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Dem Rennsport-Glück eine letzte Chance geben

26.07.2020 • 12:14 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Dem Rennsport-Glück eine letzte Chance geben
Elisabeth Kappaurer und Ariane Rädler arbeiten Seite an Seite am Comeback. Philipp Steurer

Skirennläuferinnen Elisabeth Kappaurer und Ariane Rädler arbeiten am Comeback.

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, was ­Elisabeth Kappaurer und Ariane Rädler im Skiweltcup schon erreicht hätten, wenn die beiden nicht seit Jahren ständig von Verletzungen ausgebremst worden wären. Beide bringen alles mit, um es in die absolute Weltspitze zu schaffen. Beide klopften in der Beletage des Skisports schon an die Top Ten an. Doch die eine, Kappaurer, brach sich 2016 den Mittelfuß, erlitt im September 2018 links einen Schien- und Wadenbeinbruch sowie ein Kompartmentsyndrom, das vom Sprunggelenk bis zum Knie reichte und alle umliegenden Muskeln, Nerven und Sehnen schädigte. Im August 2019 brach sich die Bezauerin bei einem Trainingssturz in Argentinien beide Beine. Abermals waren Schien- und Wadenbein betroffen, dieses Mal rechts, links erlitt sie einen geradezu teuflischen, weil so komplizierten Schienbeinkopf-Trümmerbruch. Die andere, Rädler, hat sich im Dezember 2019 beim Training für die Abfahrt in ­Lake Louise bereits zum vierten Mal das Kreuzband gerissen. Und so absolvieren die beiden Wintersportlerinnen mal wieder eine Reha – Seite an Seite – und ­pushen sich dabei gegenseitig.

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Das Bild zeigt Rädler am 5. Dezember 2019 beim Training in Lake Louise. Wenige Augenblicke später stürzte sie – dabei riss ihr Kreuzband. GEPA

Letzter Anlauf

Beide haben sich dafür entschieden, ihre Karriere fortzusetzen. „Es ist meine letzte Chance“, offenbart Kappaurer unumwunden beim Gespräch auf der Terrasse des Olympiazentrums in Dornbirn. Der Stützpunkt ist zur zweiten Heimat für sie geworden, so oft hat sie sich hier schon für ihre zahlreichen Comebacks gequält. Rädler nimmt die Aussage ihrer Freundin und Vertrauten auf und betont ebenfalls: „Es ist auch mein letzter Anlauf. Ich werde im Jänner 26, irgendwann beginnt einem als Sportler so ein bisschen die Zeit wegzulaufen. Das erzeugt innerlich schon etwas Stress bei mir“, lässt die Möggerin tief blicken und schickt einen Augenblick später hinterher: „Ich glaube auch nicht, dass ich nach einem fünften Kreuzbandriss überhaupt noch die Chance auf ein Comeback hätte. Die ersten drei Kreuzbandrisse habe ich relativ einfach weggesteckt, jetzt beim vierten spüre ich, dass ich körperlich das Limit erreicht habe, zumal es schon der dritte im linken Knie ist.“

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Eine Momentaufnahme aus besseren Zeiten: Kappaurer am 6. Jänner 2018 beim Weltcup-Riesentorlauf in Kranjska Gora, wo sie Platz 14 belegte. GEPA


Als Außenstehender, den das Rennfieber nicht gepackt hat, der nicht weiß, wie es sich anfühlt, sich mit den Weltbesten messen zu können samt der Aussicht, allen Paroli bieten zu können; der nicht weiß, wie es ist, von großen Rennerfolgen zu träumen, von Siegen, Olympia und Weltmeisterschaften, als Außenstehender also fragt man sich, warum sich die beiden das überhaupt noch antun. „Weil ich“, erklärt Rädler, „das Gefühl habe, dass mich all die Verletzungen um die Chance gebracht, ja fast schon darum betrogen haben, mein Potenzial ausschöpfen zu können. Ich war vor meinen beiden letzten Kreuzbandrissen so dicht dran. Ich will zeigen, was ich kann.“

2017/18 gewann die Speed-Spezialistin im Europacup die Abfahrtswertung vor der Lecherin Nina Ortlieb, die heuer im Frühjahr ihr erstes Weltcup­rennen gewann. Durch diesen Disziplinensieg hätte Rädler in der Saison 2018/19 in der Abfahrt einen Fixplatz im Weltcup gehabt. Doch weil sie sich im April 2018 ihren damals dritten Kreuzbandriss zuzog, verpasste sie den halben Weltcupwinter. Und trotzdem brauste sie nach ihrem Comeback im Jänner 2019 beim Super-G in Garmisch auf den 12. Weltcuprang und schaffte es in der verkürzten Saison sechs Mal in die Punkte. Es folgte die beste, weil praktisch erste verletzungsfreie Saisonvorbereitung ihrer Karriere, sie fühlte sich bereit für den Sprung in die Top Ten – mindestens. Doch dann folgte im Dezember 2019 eben der vierte Kreuzbandriss. „Ich hätte mir das nie verziehen, wenn ich mir nicht noch mal die Chance auf den Durchbruch gegeben hätte. Ich würde mich für den Rest meines Lebens fragen, was gewesen wäre, wenn ich es noch mal probiert hätte. Jetzt werde ich es herausfinden. Außerdem liebe ich einfach, Skirennen zu fahren.“

