Österreich

Corona-Zahlen „besorgniserregend“

10.09.2020 • 10:04 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl (im Hintergrund: Gesundheitsminister Rudolf Anschober)
Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl (im Hintergrund: Gesundheitsminister Rudolf Anschober) (c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)

Raschere Fallidentifikation, fordert Puchhammer-Stöckl.

Die jüngsten Zahlen nachgewiesener Covid-19-Infektionen mit über 500 neuen Fällen täglich wertet die Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl als einigermaßen „besorgniserregend“. Die Entwicklung der vergangenen sieben Tage weise leider in Richtung „Anstieg“. Es brauche angesichts der Zahlen eine verbesserte und raschere Fallidentifikation und Kontaktnachverfolgung, sagte die Forscherin zur APA.

Steigende Infektionszahlen

Ungeachtet der aktuellen Frage, ob die seit Montag erhöhten Tageswerte zum Teil auf Nachmeldung von früheren Testungen zurückzuführen sind, gehe der längerfristige Corona-Trend „wirklich hinauf“. Österreich war sehr lange „gut unterwegs“, sei nun aber mit einer anderen Entwicklung konfrontiert.

Die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz, die angibt, wie viele neu gemeldete Corona-Infektionen pro 100.000 Einwohner im Zeitraum einer Woche auftreten, gehe momentan hierzulande gegen 30. Während dieser Indikator in Frankreich und vor allem Spanien derzeit freilich um ein Vielfaches höher liegt, stehe man in Deutschland hingegen bei einem Wert um zehn, gab die Virologin vom Zentrum für Virologie der Medizinischen Universität (MedUni) Wien zu bedenken.

Plus 94 Fälle in Niederösterreich

Die Zahl der bestätigten Coronavirus-Infektionen in Niederösterreich ist bis Donnerstagfrüh um 94 auf 4.495 gestiegen. 3.958 Personen, um 40 mehr als am Vortag, galten nach Angaben des Sanitätsstabs als genesen. Unverändert 109 Todesopfer sind im Zusammenhang mit Covid-19 im Bundesland zu beklagen. Aktuell erkrankt waren somit 428 Menschen, 222.233 Testungen wurden bisher durchgeführt.

Mit steigender Anzahl an Fällen kommt der verlässlichen und vor allem schnellen Diagnosestellung und Kontaktnachverfolgung eine noch entscheidendere Bedeutung zu. Nicht nur in Österreich dauere es aber mitunter immer noch mehrere Tage bis diese Maßnahme ins Rollen kommt. Hier handle es sich aber „um DAS Mittel, das die Epidemie derzeit bekämpfen kann. Das ist auch der Tenor aus verschiedenen Ländern“, so Puchhammer-Stöckl.

Ob aufgrund der neuen Dynamik am Ende der Woche die Corona-Ampel der Bundesregierung, wie von Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) erwartet, in Innsbruck von grün auf gelb umspringt, lasse sich vor der Sitzung der Ampel-Kommission am Donnerstag noch nicht sagen. Eine Umstellung der Farbschaltung der Tiroler Landeshauptstadt sei schon in der vergangenen Woche im Raum gestanden, so die Wissenschafterin, die als eine von fünf Expertinnen und Experten Teil des 19-köpfigen Ampel-Gremiums ist.

Corona-Ampel als gutes Werkzeug

Die bereits vergangene Woche bei ihrer Premiere vor allem in Bezug auf die Gelb-Einstufung von Linz scharf kritisierte Corona-Ampel ist für Puchhammer-Stöckl „ein wirklich gutes Werkzeug zur epidemiologischen Einschätzung, die passgenau für kleinere Bereiche ist – sonst würde ich da nicht mitmachen“. Man müsse eben unterscheiden, ob es in einem ländlicheren Bezirk einen größeren Cluster und sonst nahezu keine Fälle gibt, oder man es mit einem ständigen Infektionsgeschehen etwa in einer Stadt zu tun hat. „Das ist einfach anders zu bewerten“, sagte die Virologin.

An einer Bewertung von etwaigen Effekten des Schulstarts in Ostösterreich könne man sich hingegen erst in einiger Zeit seriös versuchen. In Deutschland, wo das Herbstsemester teils schon deutlich früher begonnen hat, gebe es zwar „etliche Fälle an Schulen, aber noch keine großen Clusterausbrüche“.

Dass nun der britische Pharmakonzern AstraZeneca seine weltweiten Tests mit einem vielversprechenden Corona-Impfstoffkandidaten wegen eines Krankheitsfalls bei einem Studienteilnehmer unterbrochen hat, zeige, dass man mit Prognosen zur künftigen Verfügbarkeit von Impfstoffen „sehr vorsichtig sein muss“. Wenn erste Medienberichte stimmen, und es sich bei dem Fall in Großbritannien tatsächlich um eine transversale Myelitis – eine seltene Art der Rückenmarksentzündung, die mit schweren neurologischen Komplikationen ähnlich einer Querschnittslähmung einhergehen kann – handelt, „ist es extrem wichtig, dass das jetzt abgeklärt wird“.

Hier handle es sich um eine mögliche schwere Nebenwirkung. Man kenne dieses Krankheitsbild etwa als sehr seltene Komplikation nach Viruserkrankungen, aber auch als Symptom bei Multipler Sklerose, so Puchhammer-Stöckl.