Sport

Neue Ideen und neue Strukturen

03.08.2020 • 16:18 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Alexander Kiene ist der neue Trainer der Austria. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Alexander Kiene ist der neue Trainer der Austria. Stiplovsek

Neo-Austria-Trainer Alexander Kiene spricht über Ehrgeiz und Neuzugänge.

Wie waren Ihre ersten Eindrücke von Lustenau und Vorarlberg?
Alexander Kiene: Ich war früher häufiger am Bodensee im Urlaub, insofern kannte ich die Gegend – allerdings eher auf der deutschen Seite. In Lustenau war ich vor einigen Wochen das erste Mal. Es ist ein großer Unterschied zu Hannover, aber ich finde den ländlichen Charakter und die Berge in Vorarlberg super.

Sie haben bei Austria Lustenau einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Was waren die Gründe für Ihr Engagement in Lustenau?
Kiene: Ich bin ein ehrgeiziger Typ, der den nächsten Schritt im Fußball machen wollte. In der Vergangenheit war ich hauptberuflich als Lehrer tätig, jetzt habe ich den Weg in den Profifußball gesucht. Die Gespräche mit Ingo (Winter), Alex (Schneider) und dem gesamten Vorstand haben gezeigt, dass unsere Ziele und Ambitionen deckungsgleich sind. Die Aufgabe in Lustenau inklusive der Kooperation mit Clermont hat mich sehr gereizt. Ich habe große Lust darauf.

Als Norddeutscher werden wohl andere Wettbewerbe als die 2. österreichische Liga in ihrem Fokus gewesen sein …
Kiene: Schon, aber ich muss ergänzen, dass sich aus meiner Sicht der österreichische Fußball in den vergangenen Jahren gut entwickelt hat. Natürlich habe ich übers TV in erster Linie die österreichische Bundesliga verfolgt, aber ich wusste schon Bescheid. Außerdem habe ich während meiner Zeit beim BSV Rehden mit Wal Fall und Abu Bakarr zwei Spieler trainiert, die zuvor bei Austria Lustenau gespielt hatten. Der Verein war mir jedenfalls ein Begriff.

Sie haben sich die Saisonspiele der Austria angesehen. Wie schätzen Sie das Niveau der 2. Liga im Vergleich zur deutschen Regionalliga ein?
Kiene: Ich glaube, dass sich das Niveau in der 2. Liga sehr differenziert. Die Topteams haben deutsches Drittliganiveau, andere Vereine arbeiten eher unter Amateurbedingungen und könnten nicht mithalten. Ähnlich ist es in der deutschen Regionalliga, die keine Profiliga ist. Beim VfB Oldenburg haben viele Spieler nebenbei studiert oder gearbeitet.

Kiene hat klare Vorstellungen von seiner Art von Fußball. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Kiene hat klare Vorstellungen von seiner Art von Fußball. Stiplovsek


Ihr Ex-Verein VfB Oldenburg ist ein Traditionsverein, sind die Bedingungen in Oldenburg und in Lustenau vergleichbar?
Kiene: Ja, ich denke, schon. Das Marschwegstadion (Kapazität für 15.000 Zuschauer; Anm.) und das Trainingszentrum waren in Oldenburg sehr gut. Aber genau das wird in Lustenau ein wichtiges Thema, der Verein will mit dem neuen Stadion neue Strukturen schaffen. Es wird unsere Aufgabe sein, alles zu professionalisieren. Die Grundbasis ist gut, auch die Platzbedingungen sind hervorragend, aber in den Details geht es darum, Strukturen zu schaffen.

Sie waren hauptberuflich Lehrer, sind Vater zweier Kleinkinder. Der Trainerjob ist ein sehr kurzlebiges Geschäft. Warum gehen Sie dieses Risiko ein?
Kiene: Bei mir war es eine Entwicklung über mehrere Jahre. Ich habe in der Landesliga angefangen und mich sukzessive gesteigert. Mit drei verschiedenden Vereinen bin ich aufgestiegen. Damit erregt man Aufmerksamkeit, dadurch bekam ich die Chance, in der Regionalliga zu trainieren. Auch dort waren meine Engagements von Erfolg gekennzeichnet, ich konnte meine Mannschaften weiterentwickeln. Ich bin ehrgeizig, wollte weiterkommen und habe mich bewusst für eine Pause entschieden, um die Ausbildung zum Fußballlehrer zu absolvieren. Der nächste logische Schritt ist es, einen Verein zu haben, bei dem ich meine Ziele und Vorstellungen umsetzen kann.

