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Ein Weltmeister sagt Ja zum SCR Altach

18.06.2022 • 23:21 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Ein Weltmeister sagt Ja zum SCR Altach
Miroslav Klose war beim FC Bayern Co-Trainer. Jetzt übernimmt er in Altach. AFP

Gedanken über Altachs spektakulären Trainer-Neuzugang, über die Chancen und Stolpersteine dieser Verbindung.


Miroslav Klose wird Altach-Trainer. Ein großer Name – der Mann ist Weltmeister, deutscher Meister, deutscher und italienischer Pokalsieger. Er ist WM-Rekordtorschütze; und neben Pelé, Uwe Seeler und Cristiano Ronaldo einer von vier Spielern, die bei vier Weltmeisterschaften jeweils mindestens ein Tor erzielt haben, wobei Klose und Seeler jeweils mindestens zweimal trafen. Da wird einem ja fast schwindlig. Und es gäbe noch einiges mehr zu erzählen über den 44-Jährigen.

Große Karriere
Allerdings über den Stürmer und eher nicht über den Trainer Klose. Als Coach steht der ehemalige Torjäger am Anfang seiner Karriere. Er war zwar zwischen 2018 und 2020 Trainer von Bayern Münchens U17 und davor eineinhalb Jahre lang Co-Trainer bei der deutschen Nationalmannschaft. Eine Profimannschaft hat Klose aber bislang noch nicht geführt, das Traineramt in Altach ist sein Cheftrainer-Debüt im Profifußball. Klar ist: Mit diesem großen Namen präsentieren die Rheindörfler am Ende einer langen und weit nicht pannenfreien Suche einen neuen Cheftrainer, der bei den Fans und in der Öffentlichkeit einiges an Kredit haben wird, fehlende Trainererfahrung hin oder her.
Klose ist einer, der mächtig was hermacht, der das Image der Altacher wieder mächtig aufpolieren wird. Den vielleicht größten Luftsprung machten ges­tern wohl Altachs Sponsoren, die mit Klose nun von einem Mann mit Weltformat vertreten werden. Anzunehmen ist auch, dass der Pfälzer, der einst für Kaiserslautern, Bremen, Bayern und Lazio Rom stürmte, mit seinen Kontakten den einen oder Spieler nach Alt­ach lotsen wird können.

Ein Weltmeister sagt Ja zum SCR Altach
Klose im Dress von Lazio Rom. Der Pfälzer spielte von 2011 bis 2016 in der ewigen Stadt und gewann mit den Römern den italienischen Pokal. Reuters

Österreich ist nicht Deutschland
Wichtig wird sein, dass sich Klose auf die Strukturen und die Möglichkeiten in Altach einlässt. Er wird natürlich wissen, was ihn erwartet, was möglich und was nicht möglich ist, doch – die Altacher mögen es verzeihen – ein kleiner Kulturschock wartet da natürlich schon auf ihn im Schnabelholz. Der Mann kennt die großen Stadien dieser Welt, ist das Beste vom Besten gewohnt. In Altach wird er für österreichische Verhältnisse sicherlich eine großartige Infrastruktur antreffen; aber genau diesen Schalter muss Klose eben umlegen können.
Österreich ist nicht Deutschland. Nicht nur, was die Dimensionen betrifft, sondern vor allem, was das Niveau der rot-weißen-roten Bundesliga und die Mentalität hierzulande betrifft. Gerade dieser Mentalitätsunterschied war es oft, der deutsche Trainer in Österreich verzweifeln ließ. Aber da Klose immer sehr bescheiden und bodenständig aufgetreten ist, stehen die Chancen sicherlich gut, dass er sich im beschaulichen Vorarlberg zurechtfindet.

Klose brennt für die Aufgabe
Die andere Frage ist, für was einen Fußball Klose als Trainer steht. In seiner bislang letzten Trainersaison setzte er 2019/20 bei Bayerns U17 auf eine Dreierkette und schickte seine Mannschaft zumeist im 3-4-2-1 aufs Feld. Unter seiner Verantwortung erzielten die U17-Bayern in 49 Spielen 107 Tore, in seiner Premierensaison in München gewann er 2018/19 mit dem FCB die DFB-Junioren Bundesliga Süd/Südwest. Die Bayern scheiterten dann aber im Halbfinale gegen den West-Sieger 1. FC Köln.
Sicher ist, dass Klose für die Aufgabe brennt, das unterscheidet ihn schon mal von Markus Schopp, der nie den Eindruck machte, dass ihn der Trainerjob in Altach wirklich reizt. Für Klose ist Altach eine Chance, sich als Trainer zu beweisen. Er sagt: „Ich freue mich total auf meine neue Aufgabe in Altach! Es war einfach von Anfang an genau dieses positive Gefühl, das ich haben muss, dass ich hier genau richtig bin. Die ersten Gespräche mit den Verantwortlichen waren so offen, dass mir klar war, das will ich machen! Jetzt kann ich es kaum noch erwarten, das Team, die Menschen im Klub und natürlich die Fans kennenzulernen.“
Altach und Klose – passt das also? Man könnte euphorisch jubeln, dass den Altachern da ein Coup gelungen ist und damit ein großes Kapitel beim SCRA beginnt. Genauso könnte man skeptisch anmerken, dass eine große Spielerkarriere noch längst keinen großen Trainer macht. Die Wahrheit liegt wie so oft wohl irgendwo dazwischen, die Altacher schaffen es mit dieser Verpflichtung ins internationale Rampenlicht; aber nachdem der erste Jubel verflogen ist, gilt wie immer: Wichtig ist auf dem Platz.

