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Da ist mir fast das Herz stehen geblieben

12.02.2022 • 23:46 Uhr / 17 Minuten Lesezeit
Ein gedankenversunkener Alessandro Hämmerle im Ziel nach seinem großen Sieg im Secret Garden. <span class="copyright">APA</span>
Ein gedankenversunkener Alessandro Hämmerle im Ziel nach seinem großen Sieg im Secret Garden. APA

SBX-Olympiasieger Alessandro „Izzi“ Hämmerle im ers­ten großen Interview nach seinem Gold-Rennen.

Olympiasieger Alessandro Hämmerle. Wie klingt das für Sie?
Alessandro Hämmerle (lacht): Sehr gut, aber noch sehr ungewohnt. Noch reagiere ich gar nicht so recht, wenn man mich Olympiasieger nennt, aber ich denke, das wird sich ändern. Wobei ich der Alessandro „Izzi“ Hämmerle bin und bleibe.

Der Zieleinlauf im großen Finale bei Ihrem Showdown gegen Éliot Grondin war knapp, aber eigentlich schien klar, dass Sie vorne waren. Überraschte es Sie, dass es eine Zielfoto-Auswertung gab?
Hämmerle: Sehr sogar, denn auf dem Brett hatte ich den Eindruck, dass es keinen Zweifel an meinem Sieg gab. Auf der Anzeigetafel stand, dass ich zwei Hundertstel Vorsprung habe, ich habe mich als Olympiasieger gefühlt und schon gefeiert. Plötzlich gab es ein Fotofinish und die Stimmung im Ziel ist völlig umgeschlagen.

Wie haben sich für Sie die Sekunden bis zur Veröffentlichung des Zielfotos angefühlt?
Hämmerle: Es war schrecklich! Ich habe mir immer wieder gedacht: Bitte nicht schon wieder, vor einem Jahr bei der WM hat mich ja Lucas Eguibar im Fotofinish geschlagen. Ich kann gar nicht beschreiben, was in mir vorgegangen ist, als ich auf das Zielfoto wartete. Ein paar Augenblicke zuvor dachte ich, dass ich den wohl größten Erfolg sicher habe, den es im Snowboardcross gibt, und jetzt war dieser Sieg plötzlich in Gefahr. Die Spannung war fast unerträglich.

Da ist mir fast das Herz stehen geblieben
Der Zieleinlauf, der bereits Vorarlberger Sportgeschichte ist: Hämmerle holt sich mit einer Brettspitze Vorsprung den SBX-Olympiasieg. AFP

Das Unfassbare ist ja, dass wenige Zentimeter vor der Ziellinie tatsächlich kurzzeitig Grondin das Brett vorne hatte.
Hämmerle: Der Zieleinlauf wurde auf der Videoleinwand einge­spielt. Mein erster Gedanke während der ersten Sequenzen war: das war ja knapper als gedacht. Dann kam dieser eine Moment, in dem Grondin vorne war – da ist mir fast das Herz stehen geblieben. Denn in diesem Moment sah es wirklich so aus, als wäre ich noch abgefangen worden. Ich kann mir den Zieleinlauf immer noch nicht entspannt anschauen, weil ich jedes Mal Angst habe, dass es doch noch anders ausgehen könnte. Wirklich, ich will mir den Zieleinlauf im Moment gar nicht anschauen.

Nach dem ersten Trubel haben Sie sich im Ziel auf den Boden gesetzt und lehnten gedankenversunken an einer Bande.
Hämmerle: Ich brauchte einen Moment für mich. Ich habe in diesem Augenblick alles um mich herum vergessen und versuchte, das alles einzuordnen, was gerade passiert war. Aber das wird noch länger dauern.

Konnten Sie danach Ihre Goldmedaille feiern?
Hämmerle: Ja, im sehr kleinen Kreis im Hotel. Stiegl gehört zu den ÖOC-Partnern und für solche Momente gab es ein Bierfass, das angezapft wurde. Ich werde diesen Tag und diesen Abend nie vergessen.

Da ist mir fast das Herz stehen geblieben
Hämmerle ist am Ziel seiner Träume angekommen. Er hat Gold. GEPA

Konnten Sie danach schlafen?
Hämmerle: Ich bin um zwei Uhr ins Bett, weil ich mich erholen wollte. Aber ich war viel zu aufgewühlt, um zu schlafen. Irgendwann bin ich dann doch eingeschlafen, um 6.30 Uhr bin ich aber schon wieder wach­geworden. Hinter mir lag einfach ein sehr intensiver und ereignisreicher Tag.

