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Virologe warnt vor Öffnung der Geschäfte

06.12.2020 • 14:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Florian Krammer, Impfstoffforscher
Florian Krammer, Impfstoffforscher Sebastian Krammer

Gebürtiger Steirer forscht in New York an Covid-19-Impfstoffen.

Der am New Yorker Mount Sinai Hospital in New York tätige steirische Virologe Florian Krammer ist skeptisch bezüglich der am Montag in Kraft tretenden Lockerungen des Lockdowns in Österreich: „Aus virologischer Sicht ist das nicht besonders klug. Wenn man noch so viele Virusinfektionen hat, kann es sehr leicht dazu kommen, dass es gleich wieder zu einer explosionsartigen Ausbreitung des Virus kommt“, sagte er am Sonntag in der ORF-Ö3-Radiosendung „Frühstück bei mir“.

Zahlen noch zu hoch

„Es wäre besser gewesen, wenn man noch in dem Lockdown geblieben wäre, bis die Zahlen wirklich hinuntergehen. Sie sollten unter 500 gehen, besser noch 200, bis man sagt, dass die Restriktionen gelockert werden können“, betonte Krammer.

„Kurzfristige Nebenwirkungen“

Krammer glaubt aber, dass das Immunsystem stark auf die drei kurz vor der Zulassung stehenden Impfstoffkandidaten – neben der Vakzine von Biontech/Pfizer sind das ein weiterer mRNA-Impfstoff von Moderna und der Vekror-Impfstoff von AstraZeneca – stark reagieren wird. „Das äußert sich in Schmerzen an der Einstichstelle, es kann sein, dass man sich müde fühlt für ein oder zwei Tage, in manchen Fällen tritt Kopfweh auf oder auch erhöhte Temperatur.“ Man sehe das vermehrt bei neuen Impfstoffen. „Das muss man den Leuten mitteilen. Es sind kurzfristige Nebenwirkungen, die nicht gefährlich sind, aber sehr unangenehm.“ Wegen dieser Nebenwirkungen sei es „auch sehr unwahrscheinlich, dass diese Covid-19-Impfstoffe für Kinder zugelassen werden“.

Offene Fragen bei Impfstoff

Am heutigen Stand der Forschung sei eine Auffrischung „wahrscheinlich nach ein paar Jahren notwendig“, erläuterte der Experte. Zur Wirkung: „Der Impfstoff schützten vor Erkrankungen, man spricht von einer 95-prozentigen Effizienz – das heißt, das Risiko zu erkranken wird durch die Impfung um 95 Prozent reduziert. Ob die Impfung vor Infektionen schützt, ist eine offene Frage. Das muss weiter untersucht werden – ich kann mir vorstellen, dass Leute, die geimpft sind, sich auch noch infizieren können und weiter ansteckend sind.“ Eine Durchimpfungsrate von 75 Prozent wäre erstrebenswert, „damit sich schnell etwas ändert“, meinte Krammer.

Der Experte vermutete, „dass das Leben im späten Frühjahr, Anfang Sommer wieder relativ normal sein wird“. Auch auf die Masken werde man wieder verzichten können. „Wir werden das Virus nicht eliminieren, das wird uns bleiben, aber wenn es wenig Fälle gibt ist es kein Problem. Im privaten Bereich wird sich wesentlich rascher etwas verändern: wenn in einer Familie die Hochrisikopatienten geimpft sind, kann man schnell wieder zu einem normalen Leben zurückgehen.“ Die Impfpflicht lehnt Krammer ab: „Ich halte davon gar nichts. Eine Impfpflicht ist kontraproduktiv. Wenn man Leute zwingt etwas zu tun, dann wird die Opposition stärker.“

Erste Länder starten mit der Impfung

Russland hatte indessen als erstes Land der Welt ein Vakzin zur breiten Anwendung zugelassen und bereits Zehntausende Freiwillige impfen lassen. Das Riesenreich entwickelt weitere Vakzine. Die Wirksamkeit von „Sputnik V“ wird mit 95 Prozent angegeben. Unabhängige Studien zu dem Impfstoff sind aber bisher nicht bekannt. Nachdem die ersten Impfdosen in Großbritannien eingetroffen sind, will der britische Gesundheitsdienst National Health Service am kommenden Dienstag mit dem Impfen beginnen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte allerdings davor, die Impfungen als alleiniges Mittel gegen die Corona-Pandemie zu sehen. „Die Impfungen alleine werden den Job nicht machen“, sagte WHO-Experte Mike Ryan in Genf. Sie seien zweifelsfrei ein mächtiges und wirkungsvolles Werkzeug. Aber viele bisherige Hygieneregeln wie soziale Distanz, das Tragen von Masken und häufiges Händewaschen müssten zunächst weiterhin beachtet werden.