Sport

Marach: „Ich mache mir große Sorgen“

09.08.2020 • 11:08 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Oliver Marach
Oliver Marach GEPA pictures

Der Grazer Oliver Marach sitzt seit März in seiner Wahlheimat Panama fest.

Die ATP plant ab 22. August mit dem in New York ausgetragenen Masters-Turnier von Cincinnati den Saison-Re-Start. Werden Sie mit Ihrem Doppelpartner Raven Klaasen dort aufschlagen?
OLIVER MARACH: Ja, ich fliege am 14. August in die USA. Von Panama City gibt es nur am 7., 14. und 21. Flüge nach New York. Das Gute ist, dass ich erst am 15. um 02.40 Uhr dort lande, denn die Hotelkosten werden erst ab 15. vom Veranstalter übernommen.

Wie sieht es mit den Corona-Vorkehrungen aus?
MARACH: In New York sinken die Infektionszahlen, daher gehe ich davon aus, dass das Masters und anschließend auch die US Open stattfinden werden. Ich habe gestern noch hier einen Coronatest gemacht, den nächsten gibt es gleich nach der Ankunft. Alle Spieler sind im Marriott-Hotel untergebracht – dort und auf der Anlage von Flushing Meadows wird der gesamte Tross mit rund 600 Leuten bis nach den US Open wie in einer Blase leben. Wir dürfen das Hotel nicht einmal zum Spazierengehen verlassen.

Oliver Marach

Oliver Marach, geboren am
16. Juli 1980 in Graz.
Wohnort: Panama City.
Aktuelles Doppel-Ranking: 23.
Bestes Doppel-Ranking: 2.
Größte Erfolge: 23 ATP-Doppel-Titel (darunter die Australian Open 2018); Finale: Wimbledon (2017), French Open (2018).

Sie sind nach dem Davis Cup mit Ihrer Familie in Ihre Wahlheimat Panama City gereist. Wie ist es Ihnen seither ergangen?
MARACH: Es war eine schwierige Zeit. In Panama wurde Mitte März der nationale Notstand ausgerufen, wenig später folgten rigorose Ausgangssperren. In der Stadt darf man derzeit nur zwei Stunden in der Woche zum Einkaufen aus dem Haus, an Wochenenden überhaupt nicht. Zuerst waren wir in unserem Haus in der Hauptstadt, sind dann aber vor zwei Monaten in unser Apartment am Strand gezogen. Das befindet sich in einer Anlage, dort kann man sich wenigstens ein bisschen frei bewegen und Sport betreiben.

Das heißt, Sie sind fit?
MARACH: Nein, gar nicht. In den vergangenen fünf Monaten konnte ich nur drei Wochen Tennis spielen. Vor zwei Monaten habe ich mich am Kreuz verletzt. Dann habe ich eine Therapie begonnen, doch hier ist es schwer, einen Arzt oder Chiropraktiker zu finden. Derzeit mache ich Pilates am Strand und spiele etwas Paddle-Tennis und Squash. Tennis geht nicht, weil ich keine Schläger mehr habe. Die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass mir pro Tag fünfmal die Saite gerissen ist. Irgendwann hatte ich dann keine mehr zum Bespannen. Außerdem fehlen mir hier passende Trainingspartner.

Das klingt nicht erfreulich.
MARACH: Ist es auch nicht. Ich habe derzeit auch ein paar Kilo zu viel. Daher werden Raven und ich Cincinnati nur als Vorbereitung spielen und hoffen, dass wir für die US Open halbwegs fit sind. Meine größte Angst ist, mich zu verletzen. Ich habe 23 Jahre täglich intensiv Sport betrieben, das war jetzt nie möglich. Eigentlich wäre mir viel lieber, die Saison würde erst Anfang September in Europa weitergehen, aber ich muss auch ans Geldverdienen denken.

Heißt das, Sie reisen mit einem unguten Gefühl nach New York?
MARACH: Ja. Meine Frau will nicht, dass ich fliege, aber alle anderen machen es auch. Nur: Was ist, wenn in der Familie ein Notfall ist und ich nicht zurückkann? Das bereitet mir derzeit die größten Sorgen. Immerhin ist Panama City eine der von Corona am schlimmsten betroffenen Städte der Welt mit zuletzt bis zu 1100 Neuinfektionen am Tag.

Sie haben den Verdienst angesprochen – Sorgen muss man sich um Sie aber keine machen?
MARACH: Nein, derzeit geht es sich plus/minus null aus. Es ist nur so, dass in Panama seit März die Geschäfte geschlossen haben und versprochene Hilfspakete nicht ankommen. Aktuell beziehe ich Einnahmen über Immobilien, die ich besitze. Weil die Menschen hier derzeit nichts verdienen, müssen sie aber nur 50 Prozent der Miete bezahlen und dürfen nicht aus dem Mietverhältnis gekündigt werden. Ich muss für die Immobilien aber trotzdem eine monatliche Abgabe an den Staat leisten.

Sie haben in den vergangenen Jahren stets betont, dass Ihnen das viele Reisen mitunter schwerfällt, weil Sie Ihre Kinder selten sehen. So gesehen hat die Coronakrise für Sie sogar etwas Gutes.
MARACH: Ja, das ist das einzig Positive. Am Anfang war es etwas gewöhnungsbedürftig, weil du als Tennisprofi eben kaum zu Hause bist. Doch ich mache jetzt Dinge, die ich früher nie gemacht hätte. Und die gewonnene Zeit mit den Kindern ist unbezahlbar.

Apropos Zeit: Sie sind jetzt 40 Jahre jung, als Profisportler läuft Ihnen die Zeit davon. Da kommt die Coronakrise für Sie zum falschen Zeitpunkt, oder?
MARACH: Definitiv, mir bleiben höchstens noch ein bis zwei Jahre auf der Tour. Und wir haben vor dem Saisonabbruch eigentlich sehr gut gespielt. Aber ich will nicht jammern, sondern muss schauen, dass ich schnell fit werde. Das Gute ist, dass ich in den letzten Jahren dank meiner Erfolge gut verdient habe. Finanziell gesehen trifft es die jüngeren Spieler, die noch ohne Erfolge sind, mit Sicherheit viel härter als mich.

Glauben Sie, dass das Profitennis 2021 zur Normalität zurückkehren wird?
MARACH: Solange es keine Medikamente gibt, ist das schwer zu sagen. Auf der anderen Seite: Es muss ja irgendwie weitergehen.