Sport

„Da bekomme ich Gänsehaut“

30.08.2021 • 18:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Markus Burger (großes Bild) freut sich über die Neuzugänge. <span class="copyright">stiplovsek</span>
Markus Burger (großes Bild) freut sich über die Neuzugänge. stiplovsek

Bregenz-Trainer Markus Burger über Spielidee, Neuzugänge und Ziele.

Am Samstag startet für Bregenz Handball endlich die Saison mit dem Kracher gegen West Wien. Kribbelt es bei Ihnen schon?
Markus Burger:
Auf alle Fälle. Wir müssen uns gut vorbereiten, denn West Wien ist mit ihrer Deckung ein unangenehmer Gegner. Man muss gleich von Anfang an auf hohem Niveau spielen. Aber wir haben gute Mittel und wir wissen, was zu tun ist. Ich hoffe, dass wir noch eine gute Vorbereitungswoche haben.

Mit Mikhail Vinogradov und Matic Kotar gibt es zwei neue Gesichter bei Bregenz. Wie hat die Integration der Neulinge bisher funktioniert?
Burger:
Gerade wenn jemand aus Russland, aus einer Millionenstadt wie Moskau in das kleine Bregenz kommt, ist es eine riesige Herausforderung. Wahrscheinlich denkt er sich selber, wie bin ich hierhergekommen? Er braucht einfach die Situation, dass er die Sprache lernt. Mit Kotar haben wir einen, der ihm dabei helfen kann, dass er performt, sich in Szene setzt, dass er liefern kann. Bei der Integration ist wichtig, dass sie sich wohl fühlen, und da war das Trainingslager entscheidend. Weil man in den vier Tagen sehr schnell zusammengewachsen ist. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass man so Spieler so schnell wie möglich in die Hackordnung hineinbekommt. Bis jetzt macht es in jedem Fall enorm viel Spaß.

Matic Kotar (Mitte) ist einer der Neuen bei Bregenz HB. <span class="copyright">stiplovsek</span>
Matic Kotar (Mitte) ist einer der Neuen bei Bregenz HB. stiplovsek

Mit Marian Klopcic gibt es zudem einen Rückkehrer. Wie schwierig ist es, wieder in den Handball zu finden, nach einem Jahr Pause?
Burger:
Ich glaube, für ihn ist es eine unglaublich schöne Situation. Er liebt den Sport, das merkt man. Dass Björn Tyrner (Geschäftsführer Anm.) ihn gefragt hat, ist ein großes Glück. Ich glaube, er ist nicht mehr der, der er war, als er gegangen ist, weil er gemerkt hat, was ihm wirklich gefehlt hat. Er ist ein reiferer Mensch. Klar braucht er noch Sicherheit, aber seine Einstellung und sein Feuer tun der Mannschaft gut.

Jetzt könnte man sagen, dass nach zwei Jahren Verletzungspause Ante Esegovic wie ein Neuzugang zu sehen ist. Was trauen Sie ihm nach dieser schwierigen Phase zu?
Burger:
Ich glaube, es wird ihm etwas Druck wegnehmen, dass er sich entschieden hat, auf zwei Beinen zu stehen, was seine berufliche Situation angeht, und er Polizist werden will. Weil er weiß, er hat auch etwas anderes. Vielleicht verleiht ihm das auch Leichtigkeit. Als er nach der Pause zurückkam, hat er durchtrainiert ausgesehen. Die Polizeischule tut ihm gut, weil auch seine Persönlichkeit wächst. Er ist nicht mehr der Hitzkopf. Ich freue mich extrem, dass er gesagt hat, er will es noch mal probieren. Wir wünschen uns alle, dass diese vier Typen der Mannschaft Impulse geben.

Bringen Sie genügend Qualität mit, um die Abgänge von Nico Schnabl, Josip Juric-Grgic und Povilas Babarskas zu ersetzen?
Burger:
Man muss zuerst jedem die Chance geben, und dann müssen sie beweisen, dass sie die Erwartungen erfüllen können. Wir brauchten Veränderungen, das ist ganz klar. Man muss auch erkennen, warum es nicht so lief. Und da muss man sagen, in gewissen Spielen hatten wir Situationen, wo wir Fehler machten. Jetzt versuchen wir, an diesen Stellschrauben, lass es einen anderen Spieler, ein anderer Spielstil sein, zu drehen. Dann hat man die Möglichkeiten, nicht in dieser veralteten Struktur zu sein, sondern etwas Neues zu machen. Da will ich aber noch nicht über die Neuen reden. Man erhofft sich, dass sie diese Erwartungen erfüllen. Wenn das passiert, dann haben wir alle gewonnen.

