Sport

„Dann stehen wir auf Messers Schneide“

26.07.2020 • 10:33 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Geschäftsführer von Bregenz Handball Björn Tyrner gibt Ausblicke auf die anstehende Saison. <span class="copyright">hartinger</span>
Geschäftsführer von Bregenz Handball Björn Tyrner gibt Ausblicke auf die anstehende Saison. hartinger

Björn Tyrner über Szenarien, die wirtschaftliche Lage und den jungen Weg.

Derzeit kommen ständig neue Verordnungen, auch für den Sport. Was ist derzeit für Euch erlaubt, was nicht?
Björn Tyrner: In Wahrheit darf man normal trainieren. Das ist bereits ein riesiger Schritt im Vergleich zu den vergangenen Wochen und Monaten. Wir haben am 20. Juli gestartet. Vor dem ersten Training mussten wir einen Corona-Test absolvieren, bei dem alle Ergebnisse negativ ausgefallen sind. Ansonsten müssen wir enorm darauf aufpassen, mit wem die Mannschaft in Kontakt kommt. Aktuell ist das noch kein großes Problem, da die Jugendteams noch im Urlaub sind.

Wann und wie ist ein Saisonstart in der Handballliga überhaupt geplant?
Tyrner: Standardmäßig beginnen wir am 4. September, und eine Woche davor soll der Supercup stattfinden. Dann würde die Liga normal bis Ende Mai durchgezogen. Allerdings gibt es auch Alternativszenarien, falls wir nicht im September starten können. Mit einem Start im Oktober könnten wir noch einen normalen Ligabetrieb durchziehen. Wenn wir im November starten müssten, dann wird die Bonus- und Qualirunde gestrichen. Dann geht es direkt nach dem Grunddurchgang ins Viertelfinale. Wenn man erst im Februar starten würde, gibt es nur eine Hin- und Rückrunde.

Wie sieht die Situation bei den Zusehern aus. Werden welche zugelassen?
Tyrner: Stand heute: Ja. Es braucht dafür ein sehr gutes Präventionskonzept, und da sind wir intensiv in Abstimmung mit Experten dran. Nach meinem aktuellen Kenntnisstand wird es allerdings schwer, von einem „normalen“ Heimspiel zu sprechen. Die ein oder andere Veränderung wird es sicher geben.

Björn Tyrner war von 2008 bis 2011 als Spieler bei Bregenz Handball aktiv. <span class="copyright">stiplovsek/archiv</span>
Björn Tyrner war von 2008 bis 2011 als Spieler bei Bregenz Handball aktiv. stiplovsek/archiv

Wie könnte ein Heimspiel mit Fans denn im Detail funktionieren?
Tyrner: Es gibt eigentlich zwei Möglichkeiten, ein Heimspiel aufzuziehen, wobei es in jedem Fall zugewiesene Sitzplätze und keine Stehplätze gibt. Bei der ersten Variante verordnet man zwei Meter Abstand zwischen den Sitzplätzen. Sobald man am Weg zum Sitzplatz ist oder davon weg, muss eine zertifizierte Maske getragen werden. Das wäre noch halbwegs hinnehmbar. Aber wie kontrolliert man das?

Müsste der Verein dann die Masken zur Verfügung stellen?
Tyrner: So weit sind wir noch gar nicht. Das wäre noch mal ein Kostenfaktor, mit dem man kalkulieren müsste. Mit zwei Metern Abstand könnten wir jeden dritten Sitz besetzen, und dann reden wir von 500 Leuten in der Halle. Die andere Variante wäre, die Maske durchgehend zu tragen. Aber wer kommt dann noch? Es sind extreme Herausforderungen, die da auf uns zukommen, und wir wissen noch nicht, wie wir sie lösen sollen. Der ÖHB arbeitet an einem Konzept, an dem wir uns orientieren. Aber es gibt noch viele Fragezeichen.

Spiele vor vollen Rängen, wie hier in der vergangenen Saison, wird es wohl nicht geben können. <span class="copyright">stiplovsek</span>
Spiele vor vollen Rängen, wie hier in der vergangenen Saison, wird es wohl nicht geben können. stiplovsek

Würde sich der Aufwand auch wirtschaftlich rechnen? Heimspiele sind immerhin eine wichtige Einnahmequelle.
Tyrner: Wenn uns bei jedem Spiel 500 Leute besuchen, dann könnten wir den Ausfall als Verein gut überstehen. Das Wesentliche ist allerdings, dass unsere Sponsoren mitziehen. Bisher sind uns durch die Krise alle erhalten geblieben, mit denen wir gesprochen haben. Die Tendenz ist sehr positiv, und es ist ein enormes Treuebekenntnis spürbar. Wenn es dann aber heißt, es dürfen keine Leute in die Halle oder eben nur diese 500, wissen wir nicht, ob alle Sponsoren dabei sind. Diese Reaktionen müssen wir noch abwarten.

Das heißt, auch Geisterspiele wären für euch möglich, wenn die Sponsoren mitziehen?
Tyrner: Für uns wird nicht entscheidend sein, vor Publikum zu spielen, sondern, dass wir überhaupt spielen können. Dass wir einen Ligabetrieb haben und das Produkt „spusu Liga“ am Leben erhalten. Das ist ohne Zuseher nur möglich, wenn uns die Sponsoren erhalten bleiben. Wir leben und zehren in erster Linie von diesen Sponsoreneinnahmen. Nachdem wir der zahlenmäßig größte Handballverein sind, sind auch Mitgliedsbeiträge bedeutend. Wir hoffen, so wenig wie möglich Mitglieder zu verlieren.

