Sport

Olympia bleibt das Ziel

03.01.2022 • 22:01 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Nina Ortlieb kurz vor ihrem Sturz im Jänner 2021 in Crans Montana.<span class="copyright"> Gepa</span>
Nina Ortlieb kurz vor ihrem Sturz im Jänner 2021 in Crans Montana. Gepa

Nina Ortlieb kämpft sich von ihrer ­schweren Verletzung zurück und bestritt zuletzt die ersten Schneetage.

Endlich ist sie zurück. Zumindest einmal auf dem weißen Untergrund. Erst vor rund eineinhalb Wochen setzte Nina Ortlieb ihre ersten Schwünge in dieser Saison vor der eigenen Haustür in den Schnee. Für diesen Moment musste die Lecherin ziemlich genau elf Monate ausharren. Im Jänner des vergangenen Jahres kam die 25-Jährige beim Abfahrtstraining in Crans-Montana bei der Landung nach einem Sprung zu Sturz. Die fatalen Folgen zeigten sich bei der Untersuchung im Krankenhaus und ergaben einen vorderen Kreuzband-, Innenband-, Außenmeniskus- und Patellasehnenriss.

Optimistischer Zeitplan

Doch die Arlbergerin ist eine Kämpferin, eine Optimistin. Schnell ging der Blick wieder nach vorne, nahm sie die eigene Rückkehr in den Fokus. Bereits im Interview mit der NEUE eineinhalb Wochen nach dem Rückschlag war die neue Saison im Kopf verankert. Wie sich nun allerdings gezeigt hat, konnte der eigene Zeitplan nicht eingehalten werden. „Ich habe es mir sehr optimistisch vorgestellt. Zum Zeitpunkt meiner Verletzung habe ich gemeint, dass ich im Sommer oder September wieder Ski fahren werde. Die Trainer und Ärzte meinten gleich, dass es vor Oktober oder November zu früh sein wird“, erklärt die Speed-Dame. Nun wurde es Dezember, bis eine erste Rückkehr auf die zwei Bretter möglich wurde.
Als Grund führt die Athletin Schwierigkeiten bei der Muskelansteuerung an, wobei die genaue Ursache unbekannt bleibt. Denn die Entwicklung stimmte eigentlich. Erst eine Muskelstrommessung förderte eine zu geringe Aktivität in den entsprechenden Muskelpartien zu Tage. „Ich bin in vielen Bereichen besser geworden, aber da nicht. Und das ist wirklich wichtig, damit das Knie von allen Seiten gut stabilisiert wird“, beschreibt es die Wintersportlerin, sieht aber im Gegenzug auch positive Aspekte der Verzögerung: „Wenn es dafür langfristig gut ist, geht es so auch in Ordnung. Ich kann mir nicht viel vorwerfen, ich habe alles probiert.“
Für weitere Stabilität im Beingelenk soll eine Knieorthese sorgen. Mit einer solchen Unterstützung machte die Lecherin bereits vor sieben Jahren, nach einer ähnlichen Verletzung, Bekanntschaft. Derzeit haben beispielsweise die Möggerin Ariane Rädler oder der Kanadier River Radamus diese Schiene im Einsatz.

Mit dem Helikopter wurde Ortlieb ins Spital geflogen. <span class="copyright">Gepa</span>
Mit dem Helikopter wurde Ortlieb ins Spital geflogen. Gepa