Burger schwebt eine klare Spielidee vor. Er möchte weg vom Mechanischen. <span class="copyright">stiplovsek</span>
Burger schwebt eine klare Spielidee vor. Er möchte weg vom Mechanischen. stiplovsek

Und wie soll diese neue Spiel­idee, der neue Spielstil aussehen?
Burger:
Die Spielphilosophie, die ich im Kopfe habe, ist ganz klar: weg von dem Mechanischen. Ein Beispiel: Man hat zwei Verteidiger, und dazwischen stellt man den Kreisläufer. Jedes Mal, wenn man jetzt ein Zwei-gegen-zwei spielt, muss man überzeugt sein, dass keiner weiß, auf welche Seite man geht und ob man werfen kann oder nicht. Bei uns war es einfach zu wissen, der will den Kreisläufer anspielen. Beim Kotar gibt es drei Optionen, die er hat. Er geht einen Schritt, der Verteidiger bleibt stehen, dann wirft er. Geht der Verteidiger mit, spielt er den Kreisläufer an. Dritte Situation: die beiden Verteidiger beiben eng, dann bricht er durch. Durch solche Leute sind jetzt Sachen möglich, die man davor nicht gekannt hat. Und bei Vinogradov wird man sehen, der kann im Eins-gegen-eins in beide Richtungen gehen, und nicht wie Josip Juric-Grgic, der nur eine Seite hatte.

Also mehr Varianten hineinbringen, mehr Vielfalt.
Burger:
Wir sind breiter aufgestellt. Wer hat überhaupt aus der zweiten Reihe Tore gemacht? Das sollte jetzt einfach anders sein.

Burger erklärt seinen Spielern, was er sehen möchte. <span class="copyright">stiplovsek</span>
Burger erklärt seinen Spielern, was er sehen möchte. stiplovsek

Wie zufrieden sind Sie denn mit dem bisherigen Verlauf der Vorbereitung?
Burger:
Das Traurige ist natürlich, wenn man in der Vorbereitung nicht Sechs-gegen-sechs trainieren kann. Wir haben Vier-gegen-vier, oder Fünf-gegen-fünf trainiert. Jetzt muss man aber das Beste daraus machen. Jetzt haben wir noch eine ganze Woche, da können wir uns vorbereiten und alles geben. Ein bisschen ist es so, dass man noch nicht genau weiß, wo man steht.

Von Vorstandssprecher Gregor Günther wurde bereits das Ziel Halbfinale artikuliert. Ist dies auch in Ihrem Sinne?
Burger:
Wir sind jetzt im Viertelfinale zweimal knapp gescheitert. Da muss man einfach sagen, dass das nicht der Anspruch ist, den ich habe. Ich möchte auch diese Ziele erreichen. Nur weil ich jahrelang Erfolg auf der andere Seite der Bregenzerache (bei HC Hard, Anm.) hatte, heißt das noch lange nicht, dass man hier auch Erfolg hat. Dafür braucht es vieles, das zusammenkommt. Eines der wichtigsten Dinge ist, dass wir miteinander arbeiten. Und als Trainer so wahrgenommen wird, dass man auch die Möglichkeit hat, sich einzubringen und die Mannschaft so zu verändern, wie man es selbst möchte.

Sie sind also positiv gestimmt, dass sich Bregenz wieder nach oben orientieren wird?
Burger:
Auch wenn es am Anfang holprig ist, weiß man, wir haben die Veränderungen gemeinsam vorgenommen und wollen, dass die Mannschaft als Team zusammenwächst und sich von Woche zu Woche steigert. Dafür trainieren wir jeden Tag.

Öffentliches Training und Pressekonferenz stand bei Bregenz HB auf dem Programm. <span class="copyright">stiplovsek</span>
Öffentliches Training und Pressekonferenz stand bei Bregenz HB auf dem Programm. stiplovsek

Diese Saison sollte hoffentlich auch wieder vor Fans ausgespielt werden können. Wie groß ist bei Ihnen die Freude, dass wieder ­Unterstützer in die Halle kommen?
Burger:
Ohne Fans ist es nicht dasselbe, manchmal hat es ­Trainingsspielcharakter. Aber das, was Handball ausmacht, ist ja, dass wir mit diesen Emotionen leben. Dass wir in 60 Minuten einfach Vollgas marschieren und jeden Zweikampf annehmen. Dann spürt das der Fan. Es wäre schön, wenn ein paar Hundert Leute dasitzen würden, geschweige den ein paar Tausend. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal vor so vielen ­Leuten gespielt habe. Wahnsinn! Da bekomme ich Gänsehaut, allein wenn ich daran denke, dass Fans wieder in der Halle sein ­dürfen. Aber wir müssen uns dieses Kommen auch redlich verdienen und ehrliche Arbeit abliefern.

Abschließende Frage: Die Liga wurde auf zwölf Teams aufgestockt. Wie sehen Sie diese Änderung?
Burger:
Für mich ist es wichtig, dass die Handballkarte größer wird. Ich glaube, in diesen Regionen löst es etwas aus. Wenn die Erwartungen erfüllt werden, dass viele Leute in die Halle kommen und der Modus es erlaubt, dass die Leute merken, jeder Punkt ist wichtig. Nicht dass man sagt, es fängt erst mit der Bonusrunde an. Allein das ist es wert zu sagen: endlich ein neuer Modus.

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