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Weiter Aufregung um Bikepark Brandnertal

27.09.2020 • 14:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Weiter Aufregung um Bikepark Brandnertal
Die Strecken des Bikeparks Brandnertal führen über Stock und Stein, über Lehmbahnen, Wiesen, bestehende Schotter- und Wanderwege. Klaus Hartinger

Nach einer Gesetzesnovelle steht nun ein Rückbau im Raum.


Hat der Bikepark Brandnertal mit 30 Kilometern Gesamtstreckenlänge weniger Daseinsberechtigung als die Skipisten in Vorarlberg mit den vielen hundert Pistenkilometern? Ist der talwärts brausende Biker ein größerer Störfaktor in der Natur und für die Tierwelt als die Wanderer, die reden, Müll hinterlassen, teils gar eine Feuerstätte einrichten? Wie weit darf der Tourismus gehen?
Diese und andere Fragen stehen nach wie vor zum Ausbau des Bikeparks Brandnertal im Raum. Ein Ausbau, dessen Planung vor Jahren begann, zu dem es 2018 eine mündlich abgehaltene Bauverhandlung gab und der am 4. April 2019 unter, wie man als Außenstehender meinen würde, strengen Auflagen und recht großzügigen Kompensationsvorgaben von der BH Bludenz bewilligt wurde.
Zur Enttäuschung von Naturschutzanwältin Katharina Lins. Sie wollte den Ausbau unbedingt verhindern. Ein Ausbau, der seit ein paar Tagen fast komplett abgeschlossen ist, der 20 neue Streckenkilometer brachte, die aufgrund der Bedenken teils deutlich von der ursprünglich geplanten Streckenführung abweichen. Ein Ausbau, der die Anzahl der Mehrtages-Gäste im Bikepark verdreifacht haben soll. Ein Ausbau, der die Betreiber knapp eine Million Euro gekostet hat. Und ein Ausbau, der möglicherweise vor dem Rückbau steht.
Weil eine im Frühjahr beschlossene EU-weite Gesetzesnovelle für Naturschutz und Landschaftsentwicklung eine neue Möglichkeit zur Einspruchs­erhebung geboten hat. Was Naturschutzanwältin Lins postwendend für eine außerordentliche Revision am Verwaltungsgerichtshof nützte, zumal die Novelle auch das Aus für den Bau des Speichersee Schwarzköpfle brachte.

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Die sogenannten Trails sind variieren in der Breite, sind an Wendepunkten cica eineinhalb Meter breit, an durchaus einigen Stellen aber auch kaum breiter als einen halben Meter. Klaus Hartinger

Korridor

Die neu gebauten Strecken verlaufen auf bestehenden Schotter- und Wanderwegen, teils bei Forstwegen und Bikestrecken, teils aber auch über kritisches Gebiet wie Magerwiesen, Feucht- und Moorgebiete sowie abschnittsweise durch den Wald. Das klingt in der Tat bedenklich, ein Lokalaugenschein zeichnet aber ein freundlicheres Bild.
Denn bei den Strecken handelt es sich, wie am 28. Juli 2019 bei einer Reportage über den Streckenbau berichtet, um naturbelassene Trails, die sich zum Beispiel mit circa einem Meter breiten Lehmuntergrund über die Hänge schlängeln. Wenige Stellen sind deutlich breiter, dort nämlich, wo 180-Grad-Kurven den Streckenverlauf wenden, an durchaus einigen Stellen sind die Trails aber auch deutlich schmaler, kaum mehr als einen halben Meter breit.
Durch die Naturbelassenheit wirken diese sogenannten Trails nicht wie ein störender Einfluss, zumal ein durchaus prominenter Teil der Strecke in der Nähe, oft sogar der unmittelbaren Nähe von bereits bestehenden Wegen verläuft, wo somit schon in einem Korridor von hundert Metern eine Störung vorhanden ist. Soll heißen: Wenn der Mensch schon Eingriffe in die Natur macht, dann doch wenigstens in diesem Korridor, weil dort die Natur in ihrem Leben bereits eingeschränkt ist.

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Die Kühe, die nicht eingezäunt und unmittelbar an der Strecke weiden, stören sich nicht an den Bikern, beim Lokalaugenschein gab es kein Muhen, keine Panik, keine Reaktion. Klaus Hartinger


