Sport

„Die einzige Option ist, weiterzukämpfen“

31.01.2021 • 08:11 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Ein fünfter Rang in Val d’Isere war in dieser Saison das beste Ergebnis von Nina Ortlieb. <span class="copyright">gepa</span>
Ein fünfter Rang in Val d’Isere war in dieser Saison das beste Ergebnis von Nina Ortlieb. gepa

Nach Verletzung spricht Nina Ortlieb über die Schritte und Comeback.

Die erste Frage nach der schweren Verletzung kann eigentlich nur lauten: Wie geht es Ihnen?
Nina Ortlieb:
Natürlich ist es nicht ideal, wenn man mit so einer schweren Verletzung die Saison abbrechen muss. Aber ich bin zuversichtlich und blicke bereits nach vorne. Ich bin überzeugt, dass die Verletzung wieder wird.

Vor rund zwei Monaten zeigten Sie sich im Interview noch voller Vorfreude auf die Saison. Wie schwierig ist es nun, diese Situation anzunehmen?
Ortlieb:
Das ist wirklich schwierig. Vor etwas mehr als einer Woche war ich noch voller Tatendrang, und im Training ist es auch wirklich gut gelaufen. Ich war schnell unterwegs und in Form. Man arbeitet so lange, und dann wird man abrupt aus allem herausgerissen. Und dann verletzt man sich auch noch an einem Ort, an den man so gute Erinnerungen hat. Das schmerzt schon.

Was ist eigentlich in Crans Montana passiert?
Ortlieb:
Es war eigentlich ein recht unspektakulärer Sturz. Ich konnte die Linie nicht halten und wurde etwas zu tief. Dabei hat das Gelände mir nicht geholfen, weil es an dieser Stelle extrem abfällt. Nach der Landung vom Sprung habe ich versucht, noch etwas für die Linie zu gewinnen. Da bin ich dann zu Sturz gekommen, und der Ski hat im Schnee gegriffen. Da sieht man dann, was bei einer Abfahrt für Kräfte auf den Körper wirken, was es für eine Hebelwirkung geben und wie schnell etwas kaputtgehen kann.

Ortlieb wurde per Hubschrauber geborgen und sofort ins Krankenhaus gebracht. <span class="copyright">Ap</span>
Ortlieb wurde per Hubschrauber geborgen und sofort ins Krankenhaus gebracht. Ap

Es war Ihnen also sofort klar, dass etwas Schlimmeres passiert ist?
Ortlieb:
Wie schwerwiegend es ist, war mir im ersten Moment nicht klar. Aber ich konnte meinen Unterschenkel einfach nicht mehr selbst halten, das kann ich jetzt noch nicht. Im Krankenhaus habe ich es dann mit freiem Auge erkennen können.

Wie war die Versorgung direkt vor Ort? Sie wurden per Hubschrauber geborgen.
Ortlieb:
Ich bin zuerst noch lange mit dem Notarzt auf der Pis­te gesessen. Man hat versucht, das Bein zu stabilisieren, und dann hat man mich ins Krankenhaus nach Sion geflogen. Von da an ging es dann weiter nach Schruns zu Dr. Schenk, der mich gleich operiert hat. Ich habe zum Glück gleich Schmerzmittel erhalten, denn das ist fast die stärkste Sehne im Körper. Da kann man sich vorstellen: Wenn die reißt und der Unterschenkel einfach nur mehr da hängt, dass das schmerzhaft ist. Einige Knochenabrisse waren auch dabei.

Das heißt, die schwerwiegende Verletzung ist eigentlich der Patellasehnenriss?
Ortlieb:
Genau. Die gibt Stabilität und ist für die Kraftübertragung entscheidend. Man kann fast sagen, dass der Kreuzbandriss die Begleiterscheinung davon ist.

Die Saison startete die Lecherin voller Zuversicht und zuletzt war sie auch in guter Form. <span class="copyright">GEPA</span>
Die Saison startete die Lecherin voller Zuversicht und zuletzt war sie auch in guter Form. GEPA

Was waren dann Ihre ersten Gedanken im Hubschrauber?
Ortlieb:
Bitte nicht! Man will es eigentlich nicht wahrhaben und hofft, dass es doch nicht ganz so schlimm ist. Aber diese Hoffnung ist mit den Schmerzen geringer geworden. Man muss es dann einfach akzeptieren, irgendwann nach vorne blicken und einen Haken darunter setzen. Und daran glauben, dass es wieder wird und man wieder anknüpft, wo man war.

Sind Sie bereits mental so weit, dass Sie den Haken darunter setzen können?
Ortlieb:
Irgendwie schon. Den Haken kann ich setzen, aber deswegen ist es noch nicht abgeschlossen. Ich spüre es noch, und es schränkt mich ein. Aber sobald ich wieder selbstständiger und ohne Krücken auf den Beinen bin, wird es leichter werden. Spätestens wenn ich wieder auf Skiern stehe, glaube ich, kann ich damit komplett abschließen.