Beim Gegner für Stress sorgen

Welche Art von Fußball soll eine Kiene-Mannschaft spielen?
Kiene: Grundsätzlich bin ich jemand, der eine offensive Spielweise bevorzugt, allerdings mit der richtigen Balance. Weil – das war ja in der vergangenen Saison in Lustenau ein großes Thema – es auch darum geht, die Gegentorquote gering zu halten. Für mich geht es darum, dass die Mannschaft immer aktiv und nach vorne verteidigen und mutig auftreten soll. Mit hohem Pressing sollen früh Stresssituationen beim Gegner ausgelöst und damit Ballgewinne erzielt werden.

Wie schätzen Sie die vergangenen Spiele der Austria ein?
Kiene: Wenn die Lustenauer Mannschaft aktiv und konsequent auftrat, war sie immer erfolgreich. Wenn sie aber passiv geworden ist und dem Gegner das Spiel überließ, kam es zu Problemen. Deshalb möchte ich den Spielrhythmus durch eine aktive und mutige Verteidigungsmentalität dominieren und kontrollieren. Bei eigenem Ballbesitz gibt es zwei Situationen, erstens nach Ballgewinn die Möglichkeit zu suchen, schnell in die Tiefe umzuschalten und Dynamik reinzubringen. Ist der Gegner jedoch geordnet, geht es darum, per Ballbesitz die Tiefe im Spiel vorzubereiten und den Raum zu nutzen, um zwischen die Reihen des Gegners zu kommen. Das ist in etwa die Spielidee, der ich folge.

Kann das aktuelle Austria-Personal diese Idee umsetzen?
Kiene: Wir verfügen über eine gute Grundbasis. Im Vorjahr hat es einen großen Umbruch gegeben. Jetzt verfügen wir über Spieler, die unter Vertrag stehen und mit denen wir weiterhin planen. Das ist gut, dazu ist das individuelle Potenzial besser, als die Tabelle aussagt. Natürlich wollen wir aber die Mannschaft punktuell verstärken auf unterschiedlichen Positionen. Vorne gibt es nach dem Abgang von Ronivaldo Bedarf. Ich denke auch, dass wir im Defensivbereich Verstärkungen brauchen. Das, was wir machen werden, wird in der Spitze und nicht in der Breite stattfinden.

Freund des Werder-Trainers

Im Rahmen Ihrer Ausbildung haben Sie bei Werder Bremen und beim FC Barnsley hospitiert. Kann man sich dort etwas für die tägliche Arbeit abschauen?
Kiene: Man kann immer etwas mitnehmen und den eigenen Horizont erweitern. Ich habe natürlich eigene Vorstellungen, aber auf Topniveau zu arbeiten und von Kollegen etwas aufzusaugen, ist sehr gut. Input von außen zu erhalten, ist für meine Arbeit positiv. Bei Bremen kam mir zugute, dass ich Flo Kohfeldt kannte und ich über Wochen vollwertiges Mitglied des Trainingsteams sein konnte.

Die Kooperation der Austria mit dem französischen Klub Clermont Foot beschert Ihnen eine außergewöhnliche Situation. Sehen Sie darin eine Chance?
Kiene: Absolut. Es war ein Aspekt, der mich speziell gereizt hat. Ich denke, dass die Klubs und auch wir Trainer davon profitieren. Ingo und ich werden kommende Woche nach Clermont reisen, dann werden wir einen ersten Austausch haben. Ich freue mich darauf.

Ihr Co-Trainer in Oldenburg, Dennis Offermann, hat mit Ihnen den Verein verlassen. Soll er Sie in Lustenau unterstützen?
Kiene: Nein, er arbeitet und lebt in Bremen. Ich habe mich hier in Lustenau mit Tamas (Tiefenbach) und Mathias (Nesler) bereits ausgetauscht. Alles Weitere werden wir in den kommenden Wochen besprechen.