So prächtig das Rennen ausging, es gab auch kritische Momente. Im Achtelfinale lief ihr Brett überhaupt nicht, Sie sind dann auf ein anderes Brett umgestiegen. Wie lief diese Entscheidung ab?
Hämmerle: Da sieht man wieder mal, wie lange Sie schon dabei sind. Sie haben das völlig richtig beobachtet. Ich bin nach dem Achtelfinale zum Serviceteam und sagte, dass wir was ändern müssen. Ich konnte mich im Achtelfinale nicht absetzen, Mick Dierdorff hat mich ständig unter Druck gesetzt und ist dann letztendlich auch an mir vorbei, weil ich die vorletzte Kurve nicht gut erwischt habe. Ich bin also zum Serviceteam und habe genau geschildert, wie es sich beim Fahren anfühlt. Dann haben wir uns ein Herz gefasst, waren mutig und sind auf das andere Brett umgestiegen; das Serviceteam hat dann auch noch die richtige Entscheidung bei der Behandlung des Bretts getroffen.

Was war das Problem mit dem ersten Brett?
Hämmerle: Es war eigentlich viel wärmer als in den Tagen davor, aber als die Sonne weg war, gab es einen großen Temperatursturz und dadurch lief das Brett im Achtelfinale nicht mehr.

Im Viertelfinale trafen Sie auf den aktuellen Weltcup-Führenden Martin Nörl, den aktuellen Weltmeister Lucas Eguibar und mit Mick Dierdorff auf den Weltmeister von 2019. Ohne den Brettumstieg wäre der Halbfinalaufstieg enorm schwierig geworden?
Hämmerle: Mit dem Brett aus dem Achtelfinale wäre die Endstation sehr nahe für mich gewesen. Im Nachhinein, wenn man weiß, wie es ausgegangen ist, wirken solche Entscheidungen ganz logisch. Aber um in dem Moment das Material zu wechseln, mussten wir wirklich allen Mut zusammenkratzen. Es gibt ja die Vorgeschichte, dass 2014 in Sotschi das Material nicht funktionierte. Da sieht man mal, wie lange etwas nachwirkt. Wir sind jetzt viel professioneller aufgestellt und nachdem wir meine Eindrücke analysiert haben, entschieden wir uns eben für den Brettwechsel. Die Entscheidung war völlig richtig, das neue Brett war eine Waffe, das habe ich im Viertelfinale sofort gespürt. Ein großes Dankeschön an das Serviceteam.

Sie konnten sich im Viertelfinale sofort absetzen und das Rennen von der Spitze kontrollieren. So lieben Sie es, weil Sie dadurch nicht in die Positionskämpfe verwickelt werden. Im Viertelfinale stürzte Dierdorff und riss Nörl mit.
Hämmerle: Wenn ich in dem Pulk dabei gewesen wäre, hätte es genauso mich treffen können. Im Pulk brauchst du Überspeed, um überholen zu können und bist abhängig von den Linien der Vorderleute. Oft bleibt dann nur ein riskantes Überholmanöver in der Kurve, bei dem alles passieren kann. Und dass es in einem olympischen Viertelfinale mit so einer Besetzung zu harten Positionskämpfen kommt, war absehbar.

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Hämmerle setzt sich im hochklassigen Viertelfinal-Heat gegen die Weltmeister Eguibar (2021) in gelb, Mick Dierdorff (2019) in blau und den Weltcup-Leader Martin Nörl in grün durch. Reuters

Wie sind Sie eigentlich damit umgegangen, dass ihre obere Rasterhälfte so enorm stark besetzt war?
Hämmerle: Ich habe schon tief durchgeatmet, als ich das gesehen habe – weil ja wirklich fast alle Sieganwärter in meiner Hälfte waren. Es fühlte sich wie ein Déjà-vu an, denn das war schon 2018 so. Nach dem ersten Schreck habe ich mich dann aber zusammengerissen und mir gesagt, dass auch aus dieser Hälfte zwei ins große Finale kommen. Ich wusste, dass ich die Klasse habe, mich auch in diesem Raster durchzusetzen. Wir sprechen jetzt übrigens genau über die kritischen Punkte, die über den Verlauf eines Rennens entscheiden: wie man mit dem Raster umgeht, wie man auf veränderte Pistenbedingungen reagiert – und ob man bei sich bleibt oder unsicher wird.