Wie zufrieden war Dr. Schenk mit dem Verlauf der Operation?
Ortlieb:
Es ist alles sehr gut gelaufen. Ich hatte dieselbe Verletzung am anderen Bein schon. Und die war eigentlich komplizierter. Er meinte, wenn er das ins Verhältnis setzt, dann habe ich dieses Mal bessere Voraussetzungen. Das letzte Mal war er selbst etwas skeptisch, doch dieses Mal ist er zuversichtlich, dass alles funktionieren wird. Und mein eigenes Gefühl ist auch besser.

Ihren bisher größten Erfolg feierte die 24-Jährige beim Super-G-Erfolg in La Thuile vor rund elf Monaten. <span class="copyright">GEPA</span>
Ihren bisher größten Erfolg feierte die 24-Jährige beim Super-G-Erfolg in La Thuile vor rund elf Monaten. GEPA

Die erste Art dieser Verletzung hatten Sie 2014 erlitten.
Ortlieb:
Genau, im Februar am linken Knie. In der Zwischenzeit musste man es viermal operieren, weil ich immer wieder Probleme hatte. Dieses Mal sind die Voraussetzungen besser. Wenn man so sagen will, dann ist die Sehne an einer besseren Stelle gerissen. Es ist auch ein Teil vom Knochen mit abgerissen. Das gibt nun die Sehnenlänge vor. Letztes Mal war es ein Schauen, wie hoch sie am anderen Knie sitzt. Das Knochenstück hat eigentlich geholfen.

So blöd es klingen mag, aber können Sie aus der Erfahrung von 2014 mitunter Positives für die jetztige Situation mitnehmen?
Ortlieb:
Auf jeden Fall helfen alte Verletzungen. Man hat die Erfahrungen und kann sich darauf einstellen, was einen erwartet. Ich weiß, dass es Geduld braucht. Aber es gibt auch Momente, wo ich es eigentlich nicht genau wissen möchte, was jetzt alles kommt. Weil da auch Rückschläge dabei sein können. Aber das Positive daran ist, dass es damals gut funktioniert hat und ich wieder schmerzfrei Ski fahren konnte. Mit dieser Hoffnung gehe ich auch in diese Reha.

Mit der Rückkehr auf Skiern wird sich die Athletin noch länger gedulden müssen. <span class="copyright">APA</span>
Mit der Rückkehr auf Skiern wird sich die Athletin noch länger gedulden müssen. APA

Reha ist ein gutes Stichwort. Wie sehen die nächsten Schritte nun aus?
Ortlieb:
In der ersten Phase ist das Hauptziel, dass die Schwellung reduziert wird. Dazu macht man Lymphdrainagen. Ich kann aber auch schon mit der Motorschiene, Strom- und Magnetfeldtherapie arbeiten. In zwei Wochen erfolgt die Nahtentfernung, und dann beginnt die Wassertherapie. Bei der letzten Verletzung habe ich gespürt, wie gut mir die getan hat. Nach sechs Wochen steht ein neuerlicher Eingriff an, bei dem eine Schlinge entfernt wird. Die Kniescheibe und der Unterschenkel wurden durchbohrt, und die Schlinge hält den Unter- zum Oberschenkel, damit die Sehne anwachsen kann. Mit der zweiten Operation beginnt auch ein intensiveres Training. Durch die Entfernung der Schlinge soll ich meine freie Beweglichkeit wieder erlangen.

Haben Sie nach so kurzer Zeit schon wieder Ziele ins Auge gefasst?
Ortlieb:
Es ist jetzt mal das Ziel, dass ich den Unterschenkel aus eigener Kraft halten und stabilisieren kann. Da wird die Wassertherapie helfen. Sobald die Schlinge entfernt ist, geht es darum, wieder kräftig genug zu werden, damit ich mich in der kommenden Saison wieder stark präsentieren kann.

Der Blick geht bei Ortlieb trotz der schweren Verletzung schon wieder nach vorne. <span class="copyright">APA</span>
Der Blick geht bei Ortlieb trotz der schweren Verletzung schon wieder nach vorne. APA

Ihr Blick wandert also auch schon zur kommenden Saison?
Ortlieb:
Ich bin zuversichtlich, dass es hinhauen wird. Ich habe es nach meiner ersten schweren Verletzung auch geschafft, und die war noch zwei Wochen später im Winter. Und auch da war ich trotzdem bei den Rennen im Dezember dabei.

Das heißt, Sie können die Situation annehmen?
Ortlieb:
Was habe ich für eine Wahl? Was passiert ist, ist passiert, und rückgängig machen, kann ich es nicht. Die einzige Option ist, weiterzukämpfen.

Woraus schöpfen Sie ihre Zuversicht, Ihre Kraft und Ihren Mut, in der kommenden Saison wieder voll da zu sein?
Ortlieb:
Zum einen bin ich selbst davon überzeugt. Aber es gibt auch sehr viele Leute, die mich unterstützen und mir gut zureden. Das gibt einem Kraft.

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