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hartinger

Nun soll es auch Unstimmigkeiten mit dem Hauptsponsor Montfort Werbung gegeben haben. Ist da etwas dran?
Tyrner: Das kann ich verneinen. In keinster Weise hat es Unstimmigkeiten gegeben. Wir haben seit Jahren ein Topverhältnis.

Inwiefern lässt sich der Schaden, der durch die Corona-Krise bereits entstanden ist, abschätzen?
Tyrner: Eine Einschätzung gibt es schon. Aber es ist fraglich, wie hart diese Einschätzung zutrifft. Wir rechnen schon mit 40 Prozent Umsatzeinbußen. Alles, was davon runtergerechnet wird, ist gut. Das betrifft die kommende Spielzeit. Zur vergangenen muss man sagen, dass wir die Ausfälle durch die großartige Unterstützung von Staat, Land und Stadt halbwegs kompensieren konnten. Da stehen die Einnahmen den Ausgaben gegenüber. Zudem hat es keine Regressforderungen von Sponsoren, Mitgliedern oder Saisonkartenbesitzern gegeben. Dafür muss man ein großes Dankeschön aussprechen. Die abgelaufene Saison ist daher finanziell kein Desaster. Die ­kommenden Saisonen werden wohl die großen Hürden werden.

Zu selten gab es in der Spielzeit 2019/20 Momente zu bejubeln. <span class="copyright">GEPA</span>
Zu selten gab es in der Spielzeit 2019/20 Momente zu bejubeln. GEPA

Um es deutlich zu machen: Die wirtschaftliche Situation für Bregenz HB ist schon prekär, oder?
Tyrner: Wenn der Fall mit den 40 Prozent eintrifft, dann stehen wir wirklich auf Messers Schneide. Dann wird die Zukunft ganz schwierig. Zum Glück haben wir in den vergangenen Jahren gut gewirtschaftet. Wenn es über den Herbst ohne Meisterschaftsbetrieb geht, dann muss man überlegen, wie es weitergeht. Die Lage ist sicherlich kritisch.

Kommen wir noch zum Sportlichen. Es hat einige Transfers gegeben. Auf den ersten Blick wirkt es wie eine deutliche Ausdünnung des Kaders.
Tyrner: Das ist auch der Fall. Wir können uns aktuell nicht den Luxus erlauben, auf einer Position mehr als zwei Spieler zu haben. Das hat natürlich auch finanzielle Gründe. Wir wollten den Kader außerdem verjüngen, was uns ganz eindrucksvoll gelungen ist. Man muss auch dazu sagen, dass wir gewisse Spieler nicht bewusst abgeben wollten.

Tyrner vor der Zentrale der Bäckerei Mangold in Dornbirn. <span class="copyright">hartinger</span>
Tyrner vor der Zentrale der Bäckerei Mangold in Dornbirn. hartinger

Verjüngung des Kaders könnte auch als Synonym dafür gelten, dass die Mittel für etablierte Spieler fehlen.
Tyrner: Nein, das würde ich nicht so sehen. Die Corona-Krise hat natürlich dazu beigetragen, dass man vorsichtiger agiert. Es wäre fahrlässig, in der Corona-Pause internationale Topstars zu holen, wenn noch viele Fragezeichen offen sind. Für uns sind das Budget und eine schwarze Null ganz wichtig. Wir haben grundsätzlich den Fokus auf eine junge Truppe, möchten noch mehr aus der eigenen Akademie schöpfen und in den Jugendbereich investieren. Dass ist der grundsätzliche Plan. Diesen Weg hätten wir ohnehin durchgezogen. Das hat also nichts mit einer wirtschaftlichen Angeschlagenheit zu tun.

Und was ist dran, dass den Spielern noch vor der Corona-Pause die Gehälter gekürzt wurden?
Tyrner: Wir haben mit der Mannschaft einen Erfolgsdeal vereinbart. Wenn ein gewisses Punktelimit erreicht wird, gibt es eine Prämie. Dieses Limit wurde knapp verpasst, aber wir haben die Prämie aufgrund der sportlichen Entwicklung nach einem schwierigen Start ausbezahlt.

Besser als vergangene Saison heißt das sportliche Ziel. <span class="copyright">hartinger</span>
Besser als vergangene Saison heißt das sportliche Ziel. hartinger

Wagen wir noch einen sportlichen Ausblick auf die kommende Spielzeit. Was wäre für Sie ein erfolgreicher Abschluss?
Tyrner: Das Allerwichtigste wäre mir zu sagen: Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen und konnten die Meisterschaft durchspielen. Das Coronavirus haben wir im Griff und blicken wieder normalen Zeiten entgegen. Rein sportlich gesehen: Besser als die vergangene Saison.

Ist dies als Rekordmeister nicht eine sehr zurückhaltende Formulierung? Schließlich ist die vergangene Saison auch sportlich enttäuschend verlaufen.
Tyrner: Nur weil wir Rekordmeister sind, können wir nicht das Ziel Top Vier ausgeben. Wir wissen, die Zeiten haben sich geändert. Natürlich hängt man sich am Titel „Rekordmeister“ auf, und das wollen wir auch bleiben. Wir wollen auch den zehnten Meistertitel holen, bevor dies jemand anderem gelingt. Aber aktuell ist die Situation so, dass wir etwas Neues schaffen müssen. Wir müssen uns erst wieder dahin entwickeln, dass wir Richtung zehnter Meistertitel gehen können. Das braucht etwas Zeit. Dafür bauen wir einen jungen Kader auf, und versuchen, uns sportlich weiterzuentwickeln. Wenn wir nächste Saison „nur“ besser sind als heuer, dann sind wir nicht überglücklich, aber wir wären auch nicht enttäuscht.

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