Im Halbfinale trafen Sie ein ers­tes Mal auf Ihren späteren Gegner um Gold, Éliot Grondin. Es wirkte so, als hätten Sie dabei nicht alle Karten aufgedeckt. War dem so?
Hämmerle: Ich wusste, dass er auf der Startgeraden eine andere Linie fährt als ich und ich wusste auch, dass er der Einzige ist, der mich am Start schlagen kann. Als ich im Halbfinale nicht besser gestartet bin als er, bin ich bewusst passiv geworden. Die anderen beiden Boarder im Lauf waren nämlich Goofys – und die waren auf dem Kurs benachteiligt.

Zum Verständnis für diejenigen, die nicht ganz so tief in der Materie sind: Goofys sind Boarder, die auf dem Brett ihren rechten Fuß vorne haben.
Hämmerle: Genau, ich bitte um Entschuldigung, wenn ich so ins Detail gehe, aber wenn Sie es genau wissen wollen, muss ich genau antworten (lacht). Ich habe im Halbfinale also darauf verzichtet, Grondin zu attackieren, weil das in der Situation nicht gerade schlau gewesen wäre. Von den Hintermännern drohte mir nicht so viel Gefahr und in einem olympischen Halbfinale einen gut abgesicherten zweiten Platz zu riskieren wäre ja völlig sinnlos gewesen, denn der Platz reicht ja fürs Finale.

Außerdem konnten Sie so die Linie von Grondin aus nächster Nähe studieren und sich eine Taktik fürs große Finale zurechtlegen?
Hämmerle: Ganz genau. Ich war mir nach dem Halbfinale zunächst nicht sicher, ob ich meinen Finallauf auf die Zielgerade ausrichten soll und Grondin erst dort attackiere oder ob ich es schon im Mittelteil probieren soll. Mein Vorteil war, dass Grondin überhaupt nicht wusste, was ich plane, weil ich ihn im Halbfinale nicht attackiert habe. Ich habe mich dann entschieden, dass ich attackiere, wenn sich eine Chance auftut, weil man ja nie weiß, ob es überhaupt eine zweite Chance gibt. Denn irgendwann geht einem einfach die Strecke aus.

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Der packende Zweikampf zwischen Hämmerle und Grondin im großen Finale. Reuters

Aus taktischer Sicht ist Ihnen im großen Finale wohl der beste Lauf Ihrer Karriere gelungen.
Hämmerle: Danke (lacht). Am Start hätte ich etwas dominanter sein können, aber Grondin wäre wohl trotzdem vorne gewesen.

Auf der langen Geraden im Mittelteil wirkte der Windschatten. War es nicht sogar ein Vorteil für Sie, bis dahin der Jäger und nicht der Gejagte zu sein?
Hämmerle: Es war in diesem Heat sicher kein Nachteil, dass ich zunächst in der Verfolgerrolle war. Mit einer Laufzeit von fast 80 Sekunden war die Strecke auch lange genug für ein klares Überholmanöver. Am Ende der Geraden im Mittelteil bin ich innen vorbei und bin als Erster aus der dritten Kurve. Damit hatte ich die Kontrolle übernommen. In der vorletzten Kurve bin ich leider etwas zu weit gesprungen, das war nicht gut. Vor dem Zielsprung habe ich mir gesagt, dass ich ja nicht kurz werden darf, weil dann der Sieg sicher weg ist. Mein Sprung hat gepasst, Grondin hat natürlich alles auf eine Karte gesetzt, den Zielsprung hat er perfekt erwischt, deshalb wurde es so knapp.

Was hat das bei Ihnen ausgelöst, als Grondin auf den letzten Metern fast gleichauf mit Ihnen war?
Hämmerle: Ich habe mich so klein gemacht wie nur möglich und wartete mit dem Reinstrecken des Bretts bis zur roten Ziellinie. Ich wusste, dass ich ruhig bleiben muss, ich wollte ja keine Panik schieben und mich zu früh reinwerfen.

Da ist mir fast das Herz stehen geblieben
Hämmerle jubelt befreit über seinen Olympiasieg. GEPA

Was überwog im Ziel, nachdem Ihr Olympiasieg endgültig feststand: Freude oder Erleichterung?
Hämmerle: Schon die Freude. Ich hatte natürlich Druck, aber ich wollte nicht alles vom Ergebnis abhängig machen. Denn es gibt beim Snowboardcross einfach Faktoren, die man nicht kontrollieren kann. Mir war wichtig, dass ich meine Leistung abrufe. Wenn die nicht gereicht hätte, dann wäre es eben so gewesen. So bitter das ist. Ich wäre mit einer Medaille zufrieden gewesen.