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Rädler hat trotz allem ihr Lachen nicht verloren. Philipp Steurer

Moment der Eingebung. Dieselben Beweggründe treiben auch Kappaurer an. Die Juniorenweltmeisterin von 2014 schaffte es zwischen Februar 2017 und Jänner 2018 sieben Mal unter die Top 15 im Weltcup, auf die Top Ten fehlten ihr nur ein paar Hundertstel. Ein Rücktritt war nie wirklich eine Option für die bald 26-Jährige, auch nicht, als sie nach ihren beidseitigen Beinbrüchen im Herbst des Vorjahres kurzzeitig im Rollstuhl saß: „Ich hatte natürlich eine Phase, in der ich mental am Boden war, weil ich so weit weg vom Skisport war wie noch nie. Aber eigentlich stand es schon in der Sekunde, da ich mich verletzt habe, fest, dass ich weitermache. Weil mein erster Gedanke war: Das war es noch nicht. Aus diesem spontanen Gedanken habe ich immer Kraft gewonnen, denn in so einem Augenblick steigen die tiefsten inneren Überzeugungen in einem auf. Da ist nichts gekünstelt, da macht man sich nichts vor, da ist alles echt.“ Eine Eingebung, die übrigens einst Wolfgang Ambros als „intellektuelle Niederkunft“ beschrieb.
Natürlich gab es auch Stimmen, die der Wälderin zum Rücktritt rieten. „In meinem erweiterten Umfeld sagten einige: Jetzt sitzt du im Rollstuhl und glaubst es noch immer nicht, dass es keinen Sinn mehr hat. Aber meine Familie, meine Trainer, beim ÖSV, hier im Olympiazentrum und nicht zuletzt Wolfgang Schwarzmann von meiner Beratungsagentur Innauer + (f)acts haben mich in meinen Entschluss bestärkt weiterzumachen.“

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Kappaurer weiß, dass noch ein weiter Weg vor ihr liegt. Philipp Steurer

Noch ein weiter Weg. Bis zum ersehnten Comeback ist es noch ein langer Weg für Kappaurer. Eine Rückkehr auf die Bretter, die für sie die Welt bedeuten, ist frühestens im Jänner möglich. Ob es in dieser Saison für einen Renneinsatz reicht, ist völlig offen. Doch das nimmt die Heeressportlerin hin, gerade weil es ihre letzte Chance ist. „Es ist vernünftiger zu warten, bis ich wieder bei 100 Prozent bin. Denn wenn jetzt noch mal was passiert, dann ist es wie gesagt vorbei, und ich will mir nicht vorwerfen müssen, dass ich es eigentlich wissen hätte müssen.“ Eine große Erleichterung für die A-Kaderläuferin ist, dass sie mit der Zündel Kunststofftechnik GmbH aus Bizau einen Kopfsponsor hat, der den Vertrag mit ihr nach (!) ihrem doppelten Beinbruch im Herbst 2019 unterschrieben hat. „Am Morgen vor meiner Verletzung informierte mich mein Berater Wolfgang Schwarzmann davon, dass der Vertrag mit ZKT ausverhandelt ist.“ Firmenboss Ewald Zündel blieb auch nach der Diagnose bei seiner Sponsoring-Zusage; da kann man nur den Hut ziehen. Erstaunlich ist auch, dass sie beim Kennelbacher Skihersteller Head zu Kappaurer stehen. Die Bezauerin unterschrieb im Sommer 2018 bei Head und konnte seither kein Rennen bestreiten. Trotzdem stattet sie Rennboss Rainer Salzgeber mit einem neuen Vertrag aus.

Auch Rädler genießt das Vertrauen von Head, was die Leiblachtalerin sehr zu schätzen weiß. „Wenn man sich so oft verletzt wie ich, beginnt man sich zu genieren, sagt sich, dass die anderen bestimmt glauben, dass man was falsch macht. Aber bei Head und bei meinem Kopfsponsor Grapos haben sie mir nie den geringsten Vorwurf gemacht. Auch die ÖSV-Trainer stehen zu mir. Das tut so gut. Denn natürlich zweifelt man irgendwann auch selbst an sich und daran, dass der eigene Körper den Belastungen gewachsen ist. Doch es ist einfach Pech, in Lake Louise habe ich einen Schlag abbekommen, da gab das Knie nach.“

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Rädler und Kappaurer beim Gespräch auf der Terasse vom Olympiazentrum in Dornbirn. Steurer

Comeback in Aussicht. Rädler ist ihrem Comeback deutlich näher als Kappaurer. Die Möggerin kann Ende August den obligatorischen Back-to-Action-Belastungstest absolvieren, besteht sie den, ist ihre Reha abgeschlossen, und sie steigt ins reguläre Training ein. Sowohl Rädler als auch Kappaurer nehmen sogar positive Aspekte aus ihren vielen Verletzungen mit. „So schlimm alles war, wir wären ohne die Verletzungen nicht die Menschen, die wir heute sind. Vielleicht wären wir mental nicht stark genug gewesen. Jetzt sind wir es.“ Es ist den beiden zu wünschen, dass ihnen nun endlich auch mal das Glück in ihrer Karriere hold ist. Am Können ist es nie gescheitert.

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