Sport

Diese Karriere ist keine Gerade

12.02.2022 • 23:13 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Johannes Strolz mit seiner Goldmedaille.<span class="copyright"> Gepa</span>
Johannes Strolz mit seiner Goldmedaille. Gepa

Der Olympiasieg von Johannes Strolz ist nicht nur eine gute Geschichte, es ist das Resultat des Durchhaltevermögens des Warthers.

Keiner fährt derzeit schneller um die Kurven als Johannes Strolz. Der Kombinations-Olympiasieger vom Donnerstag in Yanqing und Slalomsieger von Adelboden lässt sich derzeit weder von Slalomstangen noch von anderen Hindernissen aus der Bahn werfen.
Strolz ist am Olymp angekommen, niemand hätte ihn dort vermutet, als er im Frühjahr 2020 seinen Kaderstatus verloren hatte und diesen auch im Weltcupwinter 2020/21 nicht zurückerobern konnte. Im vergangenen Sommer wurde es ruhig um den Slalomspezialisten, der zu dieser Zeit als Polizist arbeitete. Manche hatten bereits sein Karrierende vermutet, er würde sportlich immer der „Sohn des Olympiasiegers“ bleiben.
Vor drei Monaten, am 10. Dezember 2021, erschien in der NEUE schließlich eine kurze Meldung, dass der Warther sich in der internen Qualifkation für den Slalom in Val d’Isere durchgesetzt habe. Nach all dem, was seither passiert ist, fühlt sich dieser Moment an, als wäre er eine Ewigkeit her. „Vielleicht hätte ich bereits nach einer verpassten Quali aufgehört“, sagte der Olympiasieger im NEUE-Interview einige Wochen später. Doch, wie wir wissen, kam alles ganz anders. Denn manchmal sind es die kleinen Dinge, die große Wirkung haben. Was wäre gewesen, wenn er bei dieser Qualifikation einfädelt? Der Olympiasieger in der Kombination würde nicht Johannes Strolz heißen, denn der hätte zum Zeitpunkt des Rennens wohl gerade Verkehrskontrollen für die Polizei Dornbirn durchgeführt.

Johannes Strolz beim Präparieren seiner Ski. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Johannes Strolz beim Präparieren seiner Ski. Klaus Hartinger

Das Rennen und das Gasthaus

Die Geschichte des Erfolges begann jedoch nicht im Dezember 2021. Der Weg zum Skisport war angesichts der Vita des Vaters (siehe Seiten 72/73) vorgezeichnet. Mit zwei Jahren stand der Junior das erste Mal auf den Brettern. Vom Vater erbte er aber nicht nur das skifahrerische Können, er lernte, was es heißt, dranzubleiben und nicht aufzugeben. Ein Erlebnis ist ihm besonders in Erinnerung geblieben, wie er am Tag seines Olympiasieges erzählte: „Papa und ich haben uns einmal um die Zeitnehmung bei einem kleinen Skirennen gekümmert. Ich hatte kalte Zehen und da habe ich gefragt: ‚Papa, mir ist so kalt, kann ich nicht ins Gasthaus zum Aufwärmen.‘ Er hat geantwortet: ‚Mir ist auch kalt. Jetzt machen wir aber noch das Rennen fertig‘. Das hat mir gezeigt, wenn es mal ungemütlich wird, muss man nicht in die Komfortzone flüchten.“ Diese Konsequenz und Ausdauer haben sich bezahlt gemacht, spätestens in den vergangenen Tagen im weit entfernten China.

Johannes Strolz mit Papa Hubert anno 2007.  <span class="copyright">Archiv/Riethbaum</span>
Johannes Strolz mit Papa Hubert anno 2007. Archiv/Riethbaum

Treffen mit Mayer und Kilde

Nach guten Auftritten in den Kinder- und Jugendklassen durfte Johannes Strolz am 4. Dezember 2007 erstmals bei einem FIS-Rennen starten, es fand in Tschagguns statt. Doch beim ersten Rennen fehlte dem 15-Jährigen das Glück, er schied aus. Wenn man heute in die Ergebnisliste blickt, sticht ein weiterer bekannter Name bei den Ausfällen ins Auge: Matthias Mayer, inzwischen dreimaliger Olympiasieger, fand ebenfalls nicht den Weg ins Ziel.
Anschließend war Strolz solide, aber kein Überflieger, seinen erste Sieg auf höherem Niveau feierte er im Dezember 2010 bei der österreichischen Juniorenmeisterschaft in der – wie könnte es retrospektiv anders sein – Kombination. Dass seine Abfahrtsleistung in Peking kein Zufall war, sondern auf einer guten Speed-Ausbildung fußt, zeigte sich auch 2012, als er bei der Junioren-WM in Italien im Super-G die Bronzemedaille gewann; vor – auch hier schließt sich ein Kreis nach Peking – Aleksander Aamodt Kilde.

Matthias Mayer 2007 beim FIS-Slalom in Tschagguns, für Strolz war es das erste Rennen auf dieser Stufe. <span class="copyright">Archiv/Riethbaum</span>
Matthias Mayer 2007 beim FIS-Slalom in Tschagguns, für Strolz war es das erste Rennen auf dieser Stufe. Archiv/Riethbaum

Der Knackpunkt

Als sich die Saison 2016/17 dem Ende zuneigte, war unklar, ob Strolz den nächs­ten Schritt schaffen würde. Sein Jahrgänger Manuel Feller – der Tiroler ist exakt 31 Tage jünger als Strolz – hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst im Weltcup durchgesetzt. Dann holte sich Strolz den Staatsmeistertitel im Riesentorlauf und im Slalom. „Ein Knackpunkt“, wie er später erzählte. Es folgte der Gesamtsieg im Europacup 2018 und der damit verbundene Fixplatz im Weltcup. Dort anzukommen war schwierig, Strolz deutete immer wieder sein Potenzial an, nach dem zehnten Platz beim Slalom in Madonna 2020 folgten allerdings 13 Rennen ohne Punkte. Strolz steckte in einer Sackgasse. Der Schritt in die Komfortzone, ins warme Gasthaus, wäre das Karriereende gewesen, doch Strolz wollte das „Rennen seiner Karriere“ noch nicht beenden und biss sich durch.
Bis nach Peking, wo am Mittwoch der Olympia-Slalom über die Bühne geht. Und wie wir wissen, keiner fährt derzeit schneller um die Slalomtore als Johannes Strolz.

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