Sport

Ein Appell an die Vernunft

18.08.2022 • 14:37 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Fan-Unterstützung wie sie sein soll und alle lieben: Frenetisch und friedlich. <span class="copyright">GEPA/Lerch</span>
Fan-Unterstützung wie sie sein soll und alle lieben: Frenetisch und friedlich. GEPA/Lerch

Wenn am Samstag Altach und Austria Lustenau um drei Punkte kämpfen, prallen Welten aufeinander. Aber keine Feinde. Leider ist das bei einigen Wenigen wohl noch nicht angekommen.

Der Countdown läuft. In zwei Tagen steht in der Cashpoint-Arena das mit Spannung erwartete Derby zwischen dem Cashpoint SCR Altach und Austria Lustenau an. Das Spiel wird ein Spektakel, selbst beim unwahrscheinlichen Fall, dass auf dem Platz eher wenig passiert. Denn die Stimmung wird so oder so elektrisierend sein. Es wird Jubel geben, Pfeifkonzerte – und leider, da muss man kein Prophet sein – auch bitterböse Schmähgesänge über den Gegner. Was eine solche Beleidigung des Gegners für einen verschrobenen Nutzen haben soll, wissen wohl nur diejenigen, die diese Gesänge anstimmen.

Ein Psychologe würde wahrscheinlich in etwa befinden, dass es dabei um eine Selbsterhöhung geht: Dort der unehrenhafte Verein, dessen Anhänger alle abzulehnen sind, weil sie dunklen Mächten verfallen sind. Da der edle Verein, der für echte Werte steht und dessen Anhänger auf der Seite des Schönen und Guten stehen – und somit diejenigen, die diese Parolen skandieren. Nun, es ist das ureigenste Wesen des Fan-Daseins, die Welt in Schwarz und Weiß zu unterteilen. Solange sich diese Einstellung als sportliche Rivalität zeigt, ist dagegen auch wenig einzuwenden. Einem Fan von Austria Lustenau muss das Vereinswappen der Altacher nicht gefallen. Ein SCRA-Fan wiederum darf gerne die Farbe grün hässlich finden. Die Grenze wird aber da überschritten, wo der Respekt für den anderen verloren geht: Wenn die Sticheleien untergriffig und geprägt von Feindschaft, Aggressivität und gar Hass sind – wenn ­Argumente längst unwichtig sind. Weil aus Prinzip alles schlecht ist, was der andere tut oder sagt.

Respekt

Nun rufen aktuell die Altacher und die Austrianer jeweils die ihren dazu auf, am Samstag ein friedliches Fußballfest zusammen zu feiern. Denn allen ist klar: Unter den hartgesottensten Fans wird die Stimmung einem Pulverfass gleichen. Die Hemmschwelle wird bei manchen Unverbesserlichen niedrig sein. Erst recht nach einigen Bechern Bier.
Es ist gut und wichtig, dass beide Vereine an ihre Fans appellieren und klarstellen, dass sie keine Anfeindungen und schon gar keine Gewalt dulden. Kurzfristig können beide Lager gar keinen anderen Einfluss mehr nehmen. Eine große Polizeipräsenz wird ihr Übriges tun.
Aber mittel- und langfristig reicht es nicht aus, wenn die Klubbosse einige Tage vor dem Derby plötzlich den Respekt für den Lokalrivalen entdecken. Auf Dauer – und das ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung – hilft nur, wenn die Macher beider Seiten den gegenseitigen Respekt im Alltag leben. Und auch mal das Gemeinsame hervorheben.

Verpasste Chance

Dieser Tage verpassen die Altacher und Austrianer die Möglichkeit, bei einer gemeinsamen Derby-Pressekonferenz Brücken zu bauen. Schade! Nun wird es schon so sein, dass beide Klubs Sponsorenverpflichtungen haben und deshalb getrennt voneinander vor die Presse müssen. Aber dann hätte man ja einen zusätzlichen Termin finden können. Bei diesem Anlass hätten zum Beispiel ehemalige Spieler beider Seiten von legendären Duellen erzählen können. Und dabei vielleicht auch mal offenbaren können, dass man sich nach einem Spiel durchaus mal bei einem Bier gemeinsam über die Partie unterhalten hat. Das sehen und wissen die Fans ja nicht. Die sehen nur, wie sich die Spieler auf dem Feld behacken und wild gestikulierend einander anschreien.

