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Und ewig reizt der Lokalrivale

15.08.2022 • 20:21 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Und ewig reizt der Lokalrivale
Beim Derby Altach gegen Austria Lustenau gab es immer packende Zweikämpfte. Stiplovsek

Am Samstag treffen erstmals seit 2014 Altach und Austria Lustenau aufeinander. Einige augenzwinkernde Derby-Anekdoten zur Einstimmung.

So ganz nachvollziehbar war ja manches nicht für den neutralen Beobachter, was sich in der Blütezeit des Vorarlberger Derbys rund um das Duell Altach gegen Austria Lustenau alles so abspielte. Oft fuhren die Emotionen mit den Beteiligten beider Vereine Schlitten. So wie damals, als nach einem Derby ein heimischer Sportjournalist dem Altacher Trainer die eigentlich harmlose Frage stellte, ob die Austria nun vorerst die Nummer eins im Land sei. Doch für den SCRA-Trainer war die Frage alles andere als harmlos. Er brach vor versammelter Presse das Interview ab und erklärte wutentbrannt, dass er dem Fragesteller „nie mehr“ ein Interview geben werde. Der Bannstrahl ist hoffentlich mittlerweile abgeklungen, aber leicht dürfte es besagter Journalist in den Wochen danach nicht gehabt haben. Dabei hat er nur seine Arbeit gemacht.

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Hitzige Diskussionen waren an der Tagesordnung beim Derby – wie hier zwischen Sascha Boller und Altach-Urgestein Alex Guem. Philipp Steurer

Brisantes Understatement

Ein anderes Mal sagte ein Altacher Trainer bei der Pressekonferenz vor dem Derby, unverkennbar nicht derjenige, der den Bannstrahl aussprach, dass die Zielsetzung und Erwartungshaltung beim SCRA eine andere sei als bei der Austria. Wohlgemerkt: eine nicht so hohe. Als Altachs Geschäftsführer Christoph Längle dies am nächsten Morgen las, fragte er bei der NEUE nach, ob das der Trainer tatsächlich so gesagt hatte. Bei dem Telefongespräch erfuhr Längle, dass der Trainer im Vieraugengespräch sogar noch eins draufgelegt hatte und meinte, er könne keinem Sand in die Augen streuen. Längle schloss das Telefongespräch mit den Worten, dass er mit dem Trainer reden müsse. Denn so gehe es nicht.
Der Austria-Macher Hubert Nagel lobte oft Sonderprämien aus, wenn es gegen Altach ging. Setzte es eine Niederlage, hatte er bisweilen Tränen in den Augen oder radelte unmittelbar nach dem Derby nach Hause. Bei einem Sieg schlenderte er im Glashaus zufrieden von Stehtisch zu Stehtisch und spendierte lächelnd eine Flasche Wein. Die Rivalität ging sogar so weit, dass Nagels Stimmung im Ligaalltag nicht nur vom Spielausgang seiner Austria abhängig war – gewannen im Parallelspiel die Altacher, war so manches Mal der Abend für den Austria-Präsidenten verhagelt. Als mal ein Austria-Trainer mit ihm auf einen Sieg anstoßen wollte, war Nagels knappe Antwort: „Altach hat gewonnen. Es gibt nichts zu feiern.“

Spalier für den Aufsteiger
Die Altacher Vereinsführung wiederum brachte es kaum übers Herz, bei den Auswärtsderbys einen Fuß ins Reichshofstadion zu setzen. Es gab tatsächlich Derbys, bei denen Altachs Vereinsspitze nicht in Lustenau gesichtet wurde. Als in der Saison 2013/14 die Rheindörfler drei Runden vor Meisterschaftsende längst als Meister feststanden, ließ Austria-Trainer Helgi Kolviddsson seine Mannen beim Derby im Reichshofstadion Spalier stehen für die Altacher – eine Geste, mit der einige Vorstandsmitglieder der Grün-Weißen überhaupt nicht klarkamen. Fairplay gegenüber Altach, so weit kam es noch.

Ein Vizepräsident drohte dem Austria-Trainer für diese Ungeheuerlichkeit mit Konsequenzen. Dazu kam es nicht, erklären musste sich Kolvidsson aber sehr wohl, obwohl Nagel die Aktion für gut befunden hatte. Es war das bislang letzte Pflichtspiel-Duell der beiden Profimannschaften. Die Austria gewann 5:0 – was beim SCRA, Aufstieg hin oder her, einige ihrer Mannschaft kurzzeitig persönlich nahmen.

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Am 9. Mai 2014 standen die Lustenauer Spalier für Aufsteiger Altach. Das kam nicht bei allen Austria-Vorstandsmitglieder gut an. Gepa/Lerch

Ja, die persönlichen Befindlichkeiten der handelnden Personen brachten wirklich erstaunliche Anekdoten hervor. Gemeinsame Interviews der Vereins-Macher scheiterten häufig am Veto der Altacher. Als Johannes Engl im Februar 2013 die Anfrage für ein gemeinsames Interview mit Austria-Boss Nagel annahm und sich sogar bereit erklärte, das Gespräch im Austria-Cafe zu führen, waren einige in Altach wenig angetan. Hinterher wiederum werteten sie rund ums Schnabelholz das Interview als Punktsieg für ihren Präsidenten. Ein andermal erklärten sich die beiden Teambetreuer Mario Mayer und Markus Reheis zu einem gemeinsamen Interview bereit. Man traf sich in der Cashpoint-Arena. Die Atmosphäre war angespannt, die Giftpfeile flogen hin und her, beim anschließenden gemeinsamen Posieren für den Fotografen schafften es die beiden exakt fünf Sekunden lang, gute Miene zu machen. Die Luft knisterte, nach zwei Aufnahmen musste das Fotoshooting im Sinne aller beendet werden, obwohl die Fotos, na ja, nicht berauschend waren. Aber länger wäre das nicht gutgegangen.

