Sport

Der Tag, an dem die Spiele Trauer tragen

03.09.2022 • 19:51 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Ein als Sportler verkleideter Polizist vor der gescheiterten ersten Befreiungsaktion. <span class="copyright">dpa/Ossinger</span>
Ein als Sportler verkleideter Polizist vor der gescheiterten ersten Befreiungsaktion. dpa/Ossinger

Am 5. September 1972 fallen palästinensische Terroristen in das israelische Quartier im olympischen Dorf ein, töten zwei Menschen und nehmen neun Geiseln. Die dunkelsten Stunden der olympischen Geschichte enden in einer Tragödie.

Es ist 4.10 Uhr am frühen Morgen des 5. September 1972, als Postbeamte bemerken, wie mehrere Männer über den Zaun des olympischen Dorfs klettern. Sie halten die Männer für Sportler, die sich in ihre Unterkunft schleichen. Die Beamten stehen noch unter den Eindrücken des zurückliegenden neunten Wettkampftages, an dem Mark Spitz seine siebte Goldmedaille gewonnen und Backfisch Ulrike Meyfarth mit 16 Jahren im Hochsprung triumphiert hatte. Die Spiele sind ein voller Erfolg, sie sind heiter und unbekümmert, die rund 4000 Polizisten tragen keine Uniformen, sondern legere Anzüge im freundlichen Hellblau. Viele von ihnen sind unbewaffnet. Die Sicherheitsvorkehrungen sind bewusst lasch, Deutschland will sich der Welt nach den Nazispielen von 1936 als tolerante, offenherzige, friedvolle Gesellschaft präsentieren.

Bei der Gruppe junger Männer handelt es sich jedoch nicht um heimkehrende Athleten. Sondern um Terroristen, die gekommen sind, um Angst und Schrecken zu verbreiten und wenn nötig: um zu morden. Die acht Terroristen sind mit Kalaschnikows bewaffnet, es sind Palästinenser auf dem Weg zum israelischen Quartier. Sie wollen hunderte Inhaftierte freipressen, wie die beiden RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof, vor allem aber palästinensische Gesinnungsgenossen. Es ist ein Leichtes für die Attentäter, elf Israelis als Geiseln zu nehmen, zwei von ihnen töten sie sofort. Die Polizei wird um 5.21 Uhr alarmiert, die Geiselnehmer verlangen von Israel bis 9 Uhr die Freilassung von 328 Gefangenen. Doch Regierungschefin Golda Meir lehnt ab, sie will Israel nicht auf alle Zeit erpressbar machen und damit das Leben von israelischen Bürgern gefährden.

Auch der Athlet und "Superstar der Spiele" Mark Spitz ist in Gefahr. <span class="copyright">Wikipedia</span>
Auch der Athlet und "Superstar der Spiele" Mark Spitz ist in Gefahr. Wikipedia

Pressekonferenz

In Gefahr ist nicht zuletzt auch Mark Spitz, der Superstar der Spiele, mehr noch, der größte Athlet aller Zeiten – und Jude. Spitz soll um 9.30 Uhr im olympischen Pressezentrum eine Pressekonferenz geben. Als er dort ankommt, erfährt er von dem Anschlag. Die Pressekonferenz wird trotz der dramatischen Ereignisse vor einer Horde an Journalisten durchgeführt, ja, selbst die Wettkämpfe finden wie geplant statt.

Das erste Ultimatum der Geiselnehmer läuft um 12 Uhr ab, nach Verhandlungen verlängern sie die Frist erst bis 15 Uhr und dann bis 17 Uhr. Inzwischen säumen tausende Schaulustige die Gegend um den Tatort. Um 15.38 Uhr werden endlich die Wettkämpfe unterbrochen.

Befreiungsversuche

Für 16.30 Uhr ist eine Befreiungsaktion geplant. Als Sportler verkleidete Polizisten haben sich mit Maschinenpistolen positioniert. Im letzten Augenblick wird die Aktion abgebrochen. Man hatte vergessen, den Strom im israelischen Quartier abzuschalten, und so hatten die Terroristen aus den Live-Übertragungen im Fernsehen von der geplanten Befreiung erfahren. Derweil wird die Angst vor weiteren Anschlägen immer größer, und die Vermutung liegt nahe, dass Superstar Spitz ein Ziel sein könnte. Der Amerikaner wird von sechs bewaffneten Sicherheitskräften bewacht.

Um 18 Uhr fällt die Entscheidung, dass Spitz nach London ausgeflogen wird. Jetzt plant die Polizei eine zweite Befreiungsaktion. Man geht scheinbar auf die Forderung der Terroristen ein, sie wollen zusammen mit ihren neun noch lebenden Geiseln nach Kairo ausgeflogen werden. In der Tiefgarage soll ein Bus warten, der sie zum Militärflughafen Fürstenfeldbruck bringt. Die Terroristen vermuten eine Falle, ihr Verhandlungsführer verlangt eine Besichtigung der Tiefgarage. Münchens Polizeipräsident Manfred Schreiber begleitet ihn, und weil Schreiber weiß, dass Scharfschützen lauern, ruft er immer wieder laut: „Nicht schießen! Das ist ein Probegang!“ Der Geiselnehmer versteht die Ansage, jetzt muss man der Ausreise der Terroristen tatsächlich zustimmen.

