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„Vettel ist in der Außenseiterrolle“

03.06.2020 • 15:57 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
FORMULA 1 - GP of Austria 2019
FORMULA 1 – GP of Austria 2019 (c) GEPA pictures/ Harald Steiner

Toto Wolff über die Formel 1, über Fahrer, Gegner und seine Zukunft.

Die Corona-Krise zwang auch die Formel 1 in die Knie. Der Lockdown betraf uns alle. Wie erlebte und überlebte die Familie Wolff diese Phase des Jahres 2020?

TOTO WOLFF: Wenn man ein Racer ist und seine Leidenschaft nicht mehr wie üblich ausüben kann und darf, wird man natürlich gezwungen, sein Leben deutlich zu ändern. Wir leben seit Jahren mit einem straffen Kalender. Heuer war plötzlich nichts klar. Es bleibt freilich, das war ein großer Vorteil, viel Zeit für die Familie, Zeit, viel Sport zu betreiben. Und das haben wir alle gemeinsam gemacht. Es war auch sehr gut, mit den Kindern viele Stunden verbringen zu dürfen. Aber jetzt geht es wieder vorwärts. Wir hoffen alle, das Schlimmste überstanden zu haben.

Wie hält man ein Team bei Laune?

Das ist natürlich schwer, wenn von einem Tag auf den anderen der Wettbewerb wegfällt. Wir haben am Auto nicht viel arbeiten können, haben aber alle noch deutlicher gemerkt, wie wir den Rennsport lieben. Jetzt freuen sich alle ganz gewaltig darauf, dass es wieder losgeht.

Apropos. Es geht in Österreich, in Ihrer Heimat los. Angenehm, oder?

Dass wir in Spielberg den Re-Start vollziehen ist einfach großartig, fast unglaublich. Damit weiß ich auch, wo ich meine Zeit verbringen darf. Die Rennstrecke selbst war für Mercedes zwar nicht immer gut. Das Problem wird sein, dass wir ein Auto nehmen müssen, dass aus dem Container von Australien gekommen ist und wir nicht viel Zeit haben, gewisse Upgrades aus Auto zu bringen.

Es gibt für Spielberg ein Sicherheitskonzept. Kennen Sie schon jedes Detail?

Das Konzept in Österreich kann ich nicht genau beurteilen. Das ist Sache der FIA, des Veranstalters und der österreichischen Regierung. Aber ich bin überzeugt, dass alles bestens organisiert ist. Es wird eine Cluster-Bildung geben, wir werden permanent getestet. Und wir halten uns einfach, auch in unseren Fabriken, an die Vorgaben der jeweiligen Regierungen.

Was können Sie eigentlich bis zum Rennen in Spielberg noch machen? Wie sieht die Arbeit dann auf dem Red-Bull-Ring aus?

Wir konnten bis Ende Mai nichts machen, entscheidend wird nun die Haltbarkeit sein. Wir haben ganz wenig Zeit, alles auf Schiene zu bringen. Und wir müssen zuerst das Auto dort verstehen. Wir haben vor Ort selbst viel weniger Mitarbeiter. Die Prozesse werden anders sein. Marketing-Aktivitäten sind komplett hinuntergefahren, da haben wir gar keine Leute dafür mit.

Es ist eine Reihe neuer Regeln entstanden. Welche befinden Sie für gut, welche Ideen gäbe es für eine Formel 1 der Zukunft noch?

Die Budget-Obergrenze ist natürlich sehr gut, ein wichtiger Schritt. Wir haben alle die Aufgabe, mit der Formel 1 Geld zu verdienen. Für uns größere Teams bedarf es einer Anpassung, keine Frage. Die Prozesse müssen verändert werden, die Strukturen zu adjustieren. Wenn es am Ende des Tages das Feld zusammenbringt, ist es nur gut. Allein die amerikanischen Sportteams wie die NFL sind uns da ein großes Vorbild.

Wie steht damit die Marke Mercedes weiter zur Formel 1?

Der Markenwert, den Mercedes mit der Plattform Formel 1 generiert, ist enorm. Es geht nicht nur um Marketing, es geht auch um die Glaubwürdigkeit. Mercedes baut Autos für die Straße und auch für den Rennsport. Das heißt aber nicht, dass man in Zeiten von Corona, dieses Engagement nicht zu diskutieren hat. Die Formel 1 ist gefestigt, sie wird wertgeschätzt und steht derzeit nicht zur Debatte.

Wird es nicht noch weitere wichtige Neuerungen auch auf dem technischen Sektor geben müssen?

Die Autokonzerne fahren mit, weil es bereits heute einen ganz, ganz wichtigen Technologietransfer gibt. Wir fahren mit den modernsten Hybridantrieben und lernen immer weiter. Dazu kommt der Entertainmentfaktor der Formel 1. Insgesamt ein rundes Bild, das sich die Autokonzerne zunutze machen.

Wie schaut Ihre persönliche Zukunft in der Formel 1 aus, vor allem im Zusammenhang mit dem Aston-Martin-Investment?

Das Investment bei Aston Martin ist ein reines Finanz-Investment. Ich habe ein paar Aktien gekauft. Ich glaube an die Marke, an das Management. Langfristig kann das ein erfolgreiches Unternehmen werden. Operativ werde ich bei Aston Martin keine Rolle spielen. Ich bin mit Mercedes in der Formel 1, ich bin Aktionär beim Team. Und darauf zielt meine ganze Tätigkeit.

Zu den Fahrerpaarungen: es scheint immer mehr so, dass Teams auf klare Nummer-1-Fahrer setzen. Wie geht Mercedes damit um, wann wird eine Entscheidung über Eure Paarung für 2021 fallen? Welche Rolle spielt dabei Sebastian Vettel?

Ich weiß nicht, ob das mit der Nummer 1 so gewollt ist. Das ergibt sich einfach aus den Situationen. Anfang des Jahres haben alle die gleichen Möglichkeiten. Ich denke, das ist bei vielen anderen Teams auch so. Sebastian Vettel ist ein Fahrer mit vier Weltmeistertiteln und daher wohl für jedes Team interessant. Mich hat schon überrascht, dass Ferrari sehr früh Charles Leclerc für fünf Jahre gebunden hat. Wir spürten, dass zwischen Vettel und Ferrari die Harmonie nicht mehr so gut war. Wir lassen jetzt einmal die Fahrer fahren lassen, wir werden schauen, wie sich George Russell profiliert. Sebastian hat vielleicht bei uns eine Außenseiterrolle. Die Entscheidung fällt im Laufe des Jahres.