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Nach den Spielen war der Klärungs- und Redebedarf immer groß, denn für gewöhnlich gab es viele strittige Szenen. Hartinger

Keine Schützenhilfe

Ein Abend, der in die Geschichte der Rivalität zwischen Altach und der Austria einging, war der 20. Mai 2011. Obwohl die beiden Vereine gar nicht gegeneinander spielten. Altach kämpfte zwei Runden vor Saisonende um den Bundesliga-Aufstieg und traf im Reichshofstadion auf den FC Lustenau, die Austria gastierte bei Tabellenführer Admira ­Wacker. Die Altacher mussten also ausgerechnet auf Schützenhilfe der Grün-Weißen hoffen. Die Hütter-Elf tat sich lange schwer, entschied das kleine Derby aber in den Schlussminuten für sich. Im Parallelspiel führte die Austria plötzlich 3:1. Bei diesem Zwischenstand wären die Rheindörfler punkt- und torgleich mit der Admira an der Spitze gelegen. Doch die Grün-Weißen kassierten noch vier Gegentore und verloren 3:5. Noch heute glaubt der ein oder andere Altacher, die Lustenauer hätten abgeschenkt, der damalige Austria-Kapitän Christoph Stückler betonte nach dem Spiel: „Wenn wir absichtlich verloren hätten, dann hätten wir das unauffälliger gemacht.“ Das klang zwar logisch – überzeugte aber im SCRA-Lager niemanden, zumal so mancher Austria-Funktionär die Niederlage bejubelte. Nicht wenige Altacher werteten Austrias Niederlage als Rache dafür, dass der SCRA das Aufstiegsderby vom 19. Mai 2006 gewonnen hatte.

Zur Weißglut
Ein Austrianer, der die Altacher ein ums andere Mal zur Weißglut brachte, war Sascha Boller. Der deutsche Flügelflitzer war ein wahrer Meister der Provokation, seine Schwalben waren bisweilen an Dreistigkeit nicht zu überbieten. Während eines hitzigen Spiels rief plötzlich Altach-Trainer Adi Hütter in Richtung Boller: „Du wirst nie in Altach spielen!“ Unmittelbarer war man als Außenstehender wohl nie bei Altachs Kaderplanung dabei. Die Rheindörfler hatten sich damals nämlich mit Boller beschäftigt, nach besagtem Spiel war das Thema im Schnabelholz erledigt. Bis sich Boller eineinhalb Jahre und zwei SCRA-Trainer später Damir Canadi per SMS anbot, was Canadi bei der Derby-Pressekonferenz genüsslich andeutete. Boller ging jedoch nach Grödig.

Eisberg umschifft
Ein anderer Austrianer, der in Altach regelrecht ein Feindbild war, landete tatsächlich bei den Rheindörflern: Trainer Edi Stöhr übernahm im Frühjahr 2012 im Schnabelholz. Die Fans rebellierten, viele Funktionäre waren fassungslos: schließlich war Stöhr fast ein Jahrzehnt lang Austria-Trainer und eine Gallionsfigur der Grün-Weißen. Am Tag nachdem Stöhr beim SCRA vorgestellt wurde, gab er der NEUE ein Exklusivinterview in seiner Kabine. Als das Thema darauf fiel, wie der Kontakt zu Altach entstanden war, musste Stöhr bei Altach-Präsident Karlheinz Kopf nachfragen, welche Version der Ereignisse er denn erzählen sollte. Auch wenn er diesen Eisberg gerade noch so umschiffte, Stöhrs Amtszeit dauerte nur acht Spiele. Der Mann war in Altach einfach nicht vermittelbar.

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Wer das Derby gewinnen wollte, muss hart im Nehmen sein – wie hier Philipp Netzer, der nach einer Kopfverletzung mit Turban weiterspielte. Stiplovsek

Das Warten hat ein Ende
Am Samstag also treffen Altach und Austria Lustenau erstmals seit dem 9. Mai 2014 oder exakt 3025 Tagen wieder aufeinander. Die Luft wird knistern, zu hoffen bleibt nur, dass die Fans vernünftig bleiben. Denn zum Schmunzeln sind die Anekdoten dieser innigen Feindschaft nur so lange, wie keiner zu Schaden kommt. Alles andere wäre, nennen wir es beim Namen: primitiv. In diesem Sinne lebt die Hoffnung auf viele neue Derby-Anekdoten, auf ein packendes Lokalduell, bei dem neue Helden geboren werden. Als neutraler Beobachter kann man bei dem Derby nur gewinnen – denn so unterschiedlich beide Vereine sind: Beide sind auf ihre Art besonders.

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Harte Fouls wie dieses an Harri Dür waren beim Derby an der Tagesordnung. Hartinger

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