Sport

So schlägt das Herz von Bjelis

20.12.2020 • 08:02 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
So schlägt das Herz von Bjelis
Mario Bjelis deutet seinen Spielern: Das ist jetzt schon das dritte Tor, dass ihr auf dieselbe Art und Weise gefangen habt. Dietmar Stiplovsek

Die NEUE am Sonntag führte Pulsmessung bei Hard-Trainer Bjelis durch.

Jeder Trainer durchläuft bei fast jedem Spiel ein Wellental der Gefühle. Der eine zeigt seine Emotionen, der andere verbirgt sie. Mal begeistert die Trainer ihre eigene Mannschaft, mal treiben ihnen die Spieler die Zornesröte ins Gesicht, gerade bei knappen Spielsituationen. Dann steigen bei den Trainern die Nervosität und der Stresslevel, dann schnellt ihr Puls in die Höhe. Bei Hard-Trainer Mario Bjelis im Heimspiel gegen Graz vom 12. Dezember auf einen Wert von bis zu 149 Schlägen pro Minute. Das hat Antje Peuckert, im Olympiazentrum Vorarlberg Leiterin des Fachbereichs Sportwissenschaft und Training, bei einer Herzfrequenz-Messung ermittelt.

So schlägt das Herz von Bjelis
Antje Peuckert vom Olympiazentrum Vorarlberg und Mario Bjelis besprechen vor dem Spiel die Details zur Pulsmessung. Dietmar Stiplovsek

Emotionale Ausschläge

Peuckert übergab Bjelis eine halbe Stunde vor Spielbeginn eine Pulsuhr, die fortan die Herzschläge des Kroaten aufzeichnete. Es folgte ein Spiel, das bei einem Außenstehenden praktisch keinen Anlass für emotionale Ausschläge auslöste. Die Roten Teufel lagen anfangs zwar zurück, der Sieg gegen die Grazer, die zu diesem Zeitpunkt Tabellenletzter waren, war jedoch nie in Gefahr. Hard lag ab der elften Minute durchgängig in Führung. Doch für den ohnehin emotionalen Trainer Bjelis bot das Spiel sehr wohl viele Aufreger.

So schlägt das Herz von Bjelis
So schlug das Herz von Bjelis gegen Graz. Olympiazentrum Vorarlberg

Stresslevel

„Ein Heimspiel gegen Graz bedeutet für uns, dass wir gewinnen müssen. Das ist unser Anspruch. Aber das bedeutet nicht, dass ich bei so einem Spiel weniger emotional bin. Meine Anspannung ist bei jedem Spiel groß“, blickt Bjelis auf die Partie zurück, bei der es für Hard nach der Derby-Niederlage gegen Bregenz und dem Auswärtsunentschieden in Ferlach keine Alternative zu einem Sieg gab.
Hard gewann letztlich 35:30, ließ aber erkennen, dass die jüngsten Ergebnisse am Selbstvertrauen genagt hatten. Die Roten Teufel boten keine gute Leistung – und das spiegelte sich im Stresslevel des Trainers wider. Peuckert fasst ihre Beobachtungen und die Auswertungen zur folgenden Trainertyp-Analyse zusammen: „Während des Spiels ist Mario Bjelis definitiv angespannt, ohne dass er cholerisch wird und ständig aufs Spielfeld hinein brüllt. Er geht hin und her und steht immer, trotzdem wirkt er ruhig. Sein Puls zeigt aber eben sehr deutlich, dass er unter Strom steht. In beiden Spielhälften erreichte seine Herzfrequenz den Spitzenwert jeweils bei den Timeouts, die er genommen hat, beide Male kam er dabei auf 149 Herzschläge pro Minute. Bei diesen Timeouts ist er auch laut geworden.“

So schlägt das Herz von Bjelis
Der Hard-Trainer konnte es kaum glauben, dass seine Spieler keinen Weg fanden, ein simples Angriffmuster der Grazer zu verteidigen: Tor um Tor kassierten die Roten Teufel vom Spieler am Kreis. Nach dieser Szene nahm Bjelis ein Timeout. Dietmar Stiplovsek

