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Mit einem Schrei die Emotionen rausgelassen

20.11.2021 • 23:17 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Mit einem Schrei die Emotionen rausgelassen
Christian Hirschbühl ließ seinen Emotionen im Ziel freien Lauf. GEPA

Christian Hirschbühl lässt seinen Weltcupsieg beim Heimrennen vor einer Woche nochmals Revue passieren.

Wie geht es Ihren Wangen? Haben Sie die am Montag nach dem Rennen noch gespürt?
Christian Hirschbühl: Sie meinen vom Lachen oder Grinsen? (lacht) Davon habe ich nichts gespürt. Aber ich habe im Nachhinein die Bilder und die finalen Läufe angesehen. Und als ich mir da zugeschaut habe, bin ich wieder nervös geworden und habe Gänsehaut bekommen. Irgendetwas hat es mit mir gemacht.

Dabei haben Sie den Ausgang gekannt. Während der Läufe haben Sie allerdings wohl keine Gänsehaut verspürt. Schließlich haben Sie vier Mal einen Rückstand im zweiten Lauf aufgeholt. Macht Ihnen Druck gar nichts aus?
Hirschbühl: Es ist nicht jeden Tag gleich. Aber an diesem Abend habe ich im Nachhinein gesehen das richtige Konzept gefunden. Obwohl ich hinten war, habe ich mich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Ich wusste, dass ich mich auf mich selbst konzentrieren sollte, um die Stärken, die ich habe, im roten Lauf ausspielen zu können. Bei den ersten beiden Heats gegen Zan Kranjec und Trevor Philp habe ich mir gedacht, zweieinhalb Zehntel, die kann man holen.

Sie haben dann aber sogar im Halbfinale und Finale jeweils fünf Zehntel aufgeholt.
Hirschbühl: Nach dem ersten Lauf gegen Henrik Kristoffersen habe ich mir schon gedacht, das ist eine Nummer. Wenn er sein Ding macht, wird es kaum gehen. Aber vielleicht kann ich zumindest den Rückstand verringern. In dem Moment hat es voll funktioniert, weil ich da die Laufbestzeit gefahren bin. Und die habe ich auch gebraucht. Das hat mir dann für das Finale gezeigt, dass auch, wenn ich eine halbe Sekunde hinten bin, es noch möglich ist. Ich habe es mir selber gezeigt, dass es möglich ist. Dass es dann gegen Dominik Raschner noch mal funktioniert, war eigentlich kitschig.

Mit einem Schrei die Emotionen rausgelassen
Hirschbühl gab alles beim Heimrennen. GEPA

Warum kitschig?
Hirschbühl: Solche Dinge stellt man sich oft vor, aber es ist bis jetzt selten passiert im Rennen. Jetzt ist es sogar zu Hause passiert, und das vor Zuschauern. Man hat sie gehört und gespürt. Vor dem Finallauf bin ich oben gestanden, und der Stadionsprecher wollte, glaube ich, das Publikum pushen. Ich meine gehört zu habe, dass er ein bisschen so getan hat, wer ist für Hirschbühl, wer für Raschner. Da habe ich gehört, dass es bei Hirschbühl lauter wurde. Jetzt beim Zusehen bekomme ich Gänsehaut, wenn ich sehe, wie ich durch das Ziel fahre. Die Emotionen danach, das war wohl ein Schrei, eine Befreiung. Der Moment wird sicher speziell bleiben.

War das auch das Erste, was Sie gemacht haben, als sie die Eins leuchten gesehen haben und es Grün aufgeschienen ist?
Hirschbühl: Die Eins habe ich nicht gesehen, ich habe nur Grün gesehen. Es war so: Raschner habe ich immer vor mir gesehen. Immer so im Augenwinkel war er vor mir. Ich kann mich erinnern, wie mein Physio am Start stand und wir gequatscht haben. Er hat zu mir gesagt: Hirschi, jetzt schauen wir, dass wir bis in die Fläche auf der gleichen Höhe sind, und dann ziehen wir weg. Und es war echt so. In der Fläche habe ich ihn neben mir gesehen, da wusste ich, wir sind gleichauf. Ich wusste, ich muss beim letzten Übergang das Limit suchen.

