Sport

Dass sich das überhaupt
wer sagen traut

21.05.2022 • 23:37 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Dass sich das überhaupt<br>wer sagen traut
Die Altacher Fans stürmten am Freitag nach dem Schlusspfiff den Platz. GEPA/Lerch

Gedanken über Altachs Klassenerhalt, die Fehlentwicklungen beim SCRA und warum man sich hinterfragen muss.

Von Hannes Mayer
Seit Freitagabend sind sie beim Cashpoint SCR Altach im Freudentaumel. Die Rheindörfler haben den Abstieg verhindert und damit eine ungewisse Zukunft abgewendet. Die SCRA-Verantwortlichen wurden in den Vorwochen zwar nicht müde zu betonen, dass ein Abstieg verkraftbar wäre – aber es ist schon ganz gut so, dass sie diese Aussage nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen müssen. Aber wenn die Altacher so weitermachen wie in der jüngeren Vergangenheit, dann ist der Abstieg nur aufgeschoben.

Finanziell zu den Top Sechs
Das mag man in Altach vielleicht nicht gerne hören, gerade jetzt nicht, im Augenblick der Euphorie. Doch gerade jetzt gehört diese unbequeme These ausgesprochen. Die Freude über den äußerst glücklichen Klassenerhalt darf auf keinen Fall die Sinne der Rheindörfler vernebeln.
Der Klassenerhalt mag für den SCRA verdient wirken; und ja, die Altacher haben geliefert, als es drauf ankam. Das zeugt von Mentalität. Aber: In jeder ernstzunehmenden Liga dieser Welt wären die Altacher abgestiegen. Ohne die völlig absurde Punkteteilung wären sie schon vor Wochen als Absteiger festgestanden.

Nun sind die Altacher freilich nicht verantwortlich dafür, dass in der österreichischen Bundesliga mit so einem Witzmodus gespielt wird. Doch sie müssen sich beim SCRA unbedingt vor Augen führen, dass sie in dieser Saison die schlechteste Mannschaft waren und zwei Punkte weniger holten als der Absteiger Admira. Das muss den Rheindörflern zu denken geben. Zumal man laut Aussage von SCRA-Geschäftsführer Christoph Längle finanziell zu den Top Sechs der Liga zählt.

Dass sich das überhaupt<br>wer sagen traut
SCRA-Geschäftsführer Christoph Längle sieht die Altacher finanziell in den Top Sechs der österreichischen Bundesliga. Philipp Steurer

Keine zwingende Konsequenz
Längle ist in Finanzangelegenheiten ein Meister seines Faches, die Aussage wird stimmen. Aber wer finanziell zu den Top Sechs gehört muss sportlich praktisch alles falsch gemacht haben, um in einer so schwachen Zwölferliga bis zur letzten Sekunde um den Klassenerhalt bangen zu müssen. Das gilt es beim SCRA ohne Tabus aufzuarbeiten.
In Altach müssen sie darüber nachdenken, ob es wirklich die bestmögliche Wahl ist, auf Werner Grabherr als Sportlichen Leiter zu setzen. Einen 36-jährigen Berufsanfänger, der gar kein Netzwerk haben kann, der als Spieler nur auf ein paar Einsatzminuten in der 2. Liga gekommen ist und als Trainer bei Altach krachend gescheitert ist – und ansonsten nichts vorzuweisen hat.
Die Beförderung zum Sportlichen Leiter ist, sagen wir mal so, keine zwingende Konsequenz dieser Vita. Das ist, als würde ein Fahrschüler, der nicht und nicht durch die Prüfung kommt, eines Tages einfach die Fahrschulleitung übertragen bekommen und dann Vorträge darüber halten, wie man sicher durch den Straßenverkehr kommt. Was auch immer die Altacher in Grabherr sehen, es ist eine Sichtweise, die sie exklusiv haben. Bei der Lustenauer Austria zum Beispiel trauten sie seinen weitreichenden Konzepten nicht, als er sich als Trainer bewarb. Für die Austria zu schlecht, für Altach gut genug? Das sind ja völlig neue Perspektiven.

