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Veni, vidi, Izzi

10.12.2021 • 23:14 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Der entscheidende Moment: Alessandro Hämmerle geht am gestürzten Martin Noerl vorbei. <span class="copyright">NEUE</span>
Der entscheidende Moment: Alessandro Hämmerle geht am gestürzten Martin Noerl vorbei. NEUE

Alessandro „Izzi“ Hämmerle hat Heimrennen am Hochjoch gewonnen.

Nach dem Zieleinlauf im großen Finale herrschte erst Konfusion. Eigentlich schien mit freiem Auge sichtbar, dass Alessandro „Izzi“ Hämmerle den Bruchteil einer Sekunde vor Nick Baumgartner die Ziellinie überquert hatte und damit der Sieger war. Doch weil sein amerikanischer Kontrahent und dessen Trainer im Ziel so frenetisch jubelten, stockte allen, die es mit dem Montafoner hielten, kurz der Atem. Auch Hämmerle selbst. „Ich war mir im ersten Moment eigentlich sicher, dass ich gewonnen habe. Aber als ich Nick so ausgelassen feiern sah, bin ich ins Zweifeln gekommen“, lässt der SBX-Superstar wissen. Die Sekunden verrannen, ohne, dass das Zielfoto eingeblendet wurde. „Das war eine unangenehme Situation“, gesteht Hämmerle. Dann, um 14.21 Uhr, lange 90 Sekunden nach der Zieleinfahrt, verschaffte das Zielfoto endlich Klarheit: Der erste Eindruck hatte nicht getäuscht, „Izzi“ war um eine Brettspitze vorn und hatte somit seinen dritten Montafon-Sieg erobert. Unter den Helfern im Ziel brandete großer Jubel auf, jetzt konnte auch Hämmerle seine Anspannung loslassen. Der Teufelskerl hatte es wieder geschafft. Er hatte die Erwartungen erfüllt. Die der Medien, Sponsoren, Veranstalter – und vor allem auch seine eigenen Erwartungen. Denn der Mann denkt nicht mehr in zweiten Plätzen. Champions wie ihn interessiert eben nur mehr der Sieg.

Bockendes Brett

Ja, nur noch Superlative reichen aus, um den dreifachen SBX-Weltcupsieger gebührend zu beschreiben und zu feiern. Der 28-jährige Montafoner ist der Superstar seines Sports, er ist zur Snowboardcross-Ikone aufgestiegen. Wie Hämmerle gestern seinen bereits 14. Weltcup-Sieg holte, ist schlicht und ergreifend sagenhaft. Den Mann scheint nämlich nichts mehr aus der Ruhe zu bringen – und das, obwohl das gestrige Rennen durchaus einige Schrecksekunden für ihn bereithielt.
Zwei Mal bockte sein Brett in der vierten Kurve, erst im Viertelfinale, dann im Halbfinale. Beide Male verlor „Izzi“ Tempo, beide Male rückten ihm daraufhin seine Verfolger nahe. Doch Hämmerle blieb immer Herr der Situation. „Die vierte Kurve hat mir etwas den Schneid abgekauft“, analysiert Hämmerle ebenso trocken wie schonungslos. Auslöser dafür war, dass er zuvor im Training in jener vierten Kurve einen Schlag abbekommen hatte; und dem Schlag wollte er im Rennen ausweichen, wie der Weltcup-Führende weiter erklärt: „Ich habe von Lauf zu Lauf rumprobiert.“

Der König des Montafons: Alessandro Hämmerle <span class="copyright">Gepa/Lerch</span><span class="copyright"></span>
Der König des Montafons: Alessandro Hämmerle Gepa/Lerch