Zwei der acht arabischen Terroristen zeigt sich auf dem Balkon des israelischen Mannschaftsquartiers im olympischen Dorf. <span class="copyright">dpa</span>
Zwei der acht arabischen Terroristen zeigt sich auf dem Balkon des israelischen Mannschaftsquartiers im olympischen Dorf. dpa

Um 22.06 Uhr steigen die acht Palästinenser samt ihren gefesselten Geiseln in der Tiefgarage in einen Bus, nach der Ausfahrt stehen zwei pilotierte Helikopter für sie bereit, und in Fürstenfeldbruck wartet eine Boeing 727 auf sie. Am Flughafen sind erneut Scharfschützen positioniert, aber weil man von nur von fünf Geiselnehmern ausgeht, sind auch nur fünf Scharfschützen im Einsatz – und die sind keine Präzisionsschützen, sondern gewöhnliche Streifenbeamte. In der Boeing sind Polizisten, ebenfalls Streifenbeamte, als Besatzungsmitglieder getarnt. Doch kurz bevor die Hubschrauber um 22.29 Uhr in Fürstenfeldbruck landen, verlassen die Polizisten eigenmächtig das Flugzeug und türmen aus Angst. So gerät auch diese Befreiungsaktion völlig außer Kontrolle. Als zwei der Terroristen das Flugzeug inspizieren und feststellen, dass keine Besatzung an Bord ist, eilen sie zu den Helikoptern zurück. Alle Scheinwerfer am Flughafen gehen aus, die Einsatzkräfte eröffnen das Feuer. Weil die Polizisten keinen Funkkontakt und noch nicht mal Nachtsichtgeräte haben, schießen sie ohne Zielabsprache, ein heftiger Schusswechsel entsteht.

Fatal

Als Verstärkung eintrifft, kennen die dazugekommenen Polizisten die Positionen der Scharfschützen nicht und verwunden einen ihrer Kollegen schwer. Tausende Schaulustige belagern am Haupteingang den Flughafen. Gegen 23 Uhr verkündet ein Pressesprecher, dass alle Geiseln gerettet seien, um 23.31 Uhr geht eine Eilmeldung um die Welt, wonach die Geiselnahme zu Ende war. Allein: Nichts davon stimmt. Als um 0.00 Uhr endlich die Panzer eintreffen, auf die man bei der Planung vergessen hatte, realisieren die Terroristen, dass die Geiselnahme gescheitert ist. Ein Attentäter wirft eine Handgranate in einen der Hubschrauber, die Explosion tötet vier Geiseln. Die anderen fünf Geiseln sterben im anderen Hubschrauber während des Schusswechsels. Um 1.32 Uhr ist es traurige Gewissheit: Alle Geiseln sind tot, ein Polizist ist gestorben, und auch fünf der acht Terroristen haben nicht überlebt.

Der Hubschrauber, den die Terroristen in die Luft sprengten. <span class="copyright">AP</span>
Der Hubschrauber, den die Terroristen in die Luft sprengten. AP

Eine Sirene heult auf. Was war das für ein Signal? Sekundenbruchteile später landet der Freiwurf des Amerikaners Doug Collins im Korb, Amerika führt im Basketballfinale gegen die UdSSR drei Sekunden vor dem Ende mit 50:49. Ja, die Spiele sind weitergegangen. IOC-Boss Avery Brundage hat zuvor am 6. September bei der Trauerfeier im Olympiastadion verkündet: „The games must go on“. Selbst die Israelis sind dafür, dass man sich nicht dem Terror unterjocht. Die Welt dreht sich eben immer weiter. Und so spielen sich am 9. September in der olympischen Basketballhalle tumultartige Szenen ab. Das Signal, das unmittelbar vor dem zweiten Freiwurf ertönte, war tatsächlich eine Sirene. Die Russen hatten ein Timeout genommen, ob rechtzeitig vor dem ersten Freiwurf oder nicht ist strittig.
Selbst die sowjetischen Spieler ignorieren die Sirene und werfen den Ball ein, bis das Spiel nach heftigen russischen Reklamationen bei einer verbliebenen Sekunde unterbrochen wird. Die Offiziellen gewähren der UdSSR das Timeout, lassen aber den zweiten Freiwurf nicht wiederholen – und auch das Timeout selbst findet gar nicht statt. Es soll einfach eine Restspielzeit von drei Sekunden auf die Uhr, wieder werfen die Russen von der Grundlinie aus ein, der lange Pass misslingt, wieder ertönt die Sirene, das Spiel ist aus. Die Amerikaner feiern ihren Olympiasieg, doch die Diskussionen gehen weiter. Man hätte die Uhr nicht auf die vollen drei Sekunden zurückgestellt. FIBA-Generalsekretär Jones ordnet unbefugterweise an, dass die Russen abermals Einwurf bekommen und die Uhr auf volle drei Sekunden zurückgedreht werden müsse. Die Amerikaner toben, aber gehen zurück aufs Feld. Center Tom McMillen unterläuft dabei ein absurder Fehler. Er blockt nicht den Einwurf, sondern zieht sich zurück, der Russe hat freie Sicht, findet mit einem langen Ball seinen Mitspieler Alexander Belov, der zum 51:50-Sieg für die UdSSR einwirft.

Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher (2.v.l.) verhandelt mit einem Terroristen, der eine Sturmhaube, eine schwarze Sonnenbrille und einen weißen Hut trägt. <span class="copyright">dpa</span>
Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher (2.v.l.) verhandelt mit einem Terroristen, der eine Sturmhaube, eine schwarze Sonnenbrille und einen weißen Hut trägt. dpa

Unvergessen

Am 11. September endeten die Sommerspiele mit einem Tag Verspätung. Die Spiele unter dem Zeltdach hatten so beschwingt begonnen, bis der Anschlag den Traum von heiteren Spielen zerstörte und alles dumpf wurde. Doch die olympische Bewegung war und ist stärker als die zerstörerischen Kräfte des 5. September 1972, gerade weil danach nichts und nie mehr so war wie davor. Die Opfer von München sind unvergessen.