Sport

„Der Erfolg ist kein Ziel, sondern eine Reise“

07.11.2020 • 22:49 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Dieses Jahr verlief für Bildstein und seinen Partner David Hussl (vorne) äußerst erfolgreich. <span class="copyright">störkle</span>
Dieses Jahr verlief für Bildstein und seinen Partner David Hussl (vorne) äußerst erfolgreich. störkle

Ein erfolgreiches und turbulentes Jahr für den Segler Benjamin Bildstein.

Vor der Absage der Olympischen Spiele wart ihr auf einem sehr guten Weg. Was hat sich nun durch die Verschiebung für euch geändert?
Benjamin Bildstein: Wir haben uns im letzten Jahr super entwickelt, das kann man schon so sagen. Aber durch die Verschiebung ändert sich doch recht viel, denn unsere Planung war genau auf diesen Zeitpunkt ausgerichtet. Als kleines Beispiel: Wir hatten die Argentinier als Trainingspartner, welche die Qualifikation für die Spiele nicht geschafft und als Konsequenz ihre Karriere beendet haben. Das Gleiche war mit einem deutschen Team und den Briten. Im Grunde wäre das für unsere Performance egal, weil es kurz vor den Spielen war, aber durch die Verschiebung galt es eine neue Kooperation einzugehen.

Warum sind Trainingspartner überhaupt so entscheidend?
Bildstein: Beim Segeln hat man einen hohen Taktikfaktor. Man kann nicht nur alleine den Kurs abfahren, sondern muss das Verhalten der anderen Boote miteinbeziehen. Wenn man da niemanden hat, der dich herausfordert, hat man definitiv einen Nachteil. Das zeigt, was alles neu strukturiert werden muss. Eigentlich war für die Spiele alles fertig. Jetzt hat man ein Jahr mehr und wenn man sagt, wir lassen es so und die anderen testen weiter, dann kann es sein, dass sie sich dadurch einen Vorsprung herausholen. Man muss alle Bereiche weiterführen. Das ist das Entscheidende im Sport. Der Erfolg ist kein Ziel, sondern eine Reise. Wenn man gestern gewinnt, aber nicht weiter trainiert, wird man den nächsten Wettkampf nicht gewinnen. Im Sport muss man immer dranbleiben.

Diese Woche hat sich Benjamin Bildstein im Olympiazentrum unter anderem mit eine Jonglier­übung auf der Slackline fit gehalten. <span class="copyright">hartinger</span>
Diese Woche hat sich Benjamin Bildstein im Olympiazentrum unter anderem mit eine Jonglier­übung auf der Slackline fit gehalten. hartinger

Habt ihr nun bereits Trainingspartner gefunden für den Winter?
Bildstein: Letztes Jahr haben wir mit den Neuseeländern Peter Burling und Blair Tuke trainiert. Die zählen zu den besten Seglern weltweit, was mit ein Grund dafür war, warum wir uns so entwickelt haben. Sie sind auch diejenigen, die es zu schlagen gilt. Aber für heuer geht das nicht, weil wir nicht nach Neuseeland kommen. Für den heurigen Winter haben wir das dänische Einserteam als Partner gewinnen können, die 2008 Olympiagold gewonnen haben.

Wie haben Sie die Absage der Olympischen Spiele aufgenommen? Schließlich ist damit das Ziel schlechthin weggefallen?
Bildstein: Natürlich war das für uns im ersten Moment ein Schock. Extrem wäre die Enttäuschung, wenn keine Verschiebung möglich gewesen wäre. Ich habe die Zeit während des Lockdowns genutzt und mein Masterstudium erfolgreich abgeschlossen. Für mich hat sich in dem Moment eine neue Chance aufgetan. Als Segler ist man es gewohnt, sich auf verändernde Bedingungen einzustellen. Wir hatten es häufig beim Segeln, dass wir geführt haben, aber dann der Wettkampf abgebrochen werden musste. Jammern bringt in solchen Fällen nichts. Diese Kompetenz, Dinge schnell abzuhaken und die neue Chance zu sehen, haben wir erlernt.

In der kommenden Woche geht es für den Wolfurter weiter nach Portugal. <span class="copyright">hartinger</span>
In der kommenden Woche geht es für den Wolfurter weiter nach Portugal. hartinger

Allerdings wart ihr in diesem Jahr sehr gut drauf. Besteht die Furcht, nächstes Jahr nicht mehr an diese Leistungen anknüpfen zu können?
Bildstein:
Der große Vorteil, wenn man die Weltspitze erreicht hat, ist dass man versteht, was dafür notwendig ist. Man muss die Parameter kennen, die in der Sportart relevant sind. Daher ist es keine Überraschung, dass große Stars, wie zum Beispiel ein Roger Federer, auch nach einer Pause oder einer Verletzung zurückkommt. Sie wissen, was nötig ist. Man findet zurück, weil man das Rezept dafür hat, wenn die notwendige Motivation und der Biss noch da sind.

Wie realistisch sehen Sie die Durchführung der Spiele im nächs­ten Jahr? Das Coronavirus wird bis dahin nicht verschwunden sein.
Bildstein:
Das erste was ich gemerkt habe ist, wenn man sich als Sportler zu viele Gedanken macht, zieht es einen nur runter. Mein Ansatz ist daher zu sagen, wir gehen davon aus, dass es stattfindet. So trainieren wir auch. Wir müssen uns weiterentwickeln, sonst haben wir keine Chance. Dazu kommt, dass meine letzte Info war, dass das IOC mehrere Corona-Szenarien vorbereitet. Ihre letzte Aussage war, dass sie davon ausgehen, dass eine Durchführung möglich ist. In welcher Form, wird man dann sehen.

