Österreich

Stornos in Skiorten, leere Hotels in Städten

18.09.2020 • 10:52 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Michaela Reitterer fungiert seit 2013 als Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV)
Michaela Reitterer fungiert seit 2013 als Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) ÖHV/(c) Florian Lechner

Michaela Reitterer: „Die Reisewarnungen sind der Hammer.“

Greift man sich als Hotelier, als Unternehmer angesichts der mangelhaften Lösungskompetenz zum Fixkostenzuschuss nicht an den Kopf?
MICHAELA REITTERER: Ich weiß schon, was Sie gerne hören würden. Aber ich verstehe, dass bei allen Beteiligten die Nerven blank liegen. Jeder hätte sich gewünscht, dass es glatt über die Bühne geht. Überall agieren nur Menschen, insofern darf auch einem Herrn Selmayr einmal der Kragen platzen. Ich möchte nicht in der Haut unserer Politiker stecken. Wir alle sind in einer Ausnahmesituation.

Wie finden Sie die neuesten Maßnahmen der Regierung?
Gut. Jetzt ist mit Partys hinter verschlossenen Türen nach der Sperrstunde in Lokalen oder in Airbnb-Wohnungen Schluss. Viele Fälle in Wien gehen darauf zurück. Wenn die Leute keinen Hausverstand haben, muss die Regierung eingreifen.

Geht im Herbst die Hotellerie, der Tourismus völlig in die Knie?
Die Reisewarnungen, speziell von Deutschland, sind natürlich der Hammer. Das wird Kreise sehr weit über Wien hinaus ziehen. Es geht nicht mehr nur um Gäste aus Deutschland. Es hagelt schon Stornierungen, sogar von Österreichern, die im Burgenland Urlaub machen wollten. Auch in den Skiorten knallen seit gestern die Stornos herein. Jetzt müssen wir als Unternehmer mit einer denkbar dünnen Datenlage schwierige Entscheidungen treffen. Es wird nicht die ganze Branche am Boden liegen, aber wir stehen vor riesigen Umwälzungen.

Das Hotel Sacher ist mit seinen Kündigungen früher dran als andere, die erste sichtbare Spitze eines Eisberges. Erwarten Sie in Kürze eine Kündigungswelle?
Dass das Sacher und auch viele andere Unternehmen diesen Schritt setzen mussten oder setzen müssen, ist klar. Wir hatten alle wegen des sensationellen Jahres 2019 höchste Beschäftigungsstände. Wir wissen nicht, wann wir je wieder so viele Mitarbeiter brauchen werden. Die Erholung wird in den Städten Jahre dauern, aber es wird die Kurzarbeit nicht Jahre geben.

Eine Verlängerung der Kurzarbeit in der Hotellerie bis Ende 2021 würde aber noch helfen?
Ja, für die Stadthotellerie fordere ich das. Diese Botschaft ist auch schon angekommen. Wir hoffen schließlich, dass es in der zweiten Jahreshälfte 2021 wenigstens etwas aufwärts geht. Wir brauchen zudem eine Adaptierung, um die Kurzarbeit flexibler gestalten zu können. Dienstleistung funktioniert anders als Produktionsbetriebe.

Die Hürde von 30 Prozent Beschäftigung ist noch zu hoch?
Viel zu hoch. Da bitte ich sehr um Änderung. Auch ein 14. Gehalt, das Weihnachtsgeld, muss vom Betrieb bezahlt werden wie auch der Urlaub. Viele Betriebe werden sich die Kurzarbeit gar nicht mehr leisten können. Bar jeder Realität ist auch, dass nur Betriebe den Fixkostenzuschuss bekommen sollen, die nicht mehr als drei Prozent der Mitarbeiter kündigen.

Wenn der Fixkostenzuschuss nicht kommt, was bedeutet das?
Dann wird es ganz schnell ganz finster. 95 Prozent der Betriebe in der Stadt müssen Mieten zahlen, wenn jemand das länger nicht kann, fallen irgendwann Vertragsgrundlagen weg. Jetzt reden wir nur über den Fixkostenzuschuss II bis Ende Dezember. Für uns ist ein Fixkostenzuschuss III überlebenswichtig.

Eine Welle von Hotelschließungen wäre sonst die logische Folge?
Das ist klar das Thema.

Wie viele Hotels in Wien sind aktuell zugesperrt?
Im Sommer haben laufend welche wieder aufgemacht. Vergangene Woche hatten 75 Prozent geöffnet. Allein gestern habe ich von einigen gehört, die schon wieder schließen.

Wie hoch ist die Auslastung derzeit im Schnitt?
Um die 20 Prozent. Aber für September, Oktober sieht es ganz, ganz schlecht aus.

Die Hotels sind eigentlich leer?
Ja. Es ist wirklich dramatisch.

Welche Rettungsanker gäbe es noch, wenn keine Einigung über den Fixkostenzuschuss gelingt?
Dann werden wir und andere Branchen gemeinsam mit der Regierung eine andere Möglichkeit finden müssen. Ich bin aber noch voll der Hoffnung, dass sich auf Seiten der EU doch etwas tut. Es ist in den anderen Ländern ja auch nicht besser. Wir brauchen nur nach Barcelona oder Madrid schauen, alle sind auf Hilfe angewiesen. Die Probleme in der Hotellerie schlagen doch irgendwann auf viele andere Bereiche über. Investieren Hotels nicht, ist allein das Handwerk mit allen Gewerken massiv betroffen.