Aus dem Häuschen
Gut ist, dass die Altacher mit Klose nun jemanden präsentieren, der eine Euphorie erzeugt – und ja: Die Fans dürfen natürlich euphorisch sein, und auch die Klubverantwortlichen können sich fürs Erste auf die Schulter klopfen und werden vielleicht insgeheim genüsslich festhalten, dass man es den Kritikern gezeigt hat. Wobei schon auch klar ist, dass ein anderer in Altach Trainer wäre, wenn einer der ursprünglichen Wunschkandidaten zugesagt hätte. Es ist, bleiben wir vorsichtig, im Nachhinein mutmaßlich ein Glücksfall für die Altacher, dass die Suche so lange erfolglos blieb.
Ein Martin Stocklasa hätte keine Euphorie ausgelöst, Klose, nun ja, die Fans sind regelrecht aus dem Häuschen; und das ist dem SCRA-Fanlager nach zuletzt schweren Zeiten auch von Herzen zu gönnen. Genau diese Euphorie braucht es jetzt auch in Altach, aber eben: Für Jubel­arien sind die Fans zuständig, und der Verein kann und wird diese Stimmung gerne mittragen. Die Medien tun jedoch gut daran, die Erwartungen nicht in schwindelerregende Höhen zu treiben, das ist nicht die Aufgabe und würde der Sache auch nicht dienen. Denn am Ende bleibt: Klose muss sich als Profitrainer erst finden.

Ein Weltmeister sagt Ja zum SCR Altach
Klose bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland – der Mittelstürmer zieht gegen Ecuador volley ab. Reuters

Was für Lehrmeister
Er hat das Rüstzeug, hat als Spieler unter Größen wie Otto Rehhagel, Ottmar Hitzfeld, Jupp Heynckes oder Louis van Gaal gearbeitet, war Co-Trainer von Jogi Löw und Hansi Flick. Bei diesen Namen mag man fast ehrfürchtig niederknien und um Salbung bitten. Was der Mann alles erleben und lernen durfte, ist fast nicht in Worte zu fassen. Klose greift also auf einen riesigen Erfahrungsschatz zurück, aber wie es eben so ist im Leben: Nicht jeder kann seine Erfahrungen gleich gut umsetzen. Und ganz nüchtern betrachtet liegt es jetzt eben an Klose, zu beweisen, ob und wie er seine Prägungen verwerten kann.
Altach-Geschäftsführer Längle betont: „Miro Klose ist ein sehr großer Name im Fußball. Uns geht es aber nicht um den Namen, sondern um die Persönlichkeit Miro Klose, seine Fähigkeiten als Trainer, und was uns beim SCR Altach sehr wichtig ist: um den Menschen. Die Werte, für die er steht, passen ideal zu unserem Verein, und seine Fußballkompetenz ist sowieso unumstritten.“ Altachs Sportlicher Leiter Werner Grabherr sagt: „Miroslav passt mit seiner Persönlichkeit sehr gut zum SCRA, ist bereit, mit anzupacken und die Professionalisierung weiter voranzutreiben.“

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Miroslav Klose mit Bayern-Trainer Louis van Gaal. Was für ein Lehrmeister! Reuters

Die einzige Wahrheit
In Altach wird also ein Weltmeister trainieren. Das ist schon irgendwie verrückt. Die Rheindörfler haben großen Respekt dafür verdient, dass sie eine Fußballgröße wie Miroslav Klose vom SCR Altach überzeugen konnten. Das ist ein Ausrufezeichen, das aufzeigt, was in Altach möglich ist. Nun gilt es, bitte auch bei der Kaderzusammenstellung wieder mutiger zu werden. Denn Klose ist nicht mehr in dem Alter, dass er die Tore selbst schießen kann. Soll heißen: Klose braucht einen Kader mit Potenzial. Denn auch bei einem Weltmeister wird am Ende die Tabelle die einzige Wahrheit sprechen.