Dass sich das überhaupt<br>wer sagen traut
Der Sportliche Leiter Werner Grabherr wird sich hinterfragen müssen. Philipp Steurer

Johannes Engl fehlt
Nun werden sie sehr wahrscheinlich in Altach verärgert konstatieren, wie sich ein Journalist eine solche Kritik erlauben kann, der nicht über Altach berichtet. Aber man muss nicht im Stadion sein, um die Spiele zu sehen, und man muss kein Altach-Korrespondent sein, um Ahnung von Fußball zu haben und über Altach informiert zu sein. Manche Informationen muss man nicht suchen, die finden einen. Gerade zu Zeiten, in denen sich viele nicht mehr gehört fühlen in einem Verein.
Wie es nun weitergehen soll in Altach? Viele SCRA-Fans fordern in den diversen Foren und den sozialen Medien den Rücktritt von Längle und Grabherr. Aber radikale Änderungen bewirken zumeist das Gegenteil dessen, was man sich wünscht.
Ein Abgang von Längle wäre nicht verkraftbar, der Mann ist die zentrale Figur bei den Rheindörflern – übrigens eine Bezeichnung, die sie gar nicht gerne hören beim SCRA. Man will kein Dorfklub sein; und genau so tritt man auch auf. Es ist alles etwas unnahbar geworden im Schnabelholz, oder eben der Cashpoint-Arena.
Dabei waren die Altacher früher ein Klub zum Angreifen, früher, als Johannes Engl noch die Geschicke des Vereins leitete. Der Mann ist bekennender Fußball-Laie und versteht wahrscheinlich weniger vom Fußball als manch eine Spielerfrau. Aber darüber war sich Engl auch im Klaren. Deshalb setzte er auf Fachleute wie Damir Canadi als Trainer und Georg Zellhofer als Sportdirektor. Engls Beitrag, neben stolzen Sponsorenzahlungen, war, dass er dem Verein eine Seele gab. Der Mann hatte Charisma, für ihn gingen sie beim SCRA durchs Feuer. Von der Klofrau bis zum Starspieler. Engl fehlt in Altach an allen Ecken und Enden, es fehlt aber auch ein Typ wie Alex Guem, den wir zwar bei der NEUE nur ungern als Experten verlieren würden, der aber den SCRA als unbequemer Fachmann weiterbringen könnte. Auch auf die Strahlkraft ihres langjährigen Spielers Enrico Pfister verzichtet man im Schnabelholz leichtmütig, einen Didi Berchtold vergraulte man, Martin Kobras hat man davongejagt, für Oliver Schnellrieder ist kein Platz. Schade. Das alles sind Persönlichkeiten, die dem SCR Altach ein Gesicht geben würden.

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Johannes Engl fehlt in Altach. Dietmar Stiplovsek

Zurück zu den Wurzeln
Es geht nicht darum, den Altachern mit diesen Zeilen eine reinzuwürgen. Es sind Zeilen im Sinne von Wolfgang Ambros, der einst sang: Gö da schaust, dass sich das überhaupt wer sagen traut! Doch es muss sein. Denn irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass sie in Altach etwas noch immer nicht verstanden haben. Es muss einfach mal ausgesprochen werden, dass Altach das Potenzial hätte, jede Saison um den sechsten Platz mitzuspielen. Dieses Potenzial verschludern sie beim SCRA fast schon fahrlässig. Der Klassenerhalt vom Freitag kann im Verein eine neue Dynamik entfachen, wenn man es versteht, die Fans emotional wieder abzuholen, und wenn man sich besinnt, wer man ist und was man nicht ist.
Altach ist nicht das Bayern München von Vorarlberg. Sondern ein Dorfklub, der mit viel harter Arbeit, ganz viel Leidenschaft, Idealismus und Visionskraft den Weg vom Wald- und Wiesenklub bis in den Europacup schaffte. Diese Wurzeln sind nichts, wofür man sich schämen müsste – im Gegenteil. Es ist eine Geschichte, die stolz macht und die auch denjenigen großen Respekt abverlangt, die es nicht mit Altach halten.
Es hätten sich am Freitag aber auch erstaunlich viele, gerade auch aus der Vorarl­berger Fußballszene, diebisch darüber gefreut, wenn Altach abgestiegen wäre. Damit der Verein wieder Bodenhaftung findet. Auch das sollte den Altacher Verantwortlichen zu denken geben. Sehr sogar. Wahrscheinlich aber wird man beim SCRA mehr oder weniger so weitermachen wie zuletzt. Schließlich ist es ja gut gegangen.
Dabei wusste schon Albert Einstein: Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert. Gö da schaust, dass sich das überhaupt wer sagen traut.

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