Sport

„Es fühlt sich an wie in der Studentenzeit“

25.01.2021 • 12:01 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Dominic Thiem mit seinem Manager Herwig Straka
Dominic Thiem mit seinem Manager Herwig Straka Gepa

Thiem-Manager schildert die Ausnahmesituation für die Spieler.

Sie befinden sich nun bereits seit über einer Woche in Adelaide im selben Hotel wie Ihr Schützling Dominic Thiem in Quarantäne. Fällt Ihnen bereits die Decke auf den Kopf?
HERWIG STRAKA: Nein, man gewöhnt sich an die Einschränkungen und jeder hat gewusst, dass dies kein Wunschkonzert wird. Außerdem kann ich beim Training von Dominic dabei sein und zu dieser Zeit auch das Zimmer verlassen.

Wie vertreiben Sie sich die Zeit?
STRAKA: Als Dominics Manager und Direktor des ATP-Boards wird mir auf jeden Fall nicht langweilig. Ich komme mit Online-Meetings und dergleichen durchaus auch auf acht Stunden Arbeit. Außerdem gibt es auch so viel zu tun. Da es aus Sicherheitsgründen keinen Zimmerservice gibt, müssen wir selbst die Betten überziehen, Wäsche waschen und kochen. Dafür stehen im Zimmer eine Waschmaschine, eine Mikrowelle und eine Herdplatte zur Verfügung. Es fühlt sich an wie früher in der Studentenzeit.

Haben Sie sonst zu niemandem Kontakt?
STRAKA: Nein, der Hoteltrakt ist abgeriegelt. Einmal am Tag kommt jemand vorbei, um einen Coronatest zu machen. Jeden dritten Tag ist es ein PCR-Test, ansonsten wird einer unter der Zunge gemacht. Wenn es zum Training geht, wird man von jemandem im Ganzkörperanzug abgeholt, zum Lift gebracht und dann bei der Hotelgarage hinausbegleitet. Die Hotelrezeption habe ich noch gar nie gesehen.

Das sind sehr strikte Maßnahmen, oder?
STRAKA: Ja, aber nachvollziehbar. Die Australier haben den härtesten Lockdown überhaupt hinter sich, da war im Winter 117 Tage alles dicht. Der Vorteil ist, wenn man die Quarantäne hinter sich hat, kann man sich danach quasi so frei bewegen wie vor Ausbruch der Pandemie. Und in vier Tagen haben wir es überstanden.

Die Corona-Maßnahmen sollen die Veranstalter über 25 Millionen Euro kosten. Da stellt sich die Frage der Sinnhaftigkeit.
STRAKA: Das wurde auch viel diskutiert. Aber die Australier wollen die Australian Open unbedingt, es ist eine der größten Sportveranstaltungen des Kontinents und soll Zuversicht versprühen. Gewinnbringend kann es heuer aber wohl nicht sein. Auch, wenn bei den Turnieren 50 bis 75 Prozent der üblichen Zuschauerzahlen zugelassen werden sollen.

Wie läuft das Training bei Dominic und was macht er abseits des täglichen Sports?
STRAKA: Das Training läuft gut und er befindet sich auf einem sehr hohen Niveau. Auf seinem Zimmer vertreibt er sich die Zeit mit Serienschauen, Computerspielen und Lesen.

Coach Nicolas Massu wurde positiv getestet und sitzt in Miami fest. Gibt er von dort Anweisungen?
STRAKA: Ja, Dominics Vater Wolfgang leitet das Training und ist viel in Kontakt mit Nico. Der ist zwar mittlerweile negativ, wird es aber dennoch nicht zu den Australian Open schaffen.

"Es fühlt sich an wie in der Studentenzeit"
Nach jedem Training werden die Stühle auf dem Platz desinziziertAPA

Dominic, Novak Djokovic, Rafael Nadal und die Top drei der Damen verbringen ihre Quarantäne in Adelaide, während der Rest in Melbourne untergebracht ist. Es wurde Kritik laut, dass die Topspieler dadurch Privilegien genießen würden und das unfair sei.
STRAKA: Es ist in Adelaide nicht so viel besser. Die wenigen Vorteile bestehen darin, dass das Team des Spielers größer sein darf, dass es sich bei den Trainingszeiten nicht so staut und dass die Zimmer einen Balkon haben. Dafür muss Dominic nach der Quarantäne noch von Adelaide nach Melbourne reisen und hat vor dem ATP Cup keine Zeit, sich auf die dortigen Verhältnisse einzustellen.

Australian-Open-Turnierdirektor Craig Tiley hat die Privilegien so argumentiert, dass Grand-Slam-Champions eben einen besseren Deal verdient hätten.
STRAKA: Sagen wir so: Der Deal steht eher ihnen zu als einem Top-200-Spieler. Aber er hat das Ganze auch so begründet, dass durch das Ausweichen des Trosses der Topspieler nach Adelaide 50 bis 60 Personen mehr nach Melbourne einreisen konnten.

Wie sieht es derzeit auf der ATP-Tour aus: Steht der Turnierkalender auf sehr wackeligen Beinen?
STRAKA: Wir müssen abwarten, wie sich die Situation in den einzelnen Ländern entwickelt, und können derzeit nichts steuern, sondern nur reagieren. In Frankreich etwa wurden die Coronaregeln jetzt zusätzlich verschärft, da reicht ein negativer Test nicht mehr zur Einreise. Das bedeutet, dass Spieler außerhalb von Europa viel früher anreisen müssten und die Turniere wahrscheinlich nicht spielen können. Aber wie wertet man diese Events dann?

Rio und Indian Wells wurden verschoben, die New York Open abgesagt. Geht es bei manchen Turnieren schon um die Existenz?
STRAKA: Auch Houston hat die Notbremse gezogen und abgesagt. Bedenklich wird es vor allem bei den Turnieren im April, die möglicherweise bereits ein zweites Mal ausfallen werden.

Wie kann die ATP da helfen?
STRAKA: Für Turniere ohne oder mit weniger Zuschauern gibt es eine Preisgeld-Reduktion, außerdem gibt es Geld von der zentralen TV-Vermarktung.

Apropos Geld: Hat sich der US-Open-Sieg von Dominic schon wirtschaftlich ausgewirkt?
STRAKA: Ja, auch wenn es in den wirtschaftlich gerade schlechten Zeiten nicht so viel ist. Aber wir stehen in Verhandlungen mit großen Sponsoren. Doch schließt man solche Deals nicht von heute auf morgen ab.

Ist der Rechtsstreit zwischen Dominic und Ex-Betreuer Günter Bresnik mittlerweile beigelegt?
STRAKA: Dazu kann ich nichts sagen, das ist eine Angelegenheit der Familie Thiem.