Sport

Von der Einsteigerin zur Aufsteigerin

26.07.2022 • 16:19 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Sonja Giglers Karriere klingt wie der Stoff für einen amerikanischen Sportfilm. <span class="copyright">Hartinger</span>
Sonja Giglers Karriere klingt wie der Stoff für einen amerikanischen Sportfilm. Hartinger

Das ÖSV-Skicross-Weltcupteam gastierte im Montafon. Babei war Harderin Sonja Gigler, die im März Junioren-Weltmeisterin wurde. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Sportlerin.

Es klingt wie der Stoff, aus dem die zumeist maßlos übertriebenen amerikanischen Sportfilme sind, bei denen ein Außenseiter einen nicht für möglich gehaltenen Sieg über einen völlig übermächtigen Gegner feiert. Triefend kitschige, klischeehafte Filme, die nach Rocky und nicht zuletzt nach dem tatsächlich wundersamen Eishockey-Olympiasieg der USA mit einer Collegemannschaft in Lake Placid 1980 wie Pilze aus dem Boden sprossen.
Als Sonja Gigler im Frühjahr 2021 von einem Kollegen auf das österreichische Skicrossteam angesprochen wurde, wusste die damalige Alpinrennläuferin nichts über den Sport. Keine zwölf Monate später wurde sie im März 2022 in Veysonnaz Skicross-Juniorenweltmeisterin. Unglaublich eigentlich. Auch für Gigler selbst: „Ich stand im April 2021 kurz davor, meine Karriere zu beenden“, erzählt die Wintersportlerin am Fuße des Klettersteigs Kälbersee im Seetal hoch über Schruns.

Sonja Gigler oben beim Klettern auf den Klettersteigen am Kälbersee über Schruns. <span class="copyright">Gepa</span>
Sonja Gigler oben beim Klettern auf den Klettersteigen am Kälbersee über Schruns. Gepa

Videostudium

Gigler rätselte im Frühjahr 2021 darüber, wie es nach einem mäßigen Rennwinter auf FIS-Ebene weitergehen sollte. Das Potenzial war da, das spürte die Harderin, aber so langsam ging der Glaube bei ihr verloren, dass sie dieses Potenzial auch wirklich umsetzen konnte. Gleichzeitig war die passionierte Sportlerin aber noch nicht dazu bereit, den Traum vom Leistungssport aufzugeben. Also sprach sie den Vorarlberger Skicrosser Max Jagg an und erfuhr, dass die ÖSV-Skicross-Sparte Ende April 2021 auf der Reiteralm in Schladming einen Sichtungstag veranstaltete. Gigler entschloss sich spontan dazu, an diesem Sichtungstag teilzunehmen – und sah sich davor noch auf Youtube ein paar Skicrossrennen an, damit sie wusste, worauf sie sich da einließ.

Beim Skicross fährt man zwar wie bei den Alpinen auf zwei Brettern und auf Schnee talwärts; aber das war es dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Beim Skicross brettert man ja nicht alleine die Piste hinunter, sondern katapultiert sich am Start an der Seite von drei Konkurrenten aus dem Startgate und stellt sich in den Vierer-Heats bei mutigen Überholmanövern oft spektakulären Zweikämpfen. Nicht selten endet dabei die Strecke, und das Manöver endet für einen oder mehrere Beteiligte mit einem Sturz. Im Kampf Mann gegen Mann oder eben Frau gegen Frau entscheidet dementsprechend, mit Ausnahme der Qualifikation, nicht, in welcher Zeit man die Strecke bewältigt, sondern, dass man als einer der beiden Laufschnellsten ins Ziel kommt und in die nächste Runde aufsteigt.
Auch die Streckenbeschaffenheit ist völlig anders. Es gibt Wellen, Steilkurven, Negativkurven – nein, das ist im Vergleich zum alpinen Skirennsport eine andere Welt, in der völlig andere Fähigkeiten gefragt sind. Gigler betont: „Ich habe mich sofort wohl gefühlt beim Skicross, mental war plötzlich alles anders, für den Wechsel habe ich mich trotzdem erst sehr spät entschieden.“

Sonja Gigler in ihrem Element als Skicrosserin. <span class="copyright">Gepa</span>
Sonja Gigler in ihrem Element als Skicrosserin. Gepa

Schicksalhaft

Die Entscheidung für den Sportartwechsel fiel, man glaubt es kaum, erst im Oktober. Denn obwohl Gigler die Begeisterung für den Skicross sofort packte, konnte sie sich erst nicht zu einem Neustart durchringen. Sie wollte nun doch einen letzten Anlauf bei den Alpinen nehmen, bis es zu einer schicksalhaften Begebenheit kam: „Ich habe mit einem Südtiroler Privattrainer in Sölden und im Pitztal Slalom und Riesenslalom trainiert, im Pitztal habe ich dann mal beim Skicross-Parcours vorbeigeschaut“, erzählt die Unterländerin und offenbart: „Da ist mir dann schlagartig klar geworden, dass ich zu den Skicrossern wechseln will. Mein Papa hätte sich gewünscht, dass ich es noch ein Jahr bei den Alpinen versuche. Aber mein Entschluss stand fest – und er hat das dann auch verstanden.“

Weil Gigler zu wenig FIS-Punkte hatte, schaffte sie es bei den Skicrossern nicht in den C-Kader und musste sich die Saison selbst finanzieren. Ein Risiko, das sich voll auszahlte. Denn die Kästle-Läuferin wurde vor vier Monaten nicht nur Skicross-Juniorenweltmeisterin, sondern fuhr am 13. März bei ihrem Weltcupdebüt, just auf der Reiteralm, auf Anhieb auf Platz sechs und wurde jetzt in das ÖSV-Weltcup-Team berufen. Und so gehörte sie Anfang der Woche der Trainingsgruppe an, die im Montafon einen zweitägigen Konditionskurs absolvierte. Eine wirklich filmreife Story.