Was war dann der erste Gedanke, die erste Gefühlsregung, als Sie auf der Anzeigetafel gesehen haben, dass Sie gewonnen haben?
Hirschbühl: Das Erste, was ich lasse, ist ein Schrei. Ich weiß nicht, wie man das beschreiben kann. Es ist Erleichterung, Freude, Ballast weg. Ich glaube, in dem Moment, wo man sieht, dass man vorne ist, nicht viele Gedanken durch den Kopf gehen. Da wird man einfach von den Emotionen geleitet. Für mich war es in dem Moment so, dass ich die Energie in Form eines Schreis rausgelassen habe. Und das nicht nur einmal.

Mit einem Schrei die Emotionen rausgelassen
Hirschbühl (l.) feiert mit Dominik Raschner (2. Platz), Atle Lie McGrath (NOR/3. Platz). APA

Sie haben alle Rückstände im zweiten Lauf auf dem roten Kurs wettgemacht. Was ist Ihre Begründung dafür?
Hirschbühl: Ich wusste nur, dass ich auf Rot die Chance nutzen muss und in die Fläche hinein attackieren und Risiko nehmen muss. Ich bin wirklich jedes Mal ans Limit gegangen bei der Ausfahrt, und es ist mir aufgegangen. Wer nicht riskiert, gewinnt nicht. Und an dem Tag habe ich mich getraut und dann alles gewonnen.

Ohne Zweifel ist dies nun der größte Triumph Ihrer bisherigen Karriere.
Hirschbühl: Klar. Wenn man diesen Sport ausübt, träumt man immer davon, ganz oben zu stehen. Ich weiß nicht, ob es mir schon ganz bewusst ist. Ich wusste immer, dass Christian Greber der letzte Vorarlberger Sieger war. Aber dass es schon 20 Jahre her ist, hätte ich mir nicht gedacht. Ich habe gemeint es sind 12 oder 13 Jahre.

Wir haben am Tag vor dem Rennen bei einem Medientermin noch geredet. Da wirkten Sie entspannt und gelassen. Wie hat es am Renntag in Ihnen ausgesehen?
Hirschbühl: Mittlerweile kann ich sagen, dass ich es schaffe, dass ich zeitnah davor noch recht ruhig sein kann. Oder gelassen, wie Sie es sagen. Gelassen ist gut, aber wenn es ernst wird, muss man schauen, dass man die Spannung hinkriegt. Ich muss dazu sagen, dass ich mich beim ersten Qualilauf selbst überrascht habe, weil ich nicht gedacht habe, dass ich so gut performen kann. Nach der Quali habe ich mir gesagt, lass dir wenigstens die Chance offen, dass was gehen kann. In dem Bewerb kann vieles passieren. Am Mittag habe ich noch mit Michael Matt gescherzt. Er meinte, so ein Arbeitstag kann schnell vorbei sein. Da habe ich gesagt: Kann schon sein, aber er kann auch länger gehen. Ich bin froh, dass ich Recht hatte.

Während der Fahrten sind Sie voll fokussiert. Haben Sie da den Jubel der Zuseher mitbekommen?
Hirschbühl: Ich bekomme es am Start mit, definitiv. Da habe ich die Leute unten gehört, das nimmt man wahr. Aber während der Fahrt ist es nicht so aufgefallen, da habe ich mich fokussiert. Klar hört man, dass der Lärmpegel höher ist. Nach der Zieldurchfahrt, als ich die Leute gehört habe, das ist schon ein Gänsehaut-Feeling. Es geht schon ein brutaler Ruck durch einen Körper durch, wenn man durch das Ziel kommt, es mitkriegt und die Emotionen teilen kann. Das ist geil!

Mit einem Schrei die Emotionen rausgelassen
Hirschbühl mit dem Siegerpokal. APA

Was passiert nun mit dem Pokal?
Hirschbühl: Momentan steht er im Wohnzimmer, neben dem Fernseher. Es ist ein großes Teil und eine coole Trophäe, das muss ich schon sagen. Ich muss mir aber noch überlegen, wo es einen Platz bekommt, damit ich es öfter sehe. Ich habe noch nicht wirklich große Trophäen gesammelt, aber ich hätte nichts dagegen, wenn die Sammlung größer wird. Man weiß aber nie, wie oft man das erleben darf, von dem her schätze ich es, dass zumindest diese Trophäe hier steht.