Sagt sich das im Vorfeld nicht viel leichter als es dann hinterher ist?
Hämmerle (lacht): Ich will es mal so ausdrücken, die paar Sekunden der Zweifel vor dem Zielfoto hätte ich nicht gebraucht. Natürlich weiß man vorher nie, wie man auf ein Ergebnis reagiert. Das hängt immer auch vom Rennverlauf ab. In diesem Fall wäre es wie gesagt sehr bitter gewesen, denn ich habe mich ja schon als Olympiasieger gefühlt und mich feiern lassen. Das wäre so brutal gewesen, wenn ich doch nicht gewonnen hätte. Als der Zieleinlauf eingespielt wurde und Grondin diesen einen kleinen Moment lang vorne war, dachte ich: also doch nicht. Schon im nächsten Moment war ich wieder vorn und es war endlich bestätigt. Ein super Gefühl.

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Im Ziel flossen auch Tränen bei “Izzi”, von dem ganz viel Druck abfiel. APA

Es heißt, dass sich im Ziel nationenübergreifend alle für Sie gefreut haben?
Hämmerle: Was Sie alles wissen (lacht). Es war überwältigend, wie herzlich mir die Athleten, Trainer und Betreuer gratuliert haben, alle sagten, ich hätte es so verdient und sei ein würdiger Olympiasieger. Das Tüpfelchen auf dem i an meinem Olympiasieg ist, dass Johannes Strolz ein paar Minuten vor mir auch Gold gewonnen hat. Wir zwei sind eng befreundet, wie mittlerweile ja bekannt ist (lacht), wir zocken online „Call of Duty“. Ich freue mich riesig für ihn.

Hatten Sie seit Ihrem Olympiasieg schon Kontakt mit Strolz?
Hämmerle: Natürlich, wir haben einander geschrieben. Wir können es beide kaum glauben, was da passiert ist.

Wo es Sieger gibt, gibt es auch Enttäuschte. Was sagen Sie zum vierten Platz von Julian Lüftner?
Hämmerle: Ich habe versucht ihn zu trösten, aber im ersten Moment gibt es fast keinen Trost. Ich sagte ihm, dass er das Positive sehen soll, er ist bei seinen ersten Spielen ins große Finale gekommen – und das als Goofy, der es auf dieser Strecke aufgrund des Streckenverlaufs wirklich schwer hatte. Mit etwas Abstand wird er stolz auf sich sein.

Markus Schairer freut sich riesig für Sie, er hat Ihre Eltern sofort nach Ihrem Sieg besucht. Hat er sich auch schon bei Ihnen gemeldet?
Hämmerle: Ja, er hat mir eine ganz herzliche Nachricht geschrieben. Uns verbindet eine sehr spezielle Freundschaft.

Sie verstehen sich ja selbst mit Ihren größten Konkurrenten gut, Ihr Gold-Gegner Grondin war ja mal zum Pizzaessen bei Ihnen?
Hämmerle: Auf dem Rückflug vom Weltcuprennen in China im November habe ich Grondin und Kevin Hill gesehen. Die Jungs haben mir richtig leidgetan, weil sie nicht heimfliegen konnten, sondern noch eine Ewigkeit in Europa bleiben mussten. Das nächste Rennen war im Montafon und ich dachte, wenn sie eh schon in der Gegend sind, lade ich sie zu mir ein. Damit sie mal aus dem Hotel rauskommen und zwischendurch mal ein bisschen eine private Atmosphäre haben, ein Gefühl von zu Hause sein erleben. Wobei mich mit Grondin keine Freundschaft verbindet wie mit Lucas Eguibar, dafür ist der Altersunterschied zu groß, Grondin ist Anfang 20 und hat dementsprechende Interessen.

Bleibt noch: Haben Sie eine Vorstellung davon, welche Auswirkungen Ihr Olympiasieg haben wird?
Hämmerle: Überhaupt nicht, das gehört ja auch zu den kleinen Mysterien der Dinge, die man zum ersten Mal macht; man weiß nicht, was einen erwartet. Ich hatte auch überhaupt keine Vorstellung davon, was unmittelbar nach einem Olympiasieg passiert. Die Wucht der Ereignisse hat mich komplett überrascht. Gott sei Dank, denn wenn ich das vorher schon gewusst hätte, wäre der Druck noch größer gewesen. Ich freue mich aber schon darauf, Snowboardcross in den kommenden Jahren als ein Gesicht der Sportart weltweit repräsentieren zu dürfen.

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