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Koller: “Beim dritten Tor richtig gejubelt”

29.06.2021 • 22:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Marcel Koller war 2016 EM-Teamchef der Österreicher. 2021 drückt er der Schweiz die Daumen
Marcel Koller war 2016 EM-Teamchef der Österreicher. 2021 drückt er der Schweiz die Daumen GEPA

Marcel Koller kennt EM-Luft, er führte Österreich 2016 zur Endrunde.

Herr Koller, wie verfolgt man eigentlich als Trainer solch ein Spiel wie die unglaubliche Partie zwischen ihrem Heimatland Schweiz und Frankreich?
MARCEL KOLLER: Natürlich ein wenig anders, als normale Fans, denke ich. Man schaut taktisch zu, ist aber schon auch emotional dabei, wenn es ums eigene Land geht. Dementsprechend versucht man, das zu analysieren und sehen, was möglich ist. Ich hab mir das Spiel jedenfalls zu Hause angeschaut.

War der Aufstieg der Schweizer denn verdient?
Ich denke schon, die Schweiz hat ja gut gespielt, ist verdient in Führung gegangen. Dann gab es die Chance, mit dem Elfer das 2:0 zu erzielen. Dann ist das Spiel gekippt, die Franzosen gehen in Führung, machen 15 Minuten später das 3:1 durch Pogba. Und dann haben wir wohl alle gedacht, dass es schwierig wird.

Es wurde aber ziemlich gut…
Ja, der Trainer hat auch die richtigen Einwechslungen vorgenommen. Gut, wenn das positiv rauskommt, hat man immer alles richtig gemacht. Aber in dem Fall stimmt es: Einer der Wechselspieler gibt die Flanke zum 2:3, der andere schießt das dritte Tor. Und dann kam die Verlängerung.

Und der ruhige Marcel Koller hat beim dritten Tor …
Da habe ich schon auch richtig gejubelt, klar! Ich habe ja selbst in der Nationalmannschaft gespielt. Und damit, dass das gelingt, hätte keiner mehr gerechnet. Damit, dass das überhaupt möglich ist, wenn du gegen den Weltmeister spielst. Die sind so erfahren, die spielen das normal runter. Und dann kam die Verlängerung, es war ein Riesending, dass man das miterleben konnte, bis hin zum Elferschießen, in dem die Schweizer abgezockter waren und Yann Sommer mit starken Paraden agiert hat.

Ist die ganze Schweiz jetzt endgültig “Nati”-Fan?
Ja klar. Und: Von der eigenen Nationalmannschaft ist man immer Fan, oder? Aber es ist natürlich so: Man jubelt, man freut sich, wenn so was gelingt. Und bisher war irgendwie im Achtelfinale immer Schluss. Man hat immer gehofft, dass sie weiterkommen – und jetzt haben sie es erreicht. Und da schaut man dann natürlich, was taktisch neu und anders war, was die Ideen des Trainers waren.

Und? Was war anders?
Der ganze Auftritt war anders als in den Spielen davor, auch anders als der gegen Italien etwa: sehr konzentriert, fokussiert, alle haben sehr gut zusammengearbeitet, sie haben intensiv und gut verteidigt, auch gut gespielt. Man hat die Franzosen in Schwierigkeiten gebracht, zusätzlich zu den Toren. Das war eine sehr bewusste, gute Leistung.

Wieder ist ein Favorit nach Führung ins Wanken geraden bzw. sogar ausgeschieden. Ist das eine Besonderheit dieser Euro?
Irgendwie schon, die Kroaten haben gegen Spanien in der 94. Minute das 3:3 gemacht, die Schweiz hat es ja schon in der 90. Minute geschafft. Gelingt das nicht, ist alles anders und wie immer.

Woran liegt das Wanken der Großen?
Vielleicht haben sich ein paar nach dem verschossenen Elfer der Schweizer und den Toren, dem plötzlichen 3:1 für Frankreich gedacht: Die haben wir am Schnürsenkel. Da kommt dann dieses Nachlassen, nur ein bisschen. Wenn dann zwei, drei das Gefühl haben, dass das eine g’mahte Wies’n wäre, dann kann so etwas passieren.

Und doch haben wir hier den Eindruck, dass speziell der deutschsprachige Teil der Schweiz nicht richtig warm wird mit der Nationalelf. Da stehen andere Dinge im Vordergrund: Warum singen sie nicht bei der Hymne? Warum lassen sie einen Friseur einfliegen? Erwacht mit dem Erfolg die Liebe zum Team?
Die Geschichte, die Sie erwähnen, wurden von dem einen oder anderen kolportiert. Aber das kann man sicher nicht auf alle Schweizer ausbreiten. Und, bitte: Auch Paul Pogba hatte ja eine spezielle Frisur, da glaube ich aber nicht, dass in Frankreich so ein Theater gemacht wurde. Aber, wer weiß: Vielleicht hat diese Kritik die Spieler angestachelt. Vielleicht hatte man in der Mannschaft das Gefühl: Jetzt zeigen wir es Ihnen, was wir können!

Und doch bleiben die Stars der Mannschaft sogenannte “Secondos”, die sich nicht ganz der Schweiz verschreiben. Das stört viele, oder?
Ich finde, die Lösung, wie sie vor dem Frankreich-Spiel praktiziert wurde (die meisten Spieler sangen nicht, legten sich aber die Hand aufs Herz, Anm.) ist praktikabel. Nicht alle Spieler aus jedem Land singen bei der Hymne mit, die Spanier haben gar keinen Text. Und trotzdem sind alle leidenschaftlich. So ganz einfach ist das ja auch nicht: Der Vater kann aus einem Land kommen, oder auch beide Eltern sind aus dem Ausland, die Spieler sind hier geboren. Da ist es immer schwierig, welche Hymne man laut singt oder nicht. Aber sie haben mit der Aktion gezeigt: O.k., wir zeigen euch, dass wir mit dem Herz dabei sind.

Was ist jetzt möglich für die Schweiz? Wer den Weltmeister schlägt, darf höher träumen, oder?
Träumen darf man sicher – und möglich ist im Fußball alles. Diese Mannschaft hat jedenfalls fußballerisch Potenzial. Wenn jeder für den anderen rennt. Und wenn das der Fall ist – lassen wir uns überraschen.

Und wenn der Erfolgszug weitergeht: Gibt es dann auch Autokorsos und Hupkonzerte in der Schweiz? Jubelt Zürich und Bern dann auch kollektiv?
Ich denke schon, das hat es ja vor Corona auch schon gegeben.

Und Marcel Koller ist mittendrin?
Nein, das denke ich nicht. Ich fahre nicht mit dem Auto und hab’ Schweizer Fähnchen, die im Wind wehen. Aber, noch einmal: Ich war auch in der Nationalmannschaft, habe selbst für die Schweiz gespielt. Ich lebe schon mit.

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