Sport

Der Schweizer und das Fan-Dilemma

11.06.2021 • 11:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Marcel Koller blickt auf die EM 2016 zurück.
Marcel Koller blickt auf die EM 2016 zurück.

Marcel Koller, EM-Trainer 2016, würde die Erwartung versuchen zu dämmen.

Der Eidgenosse bleibt dem Sachlichen treu und er lehnt sich auch nicht allzu weit hinaus, auch nicht beim Rückblick. Marcel Koller erinnert sich an die erste Fußball-Europameisterschaft, für die sich Österreich auf sportlichem Weg qualifiziert hatte. Er tut dies nicht im Groll, und auch auf den Beigeschmack verzichtet er gerne.

Eine Szene der Euro 2016 in Frankreich hat sich besonders eingeprägt ins Gedächtnis des damaligen ÖFB-Teamchefs, sie nahm wohl auch aus der Sicht des Schweizers maßgeblichen Einfluss auf den weiteren Turnierverlauf. “Da gab es im ersten Spiel gegen Ungarn nach wenigen Sekunden den Pfostenschuss von Alaba, dann haben wir das Spiel verloren, eine Rote Karte bekommen und damit hat sich der Druck auf das Team nochmals erhöht”, rollt Koller das Geschehen noch einmal kurz auf.

Der 60-Jährige nimmt Bezug auf die spezifische Mentalität des österreichischen Fußballfans. “Da hatte man das Gefühl, alles müsse sofort passieren. Es ist nicht selbstverständlich, überhaupt dabei zu sein und schon gar nicht, sich für die nächste Runde zu qualifizieren”, sagt der Zürcher und verweist auf das Team seiner Heimat. “Die Schweiz ist erst bei der vierten Teilnahme weitergekommen.”

Bei Alaba sieht sich Koller bestätigt

Und in welchem Bereich hätte ein Marcel Koller aufgrund der späteren Erfahrungen anders gehandelt? Mit dem Wissen um die enorme Erwartungshaltung der Österreicher würde er, sagt er, regulierend eingreifen, hätte er noch einmal die Chance darauf. “Ich würde sicher stärker versuchen, die Euphorie zu bremsen.” Auf Tipps für seinen Nachfolger Franco Foda verzichtet Koller. “Es ist eine andere Situation, das ist jetzt fünf Jahre her”, entscheidend sei, wie man es selbst erlebe. “Gut gemeinte Ratschläge erteile ich nicht.”

Der Schweizer, der im vergangenen Jahr seinen Job als Trainer des FC Basel verlor, hat das österreichische Nationalteam in all den Jahren seit seinem Abgang 2017 nicht aus den Augen gelassen. Und bei einer ganz speziellen Personalie sieht sich Koller im Nachhinein bestätigt und flunkert sogar ein wenig. “David Alaba hat zuletzt auch beim FC Bayern im Mittelfeld gespielt, das zeigt, dass die Bayern auch nicht so ein schlechtes Auge haben.”

Auf einen Vergleich der aktuellen Spielstärke des Nationalteams mit seiner damaligen Auswahl lässt sich der auf Jobsuche befindliche Trainer nicht ein. “So etwas ist schwierig. Es sind viele junge Spieler dazugekommen, die in Deutschland den Durchbruch geschafft haben und ein gutes Gerüst bilden.”

“Wunderschöne Jahre”

Prognostisch sieht Koller Österreich keineswegs als krassen Außenseiter, er will sich aber auch nicht festlegen. “Es wird schwierig, aber es ist möglich, dass man weiterkommt.” Nordmazedonien habe kürzlich aber “für Furore gesorgt” (Sieg über Deutschland, Anm.), “von den Niederländern wissen wir, dass sie hervorragend Fußball spielen können und auch die Ukraine ist schwer zu bespielen.” Von vornherein zu sagen, da müsse man weiterkommen, wäre aus seiner Sicht aber eine Fehleinschätzung.

In die Rückschau mischt sich auch ein Hauch von Nostalgie. Er verbinde “sehr viele positive Gedanken” mit seiner Zeit in Österreich, sagt Koller. “Es waren sechs wunderschöne Jahre in Wien, mit dem Fußball, den Menschen und den Möglichkeiten, die wir da erleben und erfahren durften.”

2016 wurde die österreichische Mannschaft nach einer grandiosen Qualifikation (neun Siege, ein Remis) Gruppenvierter hinter Ungarn, Island und dem späteren Europameister Portugal.