Sport

Verehrter und Verräter

26.05.2021 • 11:04 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Kaum ein Spieler ist so für seinen Außenrist bekannt wie Luka Modric. <span class="copyright">apa</span>
Kaum ein Spieler ist so für seinen Außenrist bekannt wie Luka Modric. apa

Luka Modric macht nicht nur mit Spielwitz und Passpiel von sich reden.

Seit 1991 existiert die Auszeichnung zum Weltfußballer des Jahres offiziell. Bei den 30 Ehrungen standen nicht weniger als 27 Mal Stürmer oder offensive Mittelfeldspieler am Ende als Gewinner fest. Es verdeutlicht, auf wen die Scheinwerfer im Fußball am kräftigsten gerichtet sind. Nämlich jene, die mit Toren auf sich aufmerksam machen können. Just in jener Phase, als sich Cristiano Ronaldo und Lionel Messi fast schon im privaten Clinch Jahr um Jahr um diese Auszeichnung stritten, schnappte ihnen 2018 ein unscheinbarer zentraler Mittelfeldspieler die Trophäe vor der Nase weg.
Luka Modric führte die kroatische Nationalmannschaft in diesem Jahr in das Finale der Weltmeisterschaft. Zwar ging das Endspiel gegen Frankreich verloren, die Ehren als bester Spieler der WM-Endrunde sowie eben der Ballon d’Or waren dem 1,72-Meter großen Strategen aber gewiss. In seinem Heimatland, in dem Sportler nicht zuletzt als Botschafter des Landes verstanden werden, wird er aufgrund seiner Leistungen verehrt. Kollege Ivan Rakitic schwärmte während des WM-Turniers in Russland: „Er ist nicht nur der beste unserer aktuellen Spieler, er ist der beste kroatische Spieler aller Zeiten.“

Der kroatische Nationalspieler erhält 2018 den Ballon d’Or als Weltfußballer des Jahres. <span class="copyright">reuters</span>
Der kroatische Nationalspieler erhält 2018 den Ballon d’Or als Weltfußballer des Jahres. reuters

Ein Verräter

Der mittlerweile 35-jährige Star von Real Madrid, für die er seit 2012 aufläuft und seitdem wegen seiner Frisur und Statur als „el pony“ bezeichnet wird, wird aber nicht nur verehrt. In seinem Geburtsort Zadar sah er sich in eben diesem Jahr 2018 auch Schmähungen ausgesetzt. Denn eigentlich sollte er einer der ihren sein. Einer, der es von ganz unten nach ganz oben geschafft hat. Doch viele sehen in ihm einen Verräter.
Bei seinem Wechsel 2008 von Dinamo Zagreb zu Tottenham Hotspur für kolportierte 22,5 Millionen Euro verdienten auch der damalige Dinamo-Präsident Zdravko Mamic sowie dessen Bruder Zoran Mamic, damals Sportdirektor, kräftig mit. An diesem und anderen Spielerverkäufen haben sich die Brüder um rund 15 Millionen Euro bereichert.
Hinzu kommt Steuerhinterziehung um 1,5 Millionen Euro. Noch vor dem erstinstanzlichen Schuldspruch hatte sich Zdravko Mamic nach Bosnien und Herzegowina abgesetzt und entgeht damit der Justiz bis heute.
Sein Bruder Zoran kehrte 2019 aus dem arabischen Raum zurück, war bis März dieses Jahres auch als Trainer bei Dinamo Zagreb tätig. Dann floh der 49-Jährige ebenfalls nach Bosnien. Auf seine Festnahme vor wenigen Tagen folgte die Freilassung unter Abgabe seines Passes. Er darf Bosnien nicht verlassen.
Ein Auslieferungsabkommen zwischen den beiden Ländern besteht allerdings nicht. Modric soll dieses korrupte Spiel laut Anklageschrift mit einem nachträglich unterzeichneten Vertrag unterstützt haben. Zunächst behauptete er, die Teilung der Transfererlöse mit dem Dinamo-Boss vereinbart zu haben, zog diese Aussage aber später wieder zurück und konnte sich nun nicht mehr an Vertragsdetails erinnern.
Mit seinen Auftritten vor Gericht verspielte er sich viele Sympathien. Das Verfahren wegen Meineides gegen ihn wurde im Dezember 2018 eingestellt. Bei einem Schuldspruch hätten im bis zu sechs Jahre Haft gedroht.