Eigentlich wollte Sonja Gigler es noch einmal beim Alpinen versuchen. <span class="copyright">Gepa</span>
Eigentlich wollte Sonja Gigler es noch einmal beim Alpinen versuchen. Gepa

Starthilfe

Wechsel von den Alpinen zum Skicross sind keine Seltenheit. Auch in Österreich. So wechselte 2014 der Dornbirner Bernhard Graf zum Skicross, 2018 entschloss sich auch der Montafoner Frederic Berthold zu einem Neuanfang beim Skicross. Beide schafften den Sprung in den Skicross-Weltcup, konnten sich aber in der Beletage letztendlich nicht durchsetzen. Im Vorjahr ist so wie Gigler auch Mathias Graf ins Skicross-Lager gewechselt, der Bruder von Bernhard gewann gleich den Europacup und er­oberte damit eigentlich einen Fixplatz im Weltcup. Eigentlich, weil Graf mittlerweile seine Karriere beendet hat, weil ihm die finanzielle Absicherung fehlt – aber das ist eine andere Geschichte, bei der das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Gemein ist allen, die von den Alpinen zum Skicross wechseln, dass der Start für sie eine große Herausforderung ist. Weil die Startsektionen bei jedem Rennen anders sind und die Bandbreite dessen, was sich da die Kursbauer einfallen lassen können, geradezu riesig sind.
Auch den Bewegungsablauf an sich – das Abstoßen von einer mehr oder weniger hohen Rampe – gibt es so freilich nicht bei den Alpinen. Doch weil Gigler ein Bewegungstalent ist und früher zum Beispiel auch Leichtathletin und Turnerin war, ist ihr die Umstellung auf die neue Startbewegung nicht schwergefallen. „Außerdem“, erzählt die 20-Jährige mit einem Lächeln, „habe ich viele Tipps von Mathias Graf bekommen“. Eine große Hilfe war auch Snowboardcross-Olympiasieger Alessandro „Izzi“ Hämmerle für sie. Der SBX-Dominator hat Gigler auf der Birkenwiese beim sommerlichen Starttraining auf Eisschnee aus dem Messestadion zur Seite genommen, und just auch im Pitztal hatte Hämmerle wertvolle Tipps für die Harderin. „Ich musste Izzi gar nicht fragen, er stand plötzlich hinter mir und hat mir erklärt, wie ich am besten aus der Hüfte starte. Das war beeindruckend.“

Fernziel

Inzwischen ist es Gigler selbst, die beeindruckt, die sich spätestens seit dem Junioren-Weltmeistertitel bestätigt fühlt und – so ändern sich die Zeiten – mit Schwaiger Transporte auch schon einen Kooperationspartner hat. Inzwischen zweifelt wirklich niemand mehr daran, dass Gigler im Skicross zur absoluten Weltspitze vordringen kann. „Im Weltcup ist der Druck natürlich höher auf mich. Aber ich habe diesem Druck bei meinem Weltcup-Debüt auf der Reiteralm standgehalten und will so weitermachen.“

Ein Fernziel von ihr ist die Heim-WM im Montafon, außerdem will die Saxophonistin dabei helfen, den Skicross-Sport in Vorarlberg ähnlich populär zu machen wie Snowboardcross. „Dafür braucht es große Erfolge. Mit meinem Junioren-Weltmeistertitel habe ich einen ersten kleinen Beitrag geleistet, und ich hoffe, viele weitere werden folgen.“ Zuzutrauen ist es Gigler allemal – und dann könnte ihre Karriere eines Tages wirklich filmreif sein. Bis jetzt kann sich ihre Story jedenfalls sehen lassen – im kommenden Winter schreibt Gigler das nächste Kapitel ihrer eigenen Geschichte. Fortsetzung folgt.

Sonja Gigler

Geboren am: 4. Dezember 2001

Wohnhaft in: Hard

ÖSV-Kaderstatus: Skicross-B-Kader

Skiausrüster: Kästle

Umstieg von Ski alpin zu Skicross: Oktober 2021

Debüt Skicross: 21.11.2021 beim Europacuprennen im Pitztal, Platz 10

Größte Erfolge Skicross: Junioren-Weltmeisterin (3/2022), Platz sechs bei Weltcupdebüt (3/2022), ein Sieg im Europacup (1/2022)

Größte Erfolge Ski alpin: Zehn Top-Ten-Platzierungen bei FIS-Rennen