Lebensraum

Der große Streitpunkt beim Ausbau des Bikeparks sind die beiden Trails am Loischkopf. Diese würden, so Lins, den natürlichen Lebensraum der sieben Auer- und sieben Birkhühner beschneiden, die sich am Loischkopf niedergelassen haben. Alle anderen Strecken seien gerade noch im Rahmen des Erträglichen. Doch genau jene Trails am Loischkopf sind das Kernstück des Ausbaus, denn sie schließen die Gemeinde Brand direkt an den Bikepark an und ermöglichen eine Rundfahrt. Klar ist: Es ist wichtig, dass engagierte Naturschützer wie Katharina Lins für und um die Rechte der Tiere kämpfen, denn wo sich der Mensch niederlässt, sind die Tiere machtlos. Eine der großen Fragen rund um den Ausbau des Bikeparks im Brandnertal ist, ob ein Miteinander möglich ist. Beim jüngsten Lokalaugenschein bot sich jedenfalls eine erstaunliche Szenerie. Ein Biker fuhr talwärts und sichtete eine Herde Kühe, die unmittelbar am Streckenrad weidete – ohne, dass ihre Weide abgezäunt gewesen wäre. Der Biker bremste, fuhr im Schritttempo an den Kühen vorbei, die dem Biker keine Aufmerksamkeit schenkten. Es gab kein Muhen, keine Panik; es gab gar keine Reaktion. Nun sind Auer- und Birkenhühner keine Kühe, doch gewöhnen sich nicht auch diese Tiere an äußere Einflüsse? Es gibt Erzählungen, wonach diese Vögel, obwohl sie als sehr scheu gelten, sich zum Beispiel im Winter mittlerweile nicht mehr von Skifahrern stören lassen, weil sie sich daran gewöhnt hätten, dass heutzutage irgendwie nirgends mehr Ruhe herrscht. Nun könnte man sogar auf die Darwinsche Evolutionstheorie verweisen, die besagt, dass die Natur nur diejenigen Arten überleben, die sich am besten an ihre Umgebung angepasst haben. Kann diese immer fortwährende Ausbreitung des Menschen einer so scheuen Tiergattung dabei helfen, robuster zu werden und somit im Laufe der Entwicklung neue, weniger störfreie Gebiete für sich als Lebensraum zu entdecken? Weil eben nur Anpassung das Überleben sichert? Das klingt zu schön, um wahr zu sein, andererseits gewöhnen sich Tiere sehr wohl an äußere Einflüsse. Weil ihnen, und das stellt der Menschheit fürwahr kein gutes Zeugnis aus, gar keine andere Wahl bleibt.

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Sandra und Nick kommen aus der Region Stuttgart. Sie ist Anfängerin, er seit Jahren leidenschaftlicher Biker – beiden gefällts im Bikepark Brandnertal. Klaus Hartinger

Rasanter Anstieg

Ist also dieser Bikepark im Brandnertal wirklich notwendig und wäre den Tieren, die dort leben, geholfen, wenn der Streckenausbau zurückgebaut wird? Der Lokalaugenschein offenbarte, dass längst nicht nur Nutzer des Bikeparks die Abgeschiedenheit der Tiere einschränken. Denn seit es das E-Bike gibt, meistern nicht nur die Fittesten die steilen Bergstrecken, sondern vor allem auch diejenigen, für die dank des motorunterstützten Antriebs aus dieser vermeintlichen Quälerei ein launiges Natur-Sightseeing auf zwei Rädern wird.
Sind das die guten Naturerkunder, genauso wie diejenigen, die sich im Sommer mit den Bergbahnen an die vielen schönen Plätze hoch oben über dem Tal aufmachen, wo es an den Bergstationen oft Warteschlangen gibt, die an die Ticketschalter an einer Stadionkassa erinnern? Die Geschäftsführer des Bikeparks Philipp Kettner und Michael Marte sowie Teilhaber Christian Speckle laden die Kritiker des Projekts zum Gespräch vor Ort ein, bislang, versichern sie, hätte sich noch niemand die Mühe gemacht, mit ihnen gemeinsam die Strecke zu besichtigen. Wasser auf den Mühlen der Naturschützer ist ausgerechnet der große Erfolg des Bikeparks. An Spitzentagen zählten sie in diesem Sommer an die 6000 Liftfahrten, was durchaus bereits an die Werte eines mittelmäßigen Wintertags herankommt.Das lag sicher auch daran, dass Corona-bedingt sich viele Deutsche nicht ins Bike-Eldorado nach Italien aufmachten, sondern stattdessen zum aus ihrer Sicht ersten Bikepark der Alpen fuhren. Eindruck macht aber seit dem Ausbau offensichtlich auch das vielfältige Streckenangebot. Ein deutsches Fachmagazin wählte den Bikepark im Brandnertal unter die besten Europas, weil er sowohl Familien als auch Spitzenfahrern Fahrspaß bieten würde. Vor Kurzem machte Weltcup-Fahrer Brook MacDonald einen Abstecher nach Bürserberg, statt der veranschlagten drei Tage blieb er eine ganze Woche. Und so lassen sich dem Vernehmen nach in der Region mittlerweile 2000 Nächtigungen pro Jahr auf den Bikepark zurückführen. Die Kassen also klingelten im Sommer, die Hotellerie zeigte sich ebenso überrascht wie erfreut über den Nächtigungsanstieg, die Wildparker dagegen trübten die allgemeine Euphorie – und am meisten Sorgen bereitet den Betreibern freilich die außerordentliche Revision am Verwaltungsgerichtshof von Naturschutzanwältin Lins.

Signalwirkung

Womit sich der Kreis schließt und sich in Anlehnung an Goethes Faust sagen lässt: Wir sind so klug als wie zuvor. Die Chancen, dass dem Revisionsantrag von Lins stattgegeben wird, sind zumindest aussichtsreich. Ob ein Rückbau der Weisheit letzter Schluss ist und was das für zukünftige Projekte bedeutet, wird sich zeigen. Am Ende ist, wie immer im Leben, alles eine Frage der Perspektive. Ein Rückbau, erst recht ein massiver, würde wohl das Ende des Bikeparks bedeuten.