Sport

Eine Ära endet, der Traum bleibt

27.03.2021 • 22:41 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Leider erreichten Lukas Mähr (l.) und David Bargehr bei der WM in Portugal nicht das ersehnte Nationenticket für die Olympischen Spiele. <span class="copyright">matesa</span>
Leider erreichten Lukas Mähr (l.) und David Bargehr bei der WM in Portugal nicht das ersehnte Nationenticket für die Olympischen Spiele. matesa

Nach 15 Jahren gehen die Segler Bargehr und Mähr getrennte Wege.

Der Begriff „Ära“ kann als durch eine Person oder Sache geprägtes Zeitalter beschrieben werden. Die Segler Lukas Mähr und David Bargehr prägten in den vergangenen 15 Jahren jeweils einander, den Segelsport und im Besonderen die 470er-Klasse. Nach dem langen Zeitabschnitt fand diese Ära für die beiden Bregenzer nun ein vorzeitiges Ende. Die Weltmeisterschaft vor Portugal, die vor zwei Wochen beendet wurde, sollte ihre letzte gemeinsame Regatta sein. Denn nach den Olympischen Spielen in Tokio wird ihre Klasse nur noch im Mixed, also ein Herr und eine Dame, fortgeführt. Die Zusammenarbeit muss damit beendet werden. Die sportliche Zukunft ist noch offen, erste Tendenzen sind allerdings erkennbar.

Die Klasse der 470er wird in einen Mixed-Bewerb umgewandelt, womit sich Mähr (l.) und Bargehr trennen müssen. <span class="copyright">matesa</span>
Die Klasse der 470er wird in einen Mixed-Bewerb umgewandelt, womit sich Mähr (l.) und Bargehr trennen müssen. matesa

Negativzyklus

Dabei hätten Mähr und Bargehr ihre Zusammenarbeit gerne um ein paar Monate verlängert. Ihr großer Traum von den Olympischen Spielen sollte allerdings unerfüllt bleiben. Die WM stellte die letzte Möglichkeit für das Duo vom Yacht Club Bregenz dar, ein Nationenticket für das größte sportliche Highlight zu ergattern. Doch bereits der Auftakt war mit einem Fehlstart in der ersten Wettfahrt denkbar schlecht für die Vorarlberger. „Das hat uns gleich in eine defensive Position gedrängt. Dann mussten wir mehr Risiko am zweiten Tag nehmen. Das hat uns am Ende der Woche viel gekostet und uns gleich in einen Negativzyklus hineingebracht“, gibt der 30-jährige Mähr eine Kurzanalyse ab. Die Aufgabe wurde damit nicht unlösbar, ihr Schwierigkeitsgrad aber deutlich erhöht. An eine vorzeitige Resignation verschwendete das Duo allerdings keinen Gedanken, schließlich wurden gerade auch für solche Szenarien Strategien entwickelt und eingeplant.
Und prompt konnten die beiden am zweiten Tag trotz des erhöhten Drucks mit einem Top-Fünf-Ergebnis aufzeigen und sich dementsprechend im Gesamtklassement auf Platz 20 vorschieben. Es sollte jedoch das einzige Top-Resultat bei dieser Regatta bleiben. Nach dem vierten Renntag entschwand das Nationenticket auch rechnerisch aus der Reichweite. Dies lag auch an den starken Portugiesen Diogo und Pedro Costa, die als Vizeweltmeister den letzten Fahrschein in die japanische Hauptstadt ergatterten.

Voller Einsatz von Vorschoter Mähr. <span class="copyright">matesa</span>
Voller Einsatz von Vorschoter Mähr. matesa

10.000 Segelstunden

Die Enttäuschung über das eigene Abschneiden und das Verpassen des gesteckten Zieles hält auch nach zwei Wochen noch an. „Es tut immer noch weh. Es ist immer noch etwas, über das man nachdenkt und das an einem nagt“, gibt Mähr Einblicke in seine Gefühlswelt. Allzu verständlich, haben die beiden Segler doch die vergangenen vier Jahre auf dieses Projekt hingearbeitet. Bei genauer Betrachtung sind es eigentlich sogar 15 Jahre.
Denn die Olympischen Spiele standen für Bargher/Mähr immer an erster Stelle, waren immer die erklärte Vision. 2012 und 2016 gab es das Nationenticket für Österreich, doch mit Matthias ­Schmid und Florian Reichstädter ein routinierteres Duo in rot-weiß-rot. Das Ticket ging somit an die beiden Wiener, die Vorarlberger hatten das Nachsehen.
Da der sportliche Traum nun auch an der Algarve unerfüllt blieb, musste das Zweiergespann bereits in Vilamoura ein letztes Mal seine Jolle verlassen. „Dass es nach schätzungsweise 10.000 Segelstunden, die wir gemeinsam am Meer gesammelt haben, der letzte Tag war, muss zuerst einmal sacken. Das wird erst noch kommen, dass man es realisiert, dass jetzt ein neuer Abschnitt kommt“, beschreibt Mähr.

