Lovren verwickelt sind, zog weite Kreise. „Mamic ist eine in Kroatien verhasste Person“, sagt Brentin. Die Fußballer aber sind davon nicht betroffen. „Mit dem gestiegenen Erfolg sind die kritischen Stimmen etwas leiser geworden.“

Der aktuelle Höhenflug wird auch meisterhafter Improvisationskunst zugeschrieben, ist allerdings auch die Folge glücklicher Fügung, wie Bjelica meint. „Diese Mannschaft hat einfach enorme Qualität.“ Es sei eine „Top-Generation“, in der die meisten sehr früh das Land verlassen und bei Großklubs den Schliff zum Weltklassespieler erhalten hätten. Dazu kam mit Zlatko Dalic ein Trainer, der es geschafft hat, dem Zusammenhalt zum Durchbruch zu verhelfen. „Das hat sich bei dieser WM entwickelt“, sagt Bjelica, der Dalic von früher kennt. „Er ist nicht der bekannteste Trainer im Land, aber auch kein unbeschriebenes Blatt.“

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.