Perfekte Bedingungen

Die ersten Einheiten stimmen Ortlieb positiv. Von einer Reaktion im Knie war nichts zu spüren, allerdings wurden die ersten Ausfahrten zeitlich stark reglementiert. Erst nach und nach soll der Druck auf das Gelenk gesteigert werden. „Es war schon eine große Erleichterung, weil in den letzten Monaten viel Ungewissheit dabei war. Aber dann hatte ich perfekte Bedingungen, das war schon cool“, blickt sie auf die ersten Übungseinheiten auf Schnee zurück. Dabei geht auch ein großer Dank der Sportlerin an den Ski-Club Arlberg, der ihr im Nobelskiort einiges ermöglichte.
Nun soll auch das Datum für die Rückkehr immer näher rücken, wobei kein fester Termin angepeilt wird. Doch es bleibt das große Ziel, bei den Olympischen Spielen in Peking im Februar am Start zu stehen. Dazu wird zuvor zumindest ein Start im Weltcup für die Nominierung Pflicht sein. Die letzte Möglichkeit bietet sich Ende diesen Monats in Garmisch-Partenkirchen, wobei eine frühere Rückkehr, wie beispielsweise in Cortina d’Ampezzo, wünschenswert wäre. Denn gerade in den Speed-Disziplinen lässt sich das Training kaum auf Rennsituationen ummünzen. „Abfahrtstrainings kann man nur schwer simulieren. Da fehlen einfach die Möglichkeiten, wie die Piste zu sperren und Sicherheitsnetze. Es wäre schon wertvoll, wenn ich Rennkilometer sammeln kann“, erklärt die Vorarlbergerin.

Lange Geduld

Umso schwieriger ist deshalb die verspätete Rückkehr auf Schnee, presst sie den ohnehin schon engen Zeitplan doch noch einmal zusammen. Die Motivation und den Glauben an sich selbst hat die Arlbergerin dabei nie verloren. „Es ist gut zu wissen, dass es nicht mein letztes Rennjahr sein wird. Ich bin überzeugt, dass ich es in mir habe, und ich möchte auch wieder gewinnen und nicht um den 30. Platz mitfahren. Das ist der Anspruch, den ich habe. Darum kann man auch länger geduldig bleiben und investieren, damit man dann ganz vorne mitfahren kann“, führt Ortlieb aus.
Dieses Vorhaben gilt selbstredend auch für die größte sportliche Bühne. Denn während für Randnationen oftmals der olympische Gedanke „Dabei sein ist alles“ zählt, gibt es bei einem Antritt für die Arlbergerin nur eine Vorgabe. „Als Österreicherin geht es darum, dass man um die Medaillen mitfahren kann“, erklärt sie selbst und ergänzt zudem: „Bei Olympia dabei sein und 30. werden, bringt mir nicht viel.“
Die 25-Jährige hat sich allerdings auch mit dem Fall auseinandergesetzt, dass es doch nicht für die Spiele in China reichen sollte. Denn zusätzlich zur Rückkehr in den Weltcup muss auch die interne Qualifikation überstanden werden. „Dann muss man die Situation so annehmen, wie sie ist. Ich habe noch einige Jahre und auch noch Olympische Spiele vor mir. Es wäre leichter zu verkraften, als wenn es die letzte Chance wäre“, meint Ortlieb.

In Zürs war sie beim Heimweltcup als Zuschauerin dabei. <span class="copyright">Gepa</span>
In Zürs war sie beim Heimweltcup als Zuschauerin dabei. Gepa

Anspruchsvolle Strecke

Einen Vorteil erkennt sie bei einer Teilnahme in Peking in der Unbekanntheit der Strecke, die als steil und anspruchsvoll gilt. Denn der olympische Hang wurde bis dato nicht von Weltcupläuferinnen befahren und stellt damit für alle eine Neuheit dar. Ein Bonus könnte sich für Ortlieb darin ergeben, dass sie sich schnell an neue Begebenheiten anpassen kann. „Ich kann mich eher schnell anpassen, das hat sich in der Vergangeheit oft gezeigt. In La Thuile, bei meinem ersten Weltcupsieg, war das Wetter zuvor schlecht, und es hat keine Fahrt gegeben. Beim Rennen war es wirklich das erste Mal in meinem Leben, dass ich den Hang runtergefahren bin“, erzählt die Athletin.
Mitunter lässt sich ein ähnliches Kunststück wiederholen. In diesem Fall wäre Ortlieb wirklich wieder zurück, dann allerdings an der Spitze aller Sport­ehren.

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