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Das Spiel um die Krone Europas

23.08.2020 • 13:06 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das Spiel um die Krone Europas
PSG und Bayern kämpfen heute in Lissabon um die wichtigste Trophäe im europäischen Klubfußball. Für Bayern wäre es der sechste Triumph, für Paris die Premiere. AP

Um 21 Uhr treffen im Finale der Champions League Paris und der FC Bayern aufeinander. Die Münchner gelten als Favoriten.

Es ist eine trügerische Favoritenrolle, mit der die Bayern heute ins Finale der Champions League gehen. Seit 29 wettbewerbsübergreifenden Spielen sind die Mannen von Hansi Flick unbesiegt, bei 28 Siegen und einem Unentschieden. 20 Siege in Folge feierten die Münchner. In der Champions League haben sie gar alle ihre zehn Saisonspiele gewonnen, bei einem Torverhältnis von 42:8.
Doch das Halbfinale gegen Lyon zeigte auf, dass selbst diese Bayern Schwächen haben – wenn der Gegner die Münchner attackiert oder deren hohes Pressing mit schnellen Kontern aushebelt. In der dritten Minute brachts Lyons Memphis Depay den Ball nicht im offenen Tor unter, in Minute 17 traf Toko Ekambi nur die Stange. Und ja, schon beim fulminanten 8:2-Jahrhundertsieg über Barcelona offenbarten die Münchner beim Stand von 1:1 zwischenzeitlich ungeahnte Schwächen im Spiel gegen den Ball. Flick ist das freilich nicht verborgen geblieben, sagte nach dem Halbfinalerfolg über Lyon: „Wir wissen, dass Paris sehr schnelle Spieler hat. Daher müssen wir die Defensive etwas anders organisieren.“

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Gegen Barcelona gelang Bayern im Viertelfinale ein Jahrhundertsieg. Hier erzielt Philippe Coutinho den 8:2-Endstand. Reuters

Umstellungen möglich

Klar ist: Bieten die Bayern den schnellen PSG-Superstars Kylian Mbappe und Neymar sowie dem finalerprobten Angel Di Maria so viel Raum zum Umschalten wie Lyon, droht dem FCB im elften Finale der Königsklasse die sechste Niederlage – siehe links. Taktische Umstellungsmöglichkeiten hätte Flick. Er könnte Joshua Kimmich, der zuletzt wieder Rechtsverteidiger spielte, zurück ins defensive Mittelfeld beordern; denn Rechtsverteidiger Benjamin Pavard meldete sich rechtzeitig vor dem heutigen Showdown wieder fit. Für diese Umstellung müsste Flick entweder Thiago oder Leon Goretzka opfern. Beide lieferten dafür durchaus Argumente. Thiago fand gegen Lyon schwer ins Spiel, bestätigte seine Kritiker, die bemängeln, dass er in den ganz großen Spielen zu wenig Impact hätte. Goretzka wiederum hatte als zentraler Mittelfeldspieler nur 52 Ballaktionen, jeder vierte Pass von ihm landete bei den Franzosen. Wie Goretzka überhaupt ein Spieler ist, der für einen zentralen Mittelfeldspieler beachtlich wenig am Spielaufbau teilnimmt. Mit Goretzka würden die Bayern allerdings viel Wucht verlieren, mit Thiago die Kontrolle über den Ball.

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Die schnellen PSG-Stürmer Kylian Mbappe und Neymar würden die Räume, die Bayern den Lyon-Angreifern bot, wohl nützen. AFP

Fragezeichen hinter Pavard

Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob Pavard nach seiner überstandenen Fußverletzung tatsächlich schon bereit ist, gegen Neymar zu spielen. „Ich bin nicht davon überzeugt, dass er zu hundert Prozent fit ist“, sagte Flick gestern, was allerdings eine Finte im deutschen Trainerduell mit Thomas Tuchel sein könnte.
Eine Auflösung bietet womöglich eine Analyse des Finalgegners. Die Pariser konnten beim Last-Minute-Sieg gegen Atalanta nicht überzeugen, profitierten in den Schlussminuten vor allem davon, dass die Italiener am Ende ihrer Kräfte waren. Mit Leipzig im Halbfinale hatte Paris einen Gegner, der überfordert war und bei allen drei PSG-Treffern geradezu dilletantisch verteidigte.

Schwachstelle Bernat

So stark jedenfalls die PSG-Offensive ist, so schwach ist der Defensivverbund des französischen Serienmeisters, der in der heimischen Ligue 1 kaum gefordert ist.
Kontrolle entscheidet. Besonders verwundbar sind sie auf den Außenpositionen ihrer Viererkette. Weder Thilo Kehrer rechts noch Juan Bernat links gehören international zu den Topspielern auf ihrer Position. Als Schwachstelle könnten die Münchner vor allem Bernat ausgemacht haben, dessen Skillset sie nach seinen vier Jahren in München bestens kennen und daher wissen: Im Spiel gegen den Ball ist Bernat erstaunlich fehleranfällig.

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Juan Bernat foult im Viertelfinale Papu Gomez. Bernat gilt als Schwachstelle in der Viererkette von Paris St. Germain. AP

Kontrolle entscheidend

Zum Faktor könnte werden, dass Tuchel wieder auf Stammgoalie Keylor Navas zurückgreifen kann, der nach seinem Fehlen gegen Leipzig wieder fit ist und mit Real Madrid drei Mal nacheinander die Königsklasse gewonnen hat. Gut für PSG ist auch, dass Mittelfeld-Ass Marco Verratti wieder einsaztbereit ist. Denn das Spiel wird im Mittelfeld entschieden. Wer das Zentrum kontrolliert, neutralisiert die Stärken des Gegners. Womit auch klar sein dürfte, dass Thiago trotz seines wackligen Auftritts im Halbfinale nicht auf der Bank landet. Zumal Flick gestern betonte, das er an seinem offensiven Erfolgsrezept festhalten will. „Wir haben unsere Philosophie in den letzten zehn Monaten durchgesetzt, das war unsere Erfolgsgarantie und da werden wir nicht groß was ändern.“ Die Bayern werden ihr Schicksal wohl tatsächlich in der eigenen Hand haben. Rufen sie ihr Leistungspotenzial ab, werden sich die Bayern heute zum sechsten Mal die europäische Krone aufsetzen. Bleiben sie aber unter ihren Möglichkeiten, könnte es die Nacht von PSG werden.

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