Lukas Mähr und David Bargehr nahmen nach der WM in Portugal ihr Boot ein letztes Mal aus dem Wasser.  <span class="copyright">matesa</span>
Lukas Mähr und David Bargehr nahmen nach der WM in Portugal ihr Boot ein letztes Mal aus dem Wasser. matesa

Weniger am Meer

Vielleicht wird ein Teil der Realisierung bei der Analyse erfüllt. Denn auch der strategische Rückblick auf die Regatta steht noch aus und wurde bewusst auf später verlegt, um der ganzen Geschichte mit weniger Emotionalität begegnen zu können.
Die Verschiebung der Olympischen Spiele aufgrund der Corona-Pandemie wollte Mähr in jedem Fall nicht als Begründung geltend machen: „Im Nachhinein könnte man sagen, dass wir letztes Jahr besser aufgestellt waren. Andererseits haben wir die Verschiebung zum Anlass genommen, uns genau zu analysieren und anzusehen, wo wir uns verbessern können.“ Ein gewisser Nachteil lässt sich allerdings nicht von der Hand weisen. Denn während Italiener, Spanier oder Portugiesen auch während eines strikten Lockdowns Trainingsmöglichkeiten am Meer vorfinden, war diese Option für Österreicher in deutlich geringerem Maße vorhanden. Erst Sondererlaubnisse gestatteten das Verlassen des eigenen Landes. „Man kommt etwas weniger raus, als wenn man das Meer direkt vor der Tür hat“, bringt es der Vorschoter auf den Punkt. Und aufgrund unterschiedlicher Bedingungen stellen Seen eine unzulängliche Alternative dar. Zudem werden auch die verschiedenen Regatten immer am ganz großen Teich ausgetragen, womit das Kennen der Bedingungen direkt vor Ort Teil einer optimalen Vorbereitung ist.

Trotz der Nicht-Teilnahme bei Olympia hat sich das Duo vom Yacht Club Bregenz in der Weltspitze etabliert. <span class="copyright">matesa</span>
Trotz der Nicht-Teilnahme bei Olympia hat sich das Duo vom Yacht Club Bregenz in der Weltspitze etabliert. matesa

Einige Alternativen

Die Vorbereitungen für die eigene sportliche Zukunft werden wohl erst nach den Olympischen Spielen richtig an Fahrt aufnehmen. Denn erst dann wird klar, welche Segler weitermachen oder aufhören und ebenfalls auf der Suche nach neuen Partnern sind. Doch sowohl für Mähr als auch für Bargehr gilt, dass ein Karriereende zum aktuellen Zeitpunkt nur im Notfall zur Debatte steht. Erst wenn sich keine Lösung, sprich kein neuer Partner oder eigentlich eine neue Partnerin ergeben sollte, könnte dies zur Realität werden. „Es könnte sein, dass es eine keine gute Option gibt, und dann würde es mein Karriereende bedeuten. Aber im Moment bin ich absolut gewillt und auf der Suche nach Möglichkeiten“, stellt Mähr klar.
Einen Wechsel der Bootsklassen führt er dabei genauso als Alternative an wie den Wechsel der Position. Bereits vor seiner Zusammenarbeit mit Bargehr zeichnete Mähr als Steuermann für die Richtung des Bootes verantwortlich. Nur, der Umstieg in den Einzelsegelsport ist nicht Teil der Überlegungen. Immerhin, die beiden Freunde werden sich bei der sportlichen Partnersuche aufgrund ihrer unterschiedlichen körperlichen Konstitution kaum in die Quere kommen. Dafür ist das jeweilige Anforderungsprofil zu konträr. Jedoch wird sich die Frage stellen, ob genügend Seglerinnen aus Österreich auf diesem Niveau zur Verfügung stehen. Dann könnte sich das vormalige Duo auf dem Wasser doch noch in die Quere kommen.

Der Blick in die Zukunft ist ein ungewisser. Die Suche nach einem neuen Segelpartner beginnt wohl erst nach Olympia. <span class="copyright">matesa</span>
Der Blick in die Zukunft ist ein ungewisser. Die Suche nach einem neuen Segelpartner beginnt wohl erst nach Olympia. matesa

Nie aufgeben

Denn für beide Athleten bleibt das Ziel Olympia trotz des Rückschlages bestehen. Der unerfüllte Traum lähmt Mähr nicht etwa, es stellt vielmehr eine Motivation für ihn dar: „Es spornt mich auch an. Für uns es nicht nur der Traum, bei Olympia dabei zu sein, sondern es war immer das Ziel, dass wir dann absolut konkurrenzfähig um eine Medaille mitfahren. Das bleibt ein Ziel.“ Damit bleibt auch Olympia 2024 in Paris als Ambition bestehen, den bisher unerfüllten Traum doch noch zu verwirklichen.
Auch wenn die Zusammenarbeit mit Bargehr nun zu Ende ist, schöpft der Bregenzer daraus viel Kraft für seinen weiteren sportlichen Weg. „Ich würde sagen, das Allerwichtigste, das ich mitnehme, ist, dass man nie aufgeben darf. Zu einem großen Erfolg gehören ganz viele Niederlagen dazu. Das hat uns als Team immer ausgezeichnet. Und auch wenn wir das große Ziel nicht erreicht haben, konnten wir uns in der Weltspitze etablieren. Aber nur, weil wir Niederlagen akzeptiert haben und wieder aufgestanden sind“, fasst Mähr den wichtigsten Punkt aus 15 Jahren gemeinsamer Erfahrung in Worte.
Und mit dem Vize-Juniorenweltmeistertitel 2010, was es zuvor für ein österreichisches Boot noch nie gab, Silber beim Weltcupfinale 2017 und Bronze bei der WM im selben Jahr hat sich das Duo definitiv in der Weltspitze etabliert. Und wer weiß, vielleicht ist den beiden Seglern noch eine zweite, wenn auch zeitlich kürzere Ära vergönnt. Und vielleicht auch noch eine Teilnahme in Paris.