Dieser Höchstwert von knapp 150 Schlägen offenbart, dass Bjelis in den betreffenden Situationen ein sehr deutlich erhöhtes Stresslevel hatte. Das Streudiagramm seiner Pulswerte zeigt aber auch, dass es sich dabei eben um akute, also temporäre Stresssituationen gehandelt hat und dass Bjelis nicht unter chronischem Stress leidet. Das belegen auch die gemessenen Werte in der Halbzeitpause, als seine Herzfrequenz auf bis zu 64 Schläge sank, was laut Peuckert bei ihm gar im unteren Bereich des Ruhepulses liegt. Selbst 80 Schläge wären noch ein Ruhepuls für den 44-Jährigen.

So schlägt das Herz von Bjelis
Die meiste Zeit verbrachte Bjelis das Spiel als ruhiger Beobachter. Dietmar Stiplovsek

Selbsteinschätzung

Für große Aufregung bei Bjelis sorgte die Nachlässigkeit seiner Spieler. „Wir haben übers ganze Spiel gesehen fünf Tore aus dem gleichen Spielzug bekommen. Sowas ärgert mich ganz unabhängig vom Spielstand. Außerdem haben wir genau diese Spielsituation in den Tagen davor im Training geübt. Dass wir die Situation trotzdem nicht besser verteidigt haben, hat meinen Puls in die Höhe gehen lassen“, schildert der Kroate – ohne dass er die Herzfrequenz-Auswertung bereits kannte. Was Peuckert erstaunt: „Die Selbsteinschätzung von Mario Bjelis entspricht exakt den aufgezeichneten Werten und meinen Beobachtungen vom Spiel. Vor den beiden von ihm genommenen Timeouts hat seine Mannschaft jeweils zwei, drei vermeidbare Tore zugelassen. In der zweiten Halbzeit sind sogar drei Gegentore aus derselben Spielsituation heraus gefallen. Es war immer ein Anspiel auf den Spieler am Kreis, und jedes Mal machte der das Tor. Dass man in so einer Situation als Trainer verärgert reagiert, ist völlig nachvollziehbar.“
Die Expertin resümiert daher: „Als Spieler könnte ich mit seinen Reaktionen sehr gut umgehen, weil er nicht irrational handelt, sondern im Gegenteil sehr überlegt agiert.“ Bjelis selbst sagt über seine Reaktionen während des Spiels: „Wir haben zwei Punkte geholt, aber mit unserer Leistung war ich in keiner einzigen Sekunde zufrieden. 30 Tore zu bekommen gegen Graz, ist unglaublich.“

So schlägt das Herz von Bjelis
Auch wenn Bjelis nicht zufrieden mit dem Spiel war – am Ende konnte er einen Sieg und zwei Punkte bejubeln. Dietmar Stiplovsek

Vergleich

Im Frühjahr wird Bjelis bei einem entscheidenden Play-off-Spiel erneut die Pulsuhr tragen, was überaus spannende Rückschlüsse erlauben wird, wie sehr sich die Bedeutung eines Spiels auf den Stresslevel und damit den Puls auswirkt. Peuckert betont: „Die Wiederholung der Herzfrequenz-Messung, dann bei einem Play-off-Spiel, macht die Herzfrequenz-Messung gegen Graz noch spannender und aufschlussreicher. Denn dadurch bekommen wir einen Vergleich der Pulswerte zwischen einem Spiel, bei dem ja eigentlich klar war, dass Hard gewinnt, und einem Spiel, bei dem Kleinigkeiten entscheiden und das maßgeblichen Einfluss auf die Saisonziele hat. Auf die Unterschiede bin ich schon sehr gespannt.“

Auch Bjelis freut sich auf die Erkenntnisse, sagt aber auch unumwunden: „Ich kann mich nicht verändern.“ Soll er auch nicht. Denn klar ist schon jetzt: Der Trainerjob lässt im wahrsten Sinne des Wort das Herz von Bjelis höher schlagen.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.