Die Durchführung der Olympischen Spiele im kommenden Jahr sieht Bildstein realistisch. <span class="copyright">störkle</span>
Die Durchführung der Olympischen Spiele im kommenden Jahr sieht Bildstein realistisch. störkle

Problematisch könnte es auch werden, wenn nicht alle Sportler anreisen können. Ganz im Sinne des Fairnessgedankens.
Bildstein:
Das ist natürlich ein Punkt. Im Sinne des Sports und aller Athleten ist ein Kräftemessen unter gleichen Voraussetzungen wichtig. Hoffentlich findet sich dafür ein Weg, denn wir Athleten haben uns lange vorbereitet und immens viel investiert. Ich glaube, man kann Varianten finden, damit es geht.

Aber euer Ticket bleibt in jedem Fall bestehen, oder?
Bildstein:
Das bleibt uns erhalten, ja.

Das Sportlerjahr 2020 neigt sich nun dem Ende zu und das Wettkampfjahr ist abgeschlossen. Was steht für euch heuer noch an?
Bildstein:
Wir waren letzte Woche in Neusiedl, da wir unser Material aus Japan zurückbekommen haben. Wir haben dieses Material akribisch überprüft und Messungen durchgeführt. Das Ziel war, unsere Erfahrungen, welche wir am Wasser in Japan gemacht haben, mit den Messdaten zu vergleichen und so entscheidende Parameter zu erkennen.

Das Coronajahr hat auch bei Bildstein/Hussl einiges durcheinandergewirbelt. <span class="copyright">privat</span>
Das Coronajahr hat auch bei Bildstein/Hussl einiges durcheinandergewirbelt. privat

Das heißt, ihr arbeitet derzeit an der Perfektion des Materials?
Bildstein:
Genau. Für uns ist bereits alles auf Olympia im nächsten Jahr ausgerichtet. Wir wollen möglichst früh unser Set-up für Olympia festlegen.
Damit wir wissen: dieses Boot, dieses Segel und dieser Mast. Denn mit dem Wettkampfmaterial wollen wir noch ausreichen Stunden auf dem Wasser sammeln. Ebenfalls benötigen wir eine Zweiergarnitur, falls ein Materialbruch passieren sollte.

Werdet ihr auch nochmals die Gelegenheit haben vor Enoshima, dem Olympia-Revier, zu testen?
Bildstein:
Das wäre schon ein Ziel. Die Schwierigkeit wird sein, ob wir vor Olympia rüberkommen. Aber wir Segler sind in den vergangenen Jahren immer wieder dort gewesen. Das ist wichtig, damit man die Windbedingungen kennt und die Anzeichen für Windänderungen. Es wäre das Ziel, im Mai dort trainieren zu können. Dann sind die Windbedingungen ähnlich, wie zur Olympia-Periode.

Den Lockdown nutzte Bildstein für den erfolgreichen Abschluss seines Studiums. <span class="copyright">hartinger</span>
Den Lockdown nutzte Bildstein für den erfolgreichen Abschluss seines Studiums. hartinger

Wagen wir zum Schluss noch einen Rückblick auf dieses Jahr. Wie würden Sie bilanzieren?
Bildstein:
Aufgrund von Covid-19 waren klarerweise weniger Wettkämpfe. Wir haben großteils unsere Chancen genutzt und Medaillen ersegelt. Einzig bei der Weltmeisterschaft im Februar in Australien hatten wir, trotz starker Leistung, knapp das Podium verpasst. Bis zum letzten Regattatag lagen wir in Führung, doch durch eine fragwürdige Jury-Entscheidung im Medalrace wurden wir undankbare Vierte.

Im März folgte die Nachricht, dass ihr Erste in der Weltrangliste seid.
Bildstein:
Die Weltrangliste im olympischen Jahr anzuführen, ist herausragend und erfüllt uns mit Stolz und Freude. Es ist eine Bestätigung unserer konsequenten Arbeit. Wir haben über einen langen Zeitraum bei allen relevanten Wettkämpfen konstant gute Platzierungen erreicht.

Bei der Heim-EM gab es die Silbermedaille für Benjamin Bildstein (l.) und David Hussl. <span class="copyright">profs</span>
Bei der Heim-EM gab es die Silbermedaille für Benjamin Bildstein (l.) und David Hussl. profs

Dann kam mit der Heim-EM das nächste Highlight. Wir groß war die Freude über die Silbermedaille, nachdem zu Beginn Partner David Hussl krankheitsbedingt ausfiel?
Bildstein:
Wir hätten nicht gedacht, dass wir noch eine Medaille holen. Und das wir am Schluss bei den Finalläufen so gut abliefern, war natürlich sehr stark. Es ist ein schöner Abschluss, mit dem wir in den Winter gehen.

Am Dienstag seid ihr bei der Wahl zum Sportler des Jahres in der Kategorie Mannschaft nominiert. Wie groß ist die Ehre unter den besten Fünf zu stehen?
Bildstein:
Für mich persönlich war die Wahl zur Mannschaft des Jahres in Vorarlberg ein großes Karriereziel. Es ist eine tolle Auszeichnung, weil es mehr als nur einen Wettkampf zusammenfasst. Dass wir es sogar österreichweit unter die Top fünf geschafft haben, war überraschend. Als Segler und Team aus dem Westen hat man es vielleicht nochmal schwieriger. Deshalb finde ich es schön, dass die sportlichen Leistungen herangezogen und wertgeschätzt werden. Wir sind gespannt, was es wird.

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