Dass die Spieler beider Vereine abseits vom Platz mitunter ganz gut miteinander können, wissen nur Vertraute. Man ist Berufskollege, der Gegenspieler von heute kann der Mitspieler von morgen oder der Mannschaftskamerad von gestern gewesen sein. Jan Zwischenbrugger zum Beispiel. Er lief zwischen 2010 bis 2013 in acht Derbys für Austria Lustenau auf, 2014 wechselte nach Altach. Zwischenbrugger war zu Austria-Zeiten derselbe feine Typ wie er es heute ist, daran ändert doch nichts, welches Trikot er trägt; oder um es noch weiter zu versachlichen: welchen Arbeitgeber er hat. Dasselbe gilt für Matthias Maak. Bis Sommer 2020 ein Altacher, seither ein Austrianer. Der Mann war weder in seinen Altacher Tagen ein Alien, noch ist er in Lustenau zu einem geworden.
Genauso wäre dieser Tage eine gemeinsame Pressekonferenz der Vereinsrepräsentanten möglich gewesen. Zu Zweitligazeiten gab es jedenfalls vor jedem Derby eine gemeinsame Presskonferenz. Was freilich auch daran lag, dass es zumeist einen ­Spieltags-Sponsor gab. ­Trotzdem würde ein gemeinsamer Auftritt Sinn machen. Und wenn es daran scheitert, dass die einen nicht nach Lustenau und die anderen nicht nach Altach wollen, dann könnte man sich ja zum Beispiel auf einen neutralen Boden wie das Olympia­zentrum Vorarlberg verständigen.

Klima verbessern

Ja, um das Klima unter den Fans nachhaltig zu verbessern, werden einige Vereinsvertreter über ihren Schatten springen müssen. Es bleibt auch bei ausgestreckter Hand noch genügend Rivalität übrig. Zumal die Vereine so unterschiedlich sind. In Wahrheit profitieren ja sogar beide Vereine voneinander. Denn Konkurrenz belebt das Geschäft und mobilisiert die Massen. Das Derby ist seit Tagen ausverkauft.

Vielleicht ist es dahingehend ein Segen, dass die Austrianer in naher Zukunft vorübergehend in Altach ihre Heimspiele bestreiten müssen. Dann nämlich, wenn das Reichshofstadion neugebaut wird. Vielleicht können beide Seiten dann beim alltäglichen Kontakt die Vorurteile abbauen. Denn Vorurteile sind, mit Verlaub, einfach scheiße.

Für das Derby am Samstag wurden also einige Chancen verpasst. Vielleicht auch einfach nur, weil die Zeit noch nicht reif war. Oder weil beide Vereine gerade einen Umbruch erleben. Die Altacher mit Miroslav Klose, die Lustenauer durch den Aufstieg. Es bleibt aber zu hoffen, dass die beiden Klubs in Zukunft auch mal das Verbindende vor das Trennende stellen. Denn dann werden es die ohnehin nur wenigen ­Unverbesserlichen immer schwieriger bekommen, gedankenlose Mitläufer zu finden. Und wo keine Mitläufer, da kann bei den Provokateuren auch die selbsterlebte Akzeptanz für ihr Verhalten schwinden.

Zeugnis

Zwei Tage also noch, dann steht das große Derby an. Es wird ein Duell der Gegensätze, ein emotionaler Kampf, bei dem es um wichtige drei Punkte geht – aber auch nicht mehr. Dementsprechend darf und soll die Stimmung gerne aufgeheizt sein.

Aber es muss allen klar sein: Mit Altach und Austria Lustenau treffen am Samstag keine Feinde aufeinander, sondern zwei Sportvereine. Wer dabei als Fan Grenzen überschreitet, stellt nicht dem ungeliebten ­Lokalrivalen ein schlechtes Zeugnis aus, sondern sich selbst. Oder um es mit Forrest Gump zu sagen: Dumm ist, wer Dummes tut.

Gewinnspiel zum Derby

Die NEUE am Sonntag verlost zwei Jahresabos unter all jenen Altach- und Austria-Fans, die sich beim Derby die Hand geben und uns davon ein Foto schicken. Das Motto: In den Farben getrennt, in der Sache vereint.

Teilnahme unter: hannes.mayer@neue.at .

Teilnahmeschluss: Mittwoch, 24. August, 12 Uhr.

Kontaktdaten nicht vergessen.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.