Perfekter Start

Das Finale begann mit einer Überraschung. Der Quali-Schnellste Omar Visintin offenbarte im ersten Achtelfinale große Probleme am Start, der Südtiroler lag zunächst nur auf Rang drei, holte sich dann aber doch noch den Laufsieg. Souverän sah das allerdings nicht aus. Im zweiten Achtelfinal-Heat folgte die nächste Erkenntnis: Der Material-Vorteil der Kanadier, die in der Qualifikation drei Boarder in die Top 10 gebracht hatten, war dahin – mit Kevin Hill scheiterte nämlich ein Podiumskandidat der Ahornblätter schon im Achtelfinale. Bevor im vierten Heat erstmals Izzi Hämmerle ins Renngeschehen eingriff, holte sich der Wahl-Vorarlberger Julian Lüftner den Laufsieg im dritten Heat.
Dann war es Zeit für die erste Hämmerle-Show. Schon im Achtelfinale ging er Seite an Seite mit Baumgartner auf die Strecke. Hämmerle erwischte den Start perfekt, setzte sich noch auf der Startgeraden ab und kontrollierte von der Spitze aus das Feld. So, wie es nach dem Gusto des Gaschurners ist. Über den kurzen Zielhang fuhr der 28-Jährige fast aufrecht, so viel Selbstvertrauen hat „Izzi“ mittlerweile. Im letzten Achtelfinale erwischte es mit Eliot Grondin den nächsten Kanadier: der Qualifikations-Zweite wurde in seinem Heat nur Vierter.
Im ersten Viertelfinallauf kam es dann ganz bitter für Mitfavorit Visintin. Der Sieger des Jahres 2012 erwischte den Start abermals schlecht und lag am Ende des Feldes. Visintin erhöhte das Risiko, fuhr auf Platz drei vor, bis er bei einem Sturz auf den Hinterkopf fiel. Damit war das Rennen vorbei für ihn, nach einer ersten Versorgung direkt an der Strecke war der Südtiroler aber wieder auf den Beinen.

Videostudium

Es folgte die erste Schrecksekunde für Hämmerle, als er eben als klar Führender in der vierten Kurve den Schwung abstach. Wohl nicht wenige wären in dieser Situation gestürzt, kaum einer hätte danach noch Chancen auf den Halbfinaleinzug gehabt; und nur ein Hämmerle schafft es, nach so einem Fehler den Lauf trotzdem noch zu gewinnen. Zum Leidwesen von Lüftner, für den im Viertelfinale Endstadion war. Im unteren Raster-Ast zeigte sich spätestens im Viertelfinale, dass Martin Nörl ein ganz schnelles Brett unter den Füßen hatte, der Deutsche holte sich souverän den Laufsieg, der Niederösterreicher Jakob Dusek schied dagegen aus.
In Hämmerles Halbfinallauf wiederholten sich so ein bisschen die Ereignisse. „Izzi“ traf den Start ausgezeichnet, er setzte sich rasch ab. Bei der Zwischenzeit lag er schon über eine halbe Sekunde in Führung, bis Hämmerle in der vierten Kurve wieder zu viel Respekt zeigte. Dieses Mal verlor er nicht ganz so viel Schwung wie im Viertelfinale, doch der 28-Jährige ließ auch dieses Mal den Laufsieg deutlich einfacher aussehen als er nach diesem Malheur war. Für Hämmerle war klar, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. „Ich hatte danach Funkverkehr mit den Trainern, die haben mir zwar gesagt, wie ich es besser fahren kann, aber ich wollte mir die Kurve selbst anschauen. Sie haben die Aufnahmen unserem Betreuerteam am Start geschickt, nach dem Videostudium wusste ich, dass ich mit mehr Risiko fahren muss und es dieses Risiko auch verträgt.“

Andere Linie

Diese Erkenntnis war der Schlüssel zum Sieg in einem großen Finale, das an Dramatik kaum zu überbieten war. Hämmerle erwischt den Start gut, doch Nörl bestätigt seinen bisherigen Eindruck und kommt noch besser aus dem Gate. Knapp hinter dem Deutschen trifft Hämmerle am Ende der Startgeraden ein Element nicht ideal, bei der Zwischenzeit hat Nörl sieben Hundertstel Vorsprung. Doch „Izzi“ macht Druck auf Nörl, nach der dritten Kurve ist sich der Montafoner sicher, dass er am Führenden vorbeikommt.
Es folgt Kurve vier, in der Nörl, getrieben von Hämmerle, just die Linie wählt, die über den Schlag führt. Nörl stürzt – und weil „Izzi“ dieses Mal viel weiter innen die Kurve anfährt, kommt er am Deutschen vorbei. „Als ich ihn stürzen sah, sagte ich mir: Jetzt drück drauf!“ Der Montafoner kommt tatsächlich an Nörl vorbei, somit bewahrheitet sich wie angekündigt, dass auf diesem Kurs die Entscheidung zwischen der dritten und vierten Kurve fällt.
Im Ziel angekommen muss Hämmerle dann zwar noch bangen, doch nach der ersten Aufregung, noch bevor das Zielfoto auf der Videoleinwand eingeblendet wird, sagt Baumgartner zum Lokalmatadoren: „Du hast gewonnen!“ Dann, um 14.21 Uhr, folgte die finale Auflösung. Hämmerle hatte es wieder geschafft. Was für ein Teufelskerl. Heute ab 11 Uhr ist Izzi auch beim Teambewerb dabei.

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