Im Gruppenspiel erzielt Luka Modric den zweiten Treffer beim 3:0-Sieg über Argentinien. <span class="copyright">gepa</span>
Im Gruppenspiel erzielt Luka Modric den zweiten Treffer beim 3:0-Sieg über Argentinien. gepa

Flüchtling

Das System Mamic ist verhasst, viele Fans haben kein Verständnis für Modric’ Verbindungen dazu. Zum Zeitpunkt der Wende im Prozess 2018 war die Schmähung: „Luka, du wirst dich eines Tages noch an das hier erinnern“, zu lesen. Angebracht genau an der Fassade jenes Hotels, in dem der sechsjährige Modric 1991 mit seiner Familie Zuflucht vor dem Krieg fand.
Jenem Gebäude, das der junge Flüchtling von einer Not­unterkunft zu einem Bolzplatz umfunktionierte. Makabren Gerüchten zufolge soll er mehr Fenster zerstört haben, als die Bomben des Krieges. „Der Krieg, das Leben in Flüchtlingslagern, haben mich hart gemacht“, sagte der Mittelfeldakteur einmal. 2001 erfolgte dann kurz vor seinem 16. Geburtstag der Wechsel von seinem Heimatverein nach Zagreb. Bei seiner Ausleihe in die bosnische Liga wird er zum Spieler der Saison gekürt. „Wer hier spielen kann, kann überall spielen“, urteilte er über die Liga, in welcher der Kampf dominierte.

Die Kroaten wird der Real Madrid-Star als Kapitän bei der Euro anführen. <span class="copyright">apa</span>
Die Kroaten wird der Real Madrid-Star als Kapitän bei der Euro anführen. apa

Außenristpass

Vielleicht kommt es von dieser Erfahrung, dass er trotz seiner schmächtigen Statur durchaus Zweikampfqualitäten vorzuweisen hat. Freilich, bekannt ist der Fußballer Modric aufgrund anderer Attribute.
Filigrane Ballbehandlung, Laufstärke, exzellentes Passspiel, Spielintelligenz und strategisches Denken sind dabei nur eine Auswahl. „Er macht praktisch nie Fehler“, adelte ihn 2012 ein gewisser Sir Alex Ferguson. „Modric entscheidet, wie wir spielen“, erklärte Cristiano Ronaldo nach dem vierten Titelgewinn in der Champions League innerhalb von fünf Jahren. Das Markenzeichen des Kroaten ist sein Außenristpass, gerne auch über 30 oder 40 Meter gespielt. Dabei ist er selten der direkte Vorlagengeber, spielt vielmehr den vorletzten Pass und öffnet damit Räume, die zuvor gar nicht existierten. Seit Jahren bildet er so gemeinsam mit Toni Kroos ein kongeniales zentrales Mittelfeld bei den Königlichen.

Wegen Steuerhinterziehung wurde der 35-Jährige schuldig gesprochen. <span class="copyright">ap</span>
Wegen Steuerhinterziehung wurde der 35-Jährige schuldig gesprochen. ap

Keine Starallüren

Während der Stratege auf dem Platz auf sich aufmerksam macht und Führung übernimmt, wirkt er abseits des Feldes eher wie ein schüchterner Schuljunge. Starallüren sind ihm fremd, Interviews und Pressekonferenzen nicht sein Metier. Viel lieber zieht er sich in die eigenen vier Wände zurück, verbringt Zeit mit Frau und Kindern. Doch unscheinbar ist er auch privat nicht. Wegen Steuerhinterziehung erfolgte ein Schuldspruch, der Haftstrafe durch die spanischen Behörden konnte er dank Nachzahlungen entgehen. Auch das ereignete sich 2018.
Jenem Jahr, in welchem er bei der WM zum Weltfußballer aufstieg und in seiner Heimat zum Verachteten abstieg. Mit einer ähnlichen Vorstellung bei dieser Euro, die sein siebtes Großereignis wird, könnte der Re­kordnationalspieler aber wohl auch die letzten Missgünstigen